Montag, 13. Juli 2015

Friedrich August von Hayek: Rede vor der Mont Pèlerin Society

Gut gelaunt: Hayek.
von Friedrich August von Hayek (aus dem Englischen übersetzt von Dominik Ešegović)
Die hier veröffentlichte Rede basiert auf dem englischen Original „Professor Friedrich Hayek's Closing Speech - Reflections on the history of the society and the resurgence of classical liberalism” („Professor Hayeks Abschlussrede – Reflektionen über die Geschichte der Gesellschaft und über die Wiedergeburt des klassischen Liberalismus“). Die Rede wurde am 9. März 1984 in Paris gehalten. Das Originalmanuskript befindet sich im Archiv der Hoover Institution. Es wurde von der Margaret Thatcher Foundation online gestellt und ist hier abrufbar. Die Übersetzung berücksichtigt die handschriftlichen Ergänzungen des Autors. Sowohl die Margaret Thatcher Foundation als auch der Übersetzer messen dieser Rede eine herausragende Bedeutung bei. In ihr resümiert Hayek die Geschichte des wiederauferstandenen klassischen Liberalismus und erlaubt sich Prognosen für die Zukunft einer freiheitlichen Gesellschaft. Er erklärt auch, wem wir den Sozialismus zu verdanken haben und welcher Wert der Sittlichkeit zukommt. Freitum veröffentlicht hiermit zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung im kompletten Wortlaut.
Exzellenzen, sehr verehrte Damen und Herren,

am letzten Februartag, vor genau vierzig Jahren, hielt ich eine Rede vor der Political Society am King’s College in Cambridge. Ich entwickelte die Idee, dass falls nach dem Krieg internationale Kontakte nicht auf Etatisten verschiedenster Couleur beschränkt sein sollten und falls es immer noch private Kommunikation zwischen unabhängigen Denkern geben sollte, dass wir die Errichtung einer Gesellschaft erwägen sollten, für deren Namen ich Acton-Tocqueville Society vorgeschlagen habe – nach zwei der größten liberalen Denker des letzten Jahrhunderts. Und freilich, einige Wochen zuvor habe ich in Englang ein Buch mit dem Titel Der Weg zur Knechtschaft veröffentlicht, was im selben Jahr in den USA erscheinen sollte. Nur ein paar Wochen nach dieser Rede am King’s College hat ein gewisser Gentleman namens George Orwell eine Rezension über Den Weg zur Knechtschaft veröffentlicht. Ich werde nicht zu viel behaupten. Ich weiß jetzt, dass er bereits begonnen hat, einen Verleger für sein berühmtes Buch zu suchen, aber wie auch immer, ich denke, dass er weit mehr beigetragen hat als es Der Weg zur Knechtschaft in seinem Urzustand getan hat, eine Reaktion auf den Totalitarismus hervorzurufen, wovon die Geschichte dieser Gesellschaft ein sehr wichtiges Element darstellt. Ein Jahr später, größtenteils als Ergebnis der Veröffentlichung der amerikanischen Fassung, und mehr noch, wegen der Veröffentlichung von Ausschnitten der amerikanischen Fassung im Reader’s Digest, was zu meinen extensiven Reisen geführt hat, zuerst in die USA und dann woanders hin, um Vorträge zu Der Weg zur Knechtschaft zu halten. 

Dann hatte ich die seltsame Erfahrung gemacht, als ich von Ort zu Ort reiste, zunächst in den Staaten und auf dem europäischen Kontinent, dass in fast jeder Stadt in die ich ging, es immer eine Person gab, die nach meinen Vorträgen auf mich zukam und sagte: „Wissen Sie, ich bin ganz Ihrer Meinung, aber ich bin die einzige Person, die ich kenne, die so denkt und es ist letztlich solch eine Freude eine Person zu treffen, die ebenfalls von dem traditionellen liberalen Konzept überzeugt ist.“ 

Ich denke, es war ein Ergebnis dieser Erfahrung, dass ich zu dem Schluss kam, dass es essentiell war, solche Menschen zusammenzuführen. Ich hatte ein sehr wichtiges Fundament für solch einen Vorstoß, da kurz vor dem Krieg im Sommer des Jahres 1938 der verstorbene Professor Louis Rougier in Paris ein Treffen anlässlich der Veröffentlichung von Walter Lippmanns Buch The Good Society organisiert hat. Die Ergebnisse der Konferenz wurden in einem Band zusammengetragen: Le Colloque Walter Lippmann. Ich habe damals die Bekanntschaft einiger der führenden Köpfe auf diesem Feld gemacht und der verstorbene Professor Rougier hat begonnen etwas zu organisieren, was vielleicht eine Mont Pèlerin Society geworden, wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre. Nach dieser Erfahrung, als wahrscheinlich zu typischer Liberaler, fuhr ich fort zu erzählen wie schön es doch wäre, wenn wir eine solche Gesellschaft organisieren könnten, bis es zu einer denkwürdigen Episode in der Schweiz kam, womit plötzlich die Mittel für ein erstes Treffen zur Verfügung gestellt werden sollten. Und ich darf vielleicht diese Geschichte erzählen, die irgendwie tragikomisch ist. Die Geschichte betrifft zwei Männer, die mir in den ersten paar Dutzend Jahren der Mont Pèlerin Society am meisten geholfen haben. 

Als ich während meines damaligen üblichen Verkehrs zwischen London und Wien durch Zürich reiste, traf ich einen gewissen Gentleman namens Albert Hunold, dem ich, wie vielen anderen Leuten auch, sagte „wie schön es doch wäre, wenn ich nur das Geld sammeln könnte, um ein solches Treffen zu organisieren!“ Daraufhin sagte Dr. Hunold: „Wissen Sie, ich habe das Geld. Ich habe es für einen ähnlichen Zweck besorgt. Ich habe Geld besorgt, um Professor Röpke zu ermöglichen eine liberale Zeitschrift herauszugeben. Aber seither haben wir festgestellt, dass wir nicht in ausreichendem Maße über die Ausführung einig sind. Wenn Sie Professor Röpke davon überzeugen könnten, mir zu gestatten Ihnen das Geld für die neue Gesellschaft zu überlassen, welches eigentlich für seine Zeitschrift bestimmt war, dann können wir ein Treffen stattfinden lassen.'' Meine erste Aufgabe bestand darin, Herrn Hunold und Professor Röpke daraufhin abzustimmen, die Mittel für das Treffen bereitzustellen, welches Dr. Hunold auf Mont Pèlerin organisieren sollte. Es ist schon ziemlich erstaunlich, wenn ich daran denke, dass Der Weg zur Knechtschaft zum ersten Mal Anfang 1944 erschien, meine Reise nach Amerika 1945 begann und wir uns bereits an Ostern 1947 trafen. 

Ich hatte damals eine Liste von 70 Leuten, von denen ich dachte, dass sie angemessene Mitglieder einer solchen Gesellschaft sein würden. Ich verschickte Einladungen an alle, aber nur die Hälfte oder genau 36 konnten letztlich teilnehmen und trafen sich am Mont Pèlerin. Wir hatten dort ein langes Treffen, das zur formalen Gründung der Gesellschaft führte. Die Zusammensetzung dieser ersten Gruppe der 36, die sich trafen, bestand zum Teil aus Leuten, die sich sechs Jahre zuvor beim Colloque Walter Lippmann trafen [korrekt: 8 Jahre, Anm. d. Übers.]. Letztlich sind die anderen 35 oder 34, die ich eingeladen hatte, der Gesellschaft beigetreten, die in dem Moment gegründet wurde. Ich bin sehr traurig, dass von diesen 36 Leuten einige die Gesellschaft verlassen und dass nur zehn Mitglieder überlebt haben. Und ich fürchte, dass ich von diesen zehn der einzige bin, der dem heutigen Treffen beiwohnt. 

Die Gesellschaft hat im Großen und Ganzen sehr gute Arbeit geleistet. So denke ich an ihre Rolle, die sie in dem unleugbaren Wiederaufleben des Liberalismus gespielt hat, wobei ich denke, dass nichts repräsentativer für dieses Ereignis ist als unser heutiges Treffen in Paris, das von einer Gruppe junger Männer abgehalten wird. 1945 waren alle Liberale, die ich finden konnte, Männer, die älter waren als ich selbst, aber jetzt, 40 Jahre später, können wir auf eine Gruppe zählen, die für einen wiederauferstandenen Liberalismus steht. Und das, wenn ich sagen darf, im intellektuellen Herzen der Welt, an das sich meine Hoffnungen klammern. Ich bin stufenweise zur Überzeugung gelangt, dass die große Hürde für die Erhaltung des Liberalismus in einer philosophischen Haltung liegt, die die Kraft der menschlichen Vernunft überschätzt: die cartesianische Philosophie, die das politische Denken in Frankreich weitgehend dominiert hat und französische Gelehrte mehr als woanders gefügig gemacht hat zu denken, dass unsere Vernunft mächtig genug sei, die Gesellschaft zu reorganisieren sowie ihre Strukturen und ihre Bestrebungen befriedigender zu gestalten als sie es gewesen waren. 

