Sonntag, 28. Juni 2015

Homo-Ehe in den USA: Libertäre Vorarbeit

von Simon Scherrer
"Libertär"? Ein Wort bestens geeignet, quer durchs politische Spektrum allenthalben allergischen Ausschlag, mindestens aber verächtlich zuckende Mundwinkel hervorzubringen. Die Sozialdemokraten aller Parteifarben denken beim Wort "libertär" gleich an waffennärrische, truckfahrende, überbeleibte, filzlausbärtige und baseballcaptragende Südstaaten-"Amis", die zu dumm und zurückgeblieben sind für Modernes wie Sozialstaat und Waffengesetze. Reaktionäre Rednecks! Ungebildete Ultrakonservative! Staatsfeindliche Sklavenhalternachfahren! (Im Hintergrund summt der Tea-Party-Groove.)

Oben beschriebene Sozialdemokraten, die auf "Libertäre" so wunderbar erwartbar reagieren, haben in den letzten Tagen auch so wunderbar antizipierbar ihre Profilbilder in Regenbogenfarben getränkt. Nur: Wem verdanken sie den Supreme-Court-Entscheid zur Ehe für alle?

Festhalten. Es war die Libertarian Party, die sich 1972 als erste politische Bewegung in den USA gegen die Diskriminierung von Homosexuellen in allen Belangen aussprach. Zu jener Zeit sprachen die demokratischen Mitbewerber noch von "Tunten", wenn sie Schwule meinten. Noch 2008 sagte der ach so moderne Barack Obama: "I believe marriage is between a man and a woman. I am not in favor of gay marriage." 
Anders gesagt: Der jahrzehntelange Kampf für gleiche Rechte von Homosexuellen in den USA, der am Freitag ein fantastisches Ende fand, er ging von den Klassisch-Liberalen ("Libertären") aus, welche die Jubelschar so sehr verachtet.

Eigentlich nicht erstaunlich. Staatsfreunde meinen, dass die Mehrheit alles von Einzelnen verlangen darf, wenn sie denn nur will. "Ist halt so in einer solidarischen Demokratie!", pflegen sie diese Mob Rule zu beschönigen. Den Liberalen, die an das unantastbare individuelle Recht zur Selbstbestimmung glauben, schleudern sie vorzugsweise den Kampfbegriff "egoistisch" entgegen.

Die Mehrheit in den USA schloss auch Schwule und Lesben lange aus. