Montag, 22. Juni 2015

Tierschutz, Recht und Libertarismus

von Tommy Casagrande und Stefan Blankertz
Tommy Casagrande: Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Weder bin ich für Tierquälerei, noch übe ich sie selber aus. Wogegen ich aber bin ist ein staatliches Verbot von Tierquälerei und die Auffassung, es gäbe kein menschliches Recht dazu. Menschen ändern sich durch ökonomische Bedingungen und sie ändern sich durch Freiheit, wenn sie sich überhaupt ändern. Durch Zwang ändert sich niemand. Im Gegenteil, wird dann alles heimlich und im Verborgenem passieren. Menschen ändern sich ebenso durch Vorbilder, denen sie nacheifern können, aber aus freien Stücken auch nacheifern wollen. Menschen ändern sich durch ein in sich gehen, dem nachspüren eigener Empfindsamkeiten und Bedürfnisse, nicht dadurch, dass einem diese unter Androhung von Strafen aufgezwungen werden.
In China beispielsweise hat der Wohlstand dank reformistischer Marktöffnungspolitik derart zugenommen, dass Hunde zunehmend zum Kuscheltier werden und in abnehmender Form im Kochtopf landen. Zumeist auch nur dort, wo es einen langen Brauch dazu gibt, was nicht auf ganz China zutrifft sondern einem bestimmten Teil. Der Wohlstand lässt den Chinesen zunehmend eine Wahl, und diese Wahl tendiert oft zu Bio, Lebensmittelqualität, Gesundheit, Hygiene, Sauberkeit, Natur- und Umweltliebe und Tierliebe. Die Umweltprobleme sind zwar existent, stehen aber auf der Agenda der zu bekämpfenden Probleme ganz oben. Ebenso wie eine solche Entwicklung in die eine Richtung gleiten kann, ist es denkbar, dass sie auch in die entgegengesetzte Richtung gleitet. Nehme man einen Staat herbei, der sich einer Marktschließungsideologie verschrieben hat, wird der Wohlstand abnehmen. Die besteuerten Bürger keuchen und stöhnen unter den Schuldenlasten, die ihre Vertreter im Namen des Volkes aufgetürmt haben und die zentralbänklerische Inflation treibt die Preise an. In einer Situation sukzessiver Spreizung aus arm und reich und der allgemeinen Wohlstandsreduktion, die eine solche marktfeindliche Politik herbeiführt, ist es denkbar, dass alte Geister wieder kehren. Können die hygienischen Standards nicht mehr aufrecht erhalten werden, weil sie durch den Staat auf nicht-nachhaltigen Füßen stehen, können Krankheiten zurückkehren, die man für besiegt hielt. 

Auch Verhaltensweisen der Menschen, die man für überwunden glaubt, können von neuem auferstehen, weil die Bedingungen dazu angetan sind, diese aus den Menschen heraus zu kitzeln. Dazu kann ebenfalls ein rüderer Umgang mit Tieren gehören, für die es bei um das eigene Leben kämpfenden Menschen keine ungeteilte Sympathie mehr gibt. Das sind Spekulationen, aber durchaus keine unrealistischen. Die ökonomischen Bedingungen beeinflussen den Menschen in seinem Wesen und Verhalten. Der Unterschied zwischen Kultur und Barbarei ist die Bedingung der Möglichkeit, sich und sein Umfeld entwickeln zu können. Diese Substanz nennt man Freiheit. 

Lieber Stefan, in China findet irgendwo am Land alljährlich ein Brauch statt, bei dem Tiere vor dem Essen gequält werden. Die Haut bei lebendigem Leibe abzuziehen gehört beispielsweise zum Brauch dazu. Menschlich schätze ich dich so ein, dass du sagen würdest, das müsse nicht sein und man könne es auch sozial verträglicher gestalten. Aber wie schaut das libertär-rechtlich aus? Ist das Quälen von Tieren, die kein Eigentum eines anderen sind, legitim? (In dem Sinne, dass es keine legitime Gewaltanwendung gegen diese Menschen geben kann, um sie von ihren Handlungen abzubringen.) 

Weil auf Facebook und im Internet werden Bilder dieses Brauchtums veröffentlicht und nicht wenige Menschen meinen, es gäbe kein menschliches Recht auf Tierquälerei, da Tiere Schmerzen empfinden würden. Aber ist Schmerz ein Argument? Wenn man ein Tier betäubt, (oder auch einen Menschen ?!) und es kein Schmerzgefühl mehr gibt, ist somit alles gut und erlaubt? Schmerz als Kriterium ist doch problematisch, denn Schmerzen sind ausschaltbar. Dass diese tierschützenden Werte subjektiv sind und Menschen diese Subjektivität keinem anderen Menschen aufzwingen dürfen, ist für viele schwer zu verdauen, die nur allzu gern den Staat anrufen, um ihn damit zu beauftragen, sich dieses Themas anzunehmen. Beanspruchen diese Menschen nun eine pervertierte Form des Rechtsbegriffes, der lautet, man müsse die Tierquäler zwingen, mit ihren Quälereien aufzuhören? Gilt im Umkehrschluss nicht auch dasselbe (absurde) Unrecht, die Tierschützer zwingen zu dürfen, Tiere zu quälen? 

