Mittwoch, 15. Juli 2015

Rezension: Fundiertes Werk zur Mont Pèlerin Society

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Hubert Milz rezensiert
Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus: Eine Studie zu Entwicklung und Ausstrahlung der Mont Pèlerin Society", 516 Seiten, 59 Euro, Lucius & Lucius.
Philip Plickert legt mit diesem Buch eine fundierte Gesamtsicht auf den Liberalismus und den Neoliberalismus vor. Er zeigt den ideengeschichtlichen Werdegang und Niedergang des klassischen Liberalismus, etwa wie die Stichwortgeber (z. B. John Locke, David Hume, Adam Smith, Edmund Burke) das Denken in Bezug auf Absolutismus, Merkantilismus oder mittelalterlichem Feudalismus aufbrachen; wie die vielen Umbrüche im Gefolge der "Französischen Revolution" den alten Feudalismus ablösten und den Weg für die sogenannte industrielle Revolution in der Zeit nach Napoleon ebneten; wie das 19. Jahrhundert zu einer Epoche des Wirtschaftswachstums wurde und so die Menschen aus der Malthusianischen Falle führte; wie die industriellen Zentren, die für Arbeit und Brot sorgten und so wie ein Magnet die arme Landbevölkerung, die überleben wollte, anzogen; wie verschieden die Strukturen der Industriestadt zum alten Land waren, dadurch die alten ländlichen Bindungen, Sicherheiten und das ländliche Geborgensein verloren gingen; wie das Bedürfnis nach diesen alten Sicherheiten und dem Geborgensein bei den Menschen weiterbestand und so die Schleusen öffnete für die Wiederbelebung etatistisch-interventionistischer Ideen in neuem Gewand; wie solche Ideen unter dem Namen von Freiheit den klassischen Liberalismus, trotz aller ökonomischen Erfolge für alle, in die Defensive drängten und den Freiheitsbegriff wissenschaftlich ins Gegenteil umkehrten; wie dies z. B. in Preußen-Deutschland praktisch ab 1866 durch den National-Liberalismus geschah und das Deutsche Reich 1878 schließlich zum Schutzzoll überging - oder dass in den USA unter dem Label "liberal" Interventionismus und Protektionismus umgesetzt wurden, wobei die US-Nordstaaten schon immer zum Wirtschaftsprotektionismus neigten - oder in Frankreich der kontinentaleuropäische Freiheitsbegriff der Jakobiner die Ernte einfuhr; wie insbesondere der 1. Weltkrieg die Staaten in Richtung etatistisch-interventionistische Politik trieb und nur ein kleines Häuflein aufrechter Liberaler übrigblieb - Sowjet-Russland wurde das Ideal der Intellektuellen; wie die Politik zwischen den Weltkriegen mehr und mehr als eine Art von Neomerkantilismus gezeichnet werden kann; wie dann die Weltwirtschaftskrise nach 1929 offenbar zum Totengräber der Freiheitsidee wurde, Faschismus, Nationalsozialismus und autoritäre Spielarten durchzogen die Welt - mit katastrophalen Folgen - wobei berühmte Köpfe in den freien Staaten, z. B. das Ehepaar Myrdal, John Maynard Keynes oder seine Mitarbeiterin Joan Robinson, ganz offen Sympathien für jene Systeme huldigten.

Im deutschsprachigen Raum zählten zu den letzten Freiheitlichen einige wenige Gelehrte wie z. B. Ludwig von Mises, nebst den Teilnehmern seines Privatseminars, Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Franz Böhm oder Alexander Rüstow. In den USA zählte hierzu insbesondere der einflussreiche Journalist und Publizist Walter Lippmann, der ein entschiedener Gegner des faschistischen "New Deal" von Präsident Roosevelt war.
Die versprengten, wenigen Liberalen sammelten sich 1938 zum "Colloque Walter Lippmann" in Paris - insgesamt 26 Teilnehmer, die ein Programm gegen die kollektivistische Flut auflegen wollten. Auf diesem Colloque wurde der Name "Neoliberalismus" geboren und ebnete den Weg für jedwede Form von "Dritten Wegen", die eine Synthese zwischen "laissez faire et laissez passer, le monde va de lui même" und "Etatismus-Interventionismus" bilden sollten.

