Sonntag, 26. Juli 2015

Rezension: "Wahre Kultur gedeiht nicht, sei es denn auf dem Boden der Muße"

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Hubert Milz rezensiert
Josef Pieper: Muße und Kult, 144 Seiten, 14,95 Euro, Kösel
Der Volksmund kennt das Sprichwort: "Müßiggang ist aller Laster Anfang." Der gleiche sprichwörtliche Volksmund sagt jedoch auch: "In der Ruhe liegt die Kraft." Dass jenes erstgenannte Sprichwort nicht die Muße meinen kann, sondern nur die Faulheit, dies fächerte der Philosoph Josef Pieper in diesem zwar schmalen, aber ungeheuer tiefschürfenden Büchlein in eindrucksvoller Weise auf.

Josef Pieper legt dar, dass eines der Fundamente der abendländischen Kultur die Muße ist - und dabei geht es nicht um das Faulenzen, sondern um alte Weisheiten, denn "sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; aber am siebenten Tage, da sollst du keine Arbeit tun."

Muße ist eben nicht bloßes Nichtstun, sondern es geht darum, ob und wie der Mensch mit sich selbst etwas anfangen kann, dass der Mensch in sich Ruhe findet - "Muße ist ein Zustand der Seele!". Muße heißt auf lateinisch "schola" und auf alt-griechisch "scholḗ" - unser deutsches Wort Schule leitet sich von "schola'' bzw. ''scholḗ" ab; Schule steht also ursprünglich für "die freie Zeit, für die Ruhe", in welcher der "spielende Mensch" seine schöpferische Kraft entwickelt.

Bezüglich der abendländischen Weisheitstradition, also der Philosophie der alten Griechen in Verbindung mit den Lehren von Thomas von Aquin, auf welche Josef Pieper sich bezieht, kann das eingangs genannte Sprichwort umformuliert werden in "Müßiggang ist aller Freuden Anfang" (Verena Begemann), denn in der Freiheit von der Arbeit war es möglich über das gute Leben nachzudenken - oder in Josef Piepers Worten: "Wahre Kultur gedeiht nicht, sei es denn auf dem Boden der Muße". Ergo gilt, aus der Muße erwachsen Kultur und Kult, und der Kult ist innig mit dem Fest verbunden - beide sind ineinander verwoben. Das echte Fest wurzelt im Kultus und erst bei einem echten Fest ist Entspannung in der Nicht-Tätigkeit - also Muße - möglich; und in Muße und Kult ruht eben auch die sinnhafte Tätigkeit: Die Entspanntheit der Muße trägt ihre Früchte in der angespannten Tätigkeit der sinnhaften Arbeit und äußert sich in lebensbejahender Gelassenheit.

Was folgt daraus? Mit Sicht auf die heutige Zeit können unter Bezugnahme auf die alte abendländische Weisheitstradition mancherlei kritische Anmerkungen vorgebracht werden. Hektische Geschäftigkeit während der Freizeit und innere Rastlosigkeit durch nervöses Freizeit-Management sind das Gegenteil der Muße, zweckgebundene Feste sind keine Feste im Sinne der Muße. Alles dies subsumiert die alte abendländische Weisheitstradition unter "Trägheit". Auch die Rastlosigkeit und hektische Geschäftstätigkeit während der Arbeitszeit - also auch die sogenannte Arbeitssucht des Workaholics - ist in diesem Sinne nur als "Trägheit" zu sehen.

Heutzutage fehlt weitgehend die Muße, es herrscht in der Arbeits- und Freizeitwelt ein Denken vor, welches als vulgärer, grob-materieller Utilitarismus, der nur auf "materiellem, technischem Nützlichkeitsdenken" basiert, bezeichnet werden kann.
Wie Josef Pieper 1974 in einem Vortrag richtig sagte, ist eine solche Denkungsart nur als "liberalistische Illusion" zu zeichnen, aus welcher keinesfalls irgendetwas "Gutes" und "Schönes" erwachsen kann - das "gute Leben" wird daraus nicht resultieren.
Hier ist der "katholische Philosoph" Josef Pieper einig mit Friedrich August von Hayek, dem Theoretiker der "liberalen Wiener Schule der Nationalökonomie". Friedrich August von Hayek bezeichnete einen solchen Utilitarismus als "konstruktivistischen Irrtum", der umgesetzt in die Praxis unmöglich die spontanen Regeln, die für eine gute und lebenswerte Gesellschaft zwingend notwendig sind, wachsen und gedeihen lässt.

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