Warum stören sich eigentlich Tierschützer und Sympathisanten an der Begrifflichkeit des Rechts auf Tierquälerei? Zugleich aber behaupten sie, es solle keinem Gewalt angetan werden, weder Tier noch Mensch. Wenn man dann aber sagt, dass es auf Gewalt gegen Menschen hinausläuft, wenn man Menschen verbietet (das setzt eine Gewalt zur Durchsetzung voraus) Tiere zu quälen, fühlen sie sich seltsam missverstanden oder können den Gedanken nicht nachvollziehen oder streiten ihn emotional sofort rigoros ab. 

Ich will ja nicht behaupten, Tierschützer wissen allesamt, worauf ein allgemeines (mit Gewalt durchgesetztes) Verbot auf Tierquälerei hinausläuft und auch will ich nicht behaupten, sie wüssten, was es bedeutet, dem Menschen ein Recht abzusprechen. Aber wie naiv kann man sein? Die Macht, die diese Tierschützer anrufen um Menschen das Recht auf Tierquälerei zu nehmen, ist dieselbe Macht, die auch Homosexualität als Krankheit ansehen kann, wenn sie von genügend oder einflussreichen gesellschaftlichen Schichten angerufen wird. Es ist die Macht des Gewaltmonopols.

Stefan Blankertz: Als erstes ist es ganz wichtig, wirklich zu verstehen, wobei es beim "Recht" geht: Es geht darum, in welchen Fällen Gewalt angewendet werden darf. Um nichts anderes. Das muss man in den Diskussionen immer wieder sagen und klar machen. Es ist eine Sache, z.B. Drogen schlecht zu finden, und eine ganz andere Sache, denjenigen, der Drogen nimmt, einzusperren bzw. bei Widerstand zu erschießen. Es ist niemals Recht, die Welt, in der man leben möchte, mit Gewalt erschaffen zu wollen. Es ist nur das Recht, den, der dich daran hindern will (wenn du nichts anderes nutzt als deine eigenen Ressourcen und diejenigen von Freiwilligen), in die Schranken zu weisen. Schon Immanuel Kant hat das sehr klar herausgearbeitet. Er meinte (ich weiß gerade nicht wo, zitiere aus dem Gedächtnis), dass man sich sehr wohl eine Welt ohne gegenseitige Hilfeleistung vorstellen könne. Aber das sei gewiss nicht die Welt, in der er leben wolle. Jeder könne alles tun, um eine Welt der gegenseitigen Hilfe zu schaffen, außer Gewalt anwenden. Hilfeleistung mit Gewalt erzwingen zu wollen, ist falsch und schafft genau die Welt ohne gegenseitige Hilfe. 

Wenn man sagt, man müsse etwas gegen Tierquälerei tun oder gegen tierquälerische Bräuche, muss immer unterschieden werden, was "etwas tun" heißt: Heißt das, wir schicken ein Bombengeschwader nach China, um die Menschen, die diesen Bräuchen frönen, zu bombardieren? Schicken wir eine Eingreiftruppe, um jeden zu erschießen, der es tut? Oder versuchen wir es mit Aufklärung oder anderen, gewaltfreien Mitteln? 

In der Tat ist "Schmerz" kein rechtsfähiges Kriterium. Jemand kann vor Liebeskummer sterben und hat doch kein Recht, die geliebte Person zur Gegenliebe zu zwingen (wobei das natürlich wiederum ein Selbstwiderspruch ist). Keine Schmerzen zu haben ist ein Interesse. Ein Interesse kann niemals ein Recht konstituieren. Ich habe ein "Interesse" an dem iPhone meines Nachbarn, aber ich darf es ihm nicht nehmen. Ich kann mich empört fühlen, dass mein Nachbar den Gott, an den ich glaube, verunglimpft. Ich darf ihn trotzdem nicht töten. Das Recht muss immer vom Interesse und vom Gefühl absehen. Das Recht definiert die Schranken, in denen ich Interessen nachgehen und Gefühle ausdrücken darf. Bei Übertretung darf der Geschädigte bzw. ein Stellvertreter oder ein von ihm autorisiertes Organ der Rechtspflege Gewalt anwenden und zwar genau so viel, um den Rechtsbruch zu unterbinden bzw. wieder gut zu machen - nicht mehr.

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