Erst nach Ende des 2. Weltkrieges trafen sich die wenigen verbliebenen liberalen Denker am Fuße des Schweizer Berges Mont Pèlerin wieder zu einer Tagung - 36 Teilnehmer - und gründeten dort die Mont Pèlerin Society. Friedrich August von Hayek war der Initiator zur Gründung der Gesellschaft. Die Mont Pèlerin Society sollte durch anspruchsvolle intellektuelle Arbeiten und Diskussionen die besten Köpfe der heranwachsenden und kommenden Generationen für die Ideen der Freiheit gewinnen. Die Mont Pèlerin Society organisierte ab 1947 regelmäßige Tagungen, wo über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gestritten wurde, dabei entwickelten sich innerhalb der Mont Pèlerin Society verschiedene Stränge: der libertäre Strang, der die reine Marktlehre von Ludwig von Mises vertritt, sowie verschiedene Zweige, die irgendwie gearteten "Dritten Wegen" mit unterschiedlichen Rollen des Staatsverständnisses die Präferenz gaben.

Tagespolitisch war es für die Mont Pèlerin Society ein Glück, dass mit Ludwig Erhard ein Liberaler in West-Deutschland Wirtschaftsminister wurde, der zusammen mit ordoliberalen Mitstreitern (z. B. Franz Böhm) für Marktwirtschaft sorgte und so das Fundament für das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder legte, so dass die pro-marktwirtschaftlichen Plädoyers der Mont Pèlerin Society empirische Bestätigung fanden, zumal Länder wie Frankreich, die verstärkt auf Planung setzten, Westdeutschland hinterher liefen. In den 1970er Jahren mündete z. B. auch die keynesianische Wirtschaftspolitik der westlichen Staaten in Stagflation - ein Szenario, vor welchem die Mont Pèlerin Society seit Jahrzehnten gewarnt hatte.

Milton Friedman (Gründungsmitglied der Mont Pèlerin Society) und die Chicagoer Schule dominierten jahrelang die Mont Pèlerin Society, und sie waren es auch, die beratend für die erfolgreiche Wirtschaftspolitik (sinkende Arbeitslosigkeit und mehr ökonomisches Wachstum) von Margaret Thatcher und Ronald Reagan tätig waren.

Schließlich brach, genau wie durch Ludwig von Mises (ebenso wie Milton Friedman ein Gründungsmitglied) vorausgesehen, der real existierende Sozialismus zusammen. Analysen über die Ursachen des Zusammenbruchs bestätigten die Mises-Position vollauf, so dass auch der späte Hayek wieder zu den alten Ansichten, dass ein freier Markt, Eigentum und Familie die wichtigsten Kristalle für eine freie und wohlfahrtssteigernde Gesellschaft sind, zurückkehrte und den Flirt der Neoliberalen mit Interventionen in den Markt als schädlich und zerstörerisch ablehnte.

Kommentare:

  1. Dominik Ešegović16. Juli 2015 um 09:27

    Herzlichen Dank fur die tolle Rezension!

    Strittig ist fur mich lediglich folsgende Formulierung:

    "Tagespolitisch war es für die Mont Pèlerin Society ein Glück, dass mit Ludwig Erhard ein Liberaler in West-Deutschland Wirtschaftsminister wurde, der zusammen mit ordoliberalen Mitstreitern (z. B. Franz Böhm) für Marktwirtschaft sorgte..."

    Müssen also Politiker erst für Marktwirtschaft sorgen oder scheint ihre Kernaufgabe nicht darin zu bestehen, diese zu be- und im schlimmsten Fall gar zu verhindern?

    Beste Grüße

    DE

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  2. Lieber Herr Ešegović,
    dies ist natürlich richtig, in der Regel behindern und stören Politiker die Marktwirtschaft.
    Doch mit Ludwig Erhard hatten die Deutschen das Glück einen Wirtschaftsminister zu haben, der nach seinem eigenen Selbstverständnis kein Politiker gewesen ist.
    Und ich denke, dass dies auch zutrifft; Ludwig Erhard war sicherlich kein Politiker.
    Seine Wirtschaftspolitik wurde in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland mehr oder weniger vom kompletten damaligen „Mainstream“ bekämpft und als lächerlich hingestellt. Wäre Erhard Politiker gewesen, dann hätte er mit dem „Mainstream“ gejault und die Deutschen lebten heute noch in der Mangelverwaltungswirtschaft der Nachkriegszeit.
    Mit den besten Grüßen
    Hubert Milz

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