Ich habe lange daran gezweifelt, dass die Möglichkeit unsere Anstrengungen, die 1947 begangen, in eine internationale Bewegung zu verwandeln, tatsächlich eine Sache werden sollte, an die man glauben könnte. Aber sie werden jetzt verstehen, wieso ich sage „sogar in Frankreich“. Allerdings hat eine Gruppe von „nouveaux économistes“ [„Neue Ökonomen“, Anm. d. Übers.] einer jüngeren Generation die Botschaft nun übernommen und weiterentwickelt. Ich bin nun zur Überzeugung gelangt, dass die Aufgaben, die ich vor langer Zeit übernommen habe und für die ich Unterstützung von einigen Männern in Frankreich erhalten habe, die älter waren als ich, wo ich eine ganze Zeit lang kaum Hoffnung hatte jüngere zu finden, einflussreich genug waren, um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhaschen und es ermöglichten ein Treffen abzuhalten. Ich möchte in der Einschätzung eines französischen Beitrags in der Geschichte der Mont Pèlerin Society nicht ungerecht sein. Wir hatten in einer sehr frühen Phase ein besonders eindrucksvolles Treffen in Beauvallon (und 1976 ebenso in Paris, das erste Treffen in Frankreich). Ich denke, es war das erste größere Treffen und für mich besonders erinnerungswürdig, da es die einzige Gelegenheit war, bei der der Präsident der Gesellschaft eine förmliche Rede hielt. Und ich nahm mir heraus das Thema der Rede zu erläutern, welches meiner Meinung nach ziemlich bedeutend in der Geschichte der Gesellschaft wurde – ich nannte sie Präsidialrede – die einzige, die ich in den zwölf Jahren meines Vorsitzes gehalten habe: „Wieso ich kein Konservativer bin.“ Ich glaube, dass dies die intellektuelle Entwicklung der Mont Pèlerin Society kennzeichnet. Ich betone intellektuelle Entwicklung, da sich die Mont Pèlerin Society von Anfang an meist mit einer Grundphilosophie beschäftigt hat und seit Anbeginn zum Ziel hat, nicht direkt die Massen, sondern die Meinungsmacher zu überzeugen, die kontinuierlich auf politische Entwicklungen einwirken. Die Mont Pèlerin Society hat niemals Positionen zu politischen Sachverhalten eingenommen. Sie hat sich noch nicht einmal mit Problemen der aktuellen Politik befasst, aber ihr Augenmerk war weitgehend und in überwältigendem Maße auf die Wiederbelebung und auf die Anpassung der Fragestellungen der Philosophie einer freien Gesellschaft ausgerichtet. Ich denke, dass die meisten von uns sich darüber bewusst sind und die meisten von uns waren bisher meist mit dieser Grundphilosophie beschäftigt. 

Dies ist sehr wichtig, wo ich mich nun meiner Hauptfragestellung widmen muss: inwieweit hat sich die Haltung in diesen 40 Jahren verändert? Inwiefern ist die Bewegung, die wir gegründet haben, erfolgreich gewesen? In all den Jahren war ich stets hin und her gerissen zwischen der Ermutigung ob einiger erfolgreicher Schritte und der Desillusionierung und Deprimiertheit wegen dem, was Regierungen tatsächlich noch tun. Ich bin nun bei einer Formel angekommen, die ich mit Ihnen teilen möchte, da ich denke, dass sie eine Antwort bereit hält. Ich muss gestehen, dass die Auswirkungen auf die praktische Politik sehr gering gewesen sind. Jedoch sind die Auswirkungen auf die Verbreitung von Ideen absolut fundamental gewesen. Es gibt einen großen Wandel in der Haltung der aktiven jüngeren Generation. Vor über 50 Jahren beliebte ich zu sagen, dass die einzigen Menschen, die noch immer an den klassischen Liberalismus glaubten, alte Männer waren, wobei es aus der mittleren Generation eine Handvoll gab: Mises und Rueff gehörten gewiss der älteren Generation an und zu meinen Altersgenossen gehörten vielleicht gerade mal Röpke und Bill Hutt, der heute hier ist, und dann noch zwei oder drei weitere. 

Es mangelte völlig an Liberalen unter den jüngeren Leuten. Liberalismus im klassischen Sinne wurde als etwas antiquiertes und nicht länger zeigemäßes betrachtet. Nun hat sich das komplett gewandelt und ich bin bereit zu behaupten, dass obwohl sie bisher noch keinen großen Einfluss auf die praktische Politik gehabt haben, wir zumindest einen guten Teil zum Meinungswandel beigetragen haben, insbesondere zum Meinungswandel in der jungen Bevölkerung. Etwas, was noch vor 20 Jahren unter jungen Leuten als unakzeptabel betrachtet worden wäre, beweist mir, dass diese Ideen einflussreich sind. Wenn ich jetzt gefragt werde – und ich wiederhole eine Formel, die einige von Ihnen sicher bereits gehört und wohl auch schon des öfteren benutzt haben werden – ob ich optimistisch bezüglich der Zukunft sei, so lautet meine Standardantwort: „Falls die Politiker die Welt in den nächsten 15 Jahren nicht zerstören werden, dann gibt es tatsächlich große Hoffnung.“ Denn es ist gerade eine neue Generation im Entstehen, die nicht nur die materiellen Vorteile der Freiheit, sondern auch die moralische Rechtfertigung einer Philosophie der Freiheit wiederentdeckt hat und ich denke, wir können wirklich ziemlich zufrieden mit der Entwicklung sein. 

Es herrscht eine neue Tradition, sie lehrt eine Sache, von der ich zusammenfassend zu sagen wage, was ich eben bereits gesagt habe: „Unsere Aufgabe darf nicht in der Teilnahme an momentaner Politik liegen.“ Wenn ich sage „unsere“, so meine ich damit die gesamte Gesellschaft. Natürlich hat jeder von uns als Bürger seines jeweiligen Landes die Pflicht, am politischen Geschehen teilzuhaben. Aber diese Gesellschaft sollte sich mit einer viel wichtigeren Aufgabe befassen: mit der Aufgabe der Beeinflussung von Meinungen. Und die Meinungsbeeinflussung ist wesentlich, da ich denke, dass wir gestehen und realisieren müssen, dass die Klasse in der Gesellschaft, die dafür verantwortlich ist, dass grundlegende Dinge in den letzten hundert Jahren schief gelaufen sind, nicht vom Proletariat gestellt wurde. Es waren die Intellektuellen. Und es sind die Intellektuellen, die den Sozialismus tatsächlich kreiert, ihn verbreitet haben, aus den besten Absichten heraus, wegen eines sachlichen Fehlers, wegen eines - wie ich es in dem Buch, an dem ich gerade arbeite, nenne - tödlichen Irrtum [The Fatal Conceit: The Errors of Socialism. 1988; deutsch: Die verhängnisvolle Anmaßung. Die Irrtümer des Sozialismus. 1988] - die Idee, dass die menschliche Vernunft stark genug sei, um die Gesellschaft geflissentlich neu zu ordnen, im Dienste des Unbekannten, vorausgesehenen Endes und Absichten. Dies stellt sich nun als intellektuelle Täuschung heraus. Mehr und mehr junge Leute sehen, was intellektuell so faszinierend, so attraktiv, was so viele, ich muss gestehen, von den besten und intelligentesten der jungen Leute ins linke Lager gezogen hat, für den gesamten Zeitraum seit der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, faktisch falsch ist. Wir erkunden schrittweise, und das sehe ich momentan als meine Hauptaufgabe an und das sollte auch unsere gemeinsame Hauptaufgabe sein, dass es nicht nur die Begabung und Intelligenz sind, die es uns erlaubt haben, eine so weitreichende Ordnung der Menschheit zu schaffen, die es nun erlaubt 200 mal mehr Menschen zu beherbergen als vor 5000 Jahren auf dieser Erde gelebt haben, aber es gibt noch eine zweite Begabung, eine ebenso wichtige, ein Erbe, das als Erklärung für die Dominanz der westlichen Welt dient, ein moralisches Erbe, das essentiell aus dem Glauben an Eigentum, der Ehre und aus der Familie besteht, alles Dinge, die wir bisher nicht ausreichend intellektuell zu rechtfertigen vermochten. Wir müssen erkennen, dass wir unserer Zivilisation Überzeugungen zu verdanken haben, die ich, womit ich manchmal einige Leute brüskiert habe, „Aberglauben“ genannt habe und die ich nun lieber als „symbolische Wahrheiten“ bezeichnen möchte. Wahrheiten, die sich ziemlich stark von den Wahrheiten der Vernunft unterscheiden, die ein Ergebnis eines Selektionsprozesses darstellen, der diejenigen praktischen Verhaltensregeln hervorgebracht hat, die die Gesellschaft dazu befähigt haben zu wachsen und zu expandieren und dominant zu werden. Wir müssen zu einer Welt zurückkehren, in der nicht nur die Vernunft, sondern die Vernunft und die Sittlichkeit als gemeinsame Partner unsere Leben beherrschen müssen, wo die Wahrheit der Sitten einfach eine sittliche Tradition darstellt, diejenige des christlichen Abendlandes, welches die Sitten in der modernen Zivilisation erschaffen hat. 

Vielen Dank

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