Freitag, 12. Juni 2015

Vor der Schulpflicht auf der Flucht: Julia-Friederike Morgenroth im Interview

Ermöglicht ihren Kindern Bildung in Freiheit:
Julia-Friederike Morgenroth. Foto: Privat.
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit Julia-Friederike Morgenroth
Julia-Friederike Morgenroth ist 2012 mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (acht und drei Jahre alt) vor der deutschen Schulpflicht geflohen. Im Interview, welches auch im Buch ,,Bildungsvielfalt statt Bildungseinfalt'' von Tomasz M. Froelich abgedruckt wurde, erläutert sie die Beweggründe dieser Entscheidung.

Froelich: Frau Morgenroth, Sie sind von Deutschland nach Frankreich ausgewandert, was nicht weiter ungewöhnlich ist. Ungewöhnlich ist jedoch der Grund Ihrer Auswanderung, nämlich das deutsche Bildungswesen. Warum sind sie vor dem deutschen Bildungswesen geflohen?



Morgenroth: Weil uns die deutsche Gesetzgebung keine andere Wahl ließ. Da es in Deutschland eine Schulanwesenheitspflicht gibt, sich diese aber nicht mit unserem Familienleben vereinbaren ließ, mussten wir in ein Land umziehen, in dem auch andere Modelle toleriert werden. 

Froelich: Drohten Ihnen bei Verletzung gegen die Schulanwesenheitspflicht Repressionen vonseiten des deutschen Staates?








Morgenroth: Als wir wenige Wochen nach Schulbeginn merkten, dass das Modell Schule in keiner Weise zu uns passte und selbst unser Sohn sehr bald ernüchtert war und nicht mehr zur Schule gehen wollte - ursprünglich hatte er sich auf die Schule gefreut -, meldete ich uns aus Deutschland ab und plante den Umzug. Schon nach wenigen Tagen meldete sich das Jugendamt; jemand hatte uns gesehen und uns gemeldet. Das machte mir Angst, da das Jugendamt eine Behörde ist, die von keiner unabhängigen Stelle kontrolliert wird. Es kann uns die Kinder unter dem schwammigen Vorwand der "Gefährdung des Kindeswohls" ohne Verfahren wegnehmen. Das wollte ich natürlich vermeiden und deshalb intensivierte ich die Vorbereitungen und wir verließen das Land so schnell wie möglich.









 

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Froelich: Der Staat gleicht also einem Kidnapper: Mit Gewalt oder deren Androhung zwingt der Staat Eltern ihre Kinder zur Schule zu schicken, da sie andernfalls ihnen entzogen werden. Welches Bildungsmodell halten Sie denn für optimal?









 

Morgenroth: Vielfalt! Jedes Kind und jede Familie soll für sich entscheiden, welches Modell für sie in der jeweiligen Situation das passende ist. Das kann die Schule sein, aber auch Lerngruppen in der Nachbarschaft, oder auch Privatlehrer bzw. Homeschooling und Unschooling. Es muss auch nicht über zehn oder zwölf Jahre dasselbe Modell durchgehalten werden. Offenheit für verschiedene Varianten wünsche ich mir.











Froelich: Und welche Variante bevorzugen sie für ihren Sohn, bzw. welche Variante bevorzugt er für sich?











Morgenroth: Im Moment praktiziert er das Freilernen. Wir kommen damit gut zurecht. Er sucht sich ein Betätigungsfeld und beschäftigt sich mit dem, was ihn interessiert. Wenn er Fragen hat helfe ich bei der Beantwortung.










Meine Aufgabe dabei ist es Material zur Verfügung zu stellen, die richtigen Bücher und Internetseiten herauszusuchen und Ausflüge zu planen. Ich gebe auch Anregungen und mache Vorschläge, treffe aber ehrlich gesagt häufig nicht seinen Geschmack oder sein Bedürfnis. Er hat einfach selbst so viele Ideen.
Er hatte aber auch schon Unterricht bei einem Musiklehrer und mochte ihn sehr. Überhaupt sind Einflüsse von Außen bzw. Eingehen auf seine Fragen immer gut. Und ich bin dankbar für Unterstützung durch andere Erwachsene mit anderem Wissen und anderen Fähigkeiten als ich sie habe.
Daneben ist natürlich auch die Begegnung mit anderen Kindern wichtig, wobei dies bei uns nicht ganz so notwendig ist wie bei Einzelkindern. Da ich zwei Söhne habe und diese sich sehr gut verstehen, haben sie einen Spielkameraden im Haus. Ich muss also nicht täglich Kontakte zu anderen Kindern organisieren.


Froelich: Eine soziale Isolation der Kinder aufgrund mangelnder sozialer Kontakte befürchten Sie also nicht? Immerhin wird diese Kritik häufig von Gegnern des Homeschooling, des Unschooling und des Freien Lernens geäußert.

Morgenroth: Nein. Wir sind häufig unterwegs, besuchen meinen Mann auf seinen Baustellen, oder Freunde, auch Freunde mit Kindern. Ich glaube nicht daran, dass Kinder zur Sozialisation unbedingt eine Gruppe Gleichaltriger brauchen und berufe mich da auf Gordon Neufeld oder auch André Stern (Gordon Neufeld ist ein kanadischer Entwicklungspsychologe, der sich unter anderem für Bildungsfreiheit einsetzt. André Stern ist ein Freibildungsexperte, der durch sein Buch ,,... und ich war nie in der Schule’’ eine gewisse Bekanntheit erlangte, Anm.: T.M.F.) Wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass sie auf Menschen treffen, die zugewandt und interessiert sind und die ähnliche Interessen wie sie haben. Egal, ob es sich dabei um Sport, Musik, Technik, Sprachen, Gartenbau etc. handelt.











Froelich: Gibt es viele Familien, die einen ähnlichen Weg wie Sie eingeschlagen haben? Und haben Sie Kontakt zu solchen?

Morgenroth: Die Homeschool- und Freilerner-Szene ist sehr vielfältig. Ich habe zahlreiche Kontakte zu unterschiedlichen Familien, die unterschiedliche Ansätze verfolgen. Ich weiß, dass es viele Eltern gibt, die mit dem Bildungssystem unzufrieden sind und nach Alternativen suchen, sowohl innerhalb des Landes als auch außerhalb. Mein Eindruck ist, dass die Zahl der Eltern, die Deutschland wegen des Schulzwangs verlassen (wollen), zunimmt. Es kann aber auch sein, dass ich seit meiner Sensibilisierung für dieses Thema immer mehr schulflüchtige Familien kennen lerne und mein Eindruck daher rührt.

Froelich: In der öffentlichen Debatte der letzten Jahre wird jedenfalls vermehrt über dieses Thema gesprochen. Gibt es Organe und Publikationen, die Lobbying im Sinne der Homeschooler, Unschooler und Freilerner betreiben?











Morgenroth: In Deutschland gibt es das ‘’Netzwerk Bildungsfreiheit’’, den ‘’Blauen Brief’’ und diverse Facebookgruppen, wie zum Beispiel ‘’Freilerner Netzwerk’’. Es gibt außerdem das Magazin "unerzogen" (,,unerzogen’’ erscheint seit 2007 vierteljährlich. Themenschwerpunkte sind Bildungsfreiheit, selbstbestimmtes Lernen und der respektvolle Umgang mit Kindern, Anm.: T.M.F.). Außerdem gibt es zahlreiche Blogs. Auch in Österreich und der Schweiz gibt es deutschsprachige Netzwerke. 
In den USA gibt es die Home School Legal Defense Association (HSLDA), die Lobby-Arbeit und eine gut recherchierte Internetseite betreibt.
Zahlreiche Initiativen, Einzelpersonen, Journalisten, Autoren und Wissenschaftler befassen sich mit dem Thema Bildung und kritisieren die Schule und die Art des Lernens dort. Da gibt es viel Bewegung, viele Fragen, viele Diskussionen. Ich schaffe es kaum einen groben Überblick zu behalten. Das ist toll.
 

Froelich: Abschliessend: In Deutschland gibt es, trotz (oder wegen?) Schulpflicht, unter den Menschen im erwerbsfähigen Alter knapp 15% funktionale Analphabeten. Offensichtlich läuft einiges schief im deutschen Bildungswesen. Kann Ihr älterer Sohn schon lesen und schreiben?











Morgenroth: Er lernt es. Allerdings nicht so, wie ich es in der Schule gelernt habe, also nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern nach Bedarf. Er schreibt auf der Computertastatur, wenn er ein bestimmtes Video sucht oder wenn er per Skype mit seinem Papa kommuniziert. Er beschriftet auch seine Bilder. Er fängt gerade an seinem kleinen Bruder aus Bilderbüchern vorzulesen.
Rechnen kann er gut, auch Brüche. Zurzeit fängt er an nach negativen Zahlen zu fragen. Solche Fragen ergeben sich meist aus der Praxis, zum Beispiel beim Thema Schulden. Auch hier muss ich aufmerksam bleiben und auf seine Fragen eingehen. Ich kann auch etwas weiter ausholen; er signalisiert sehr schnell, wenn es ihm zu viel wird.
Diverse Spiele und Bücher bringen ihm die Themen näher. Wenn es Spaß macht lernt es sich leicht, das ist bei Kindern nicht anders als bei uns Erwachsenen.

Froelich: Frau Morgenroth, ich danke Ihnen für das Interview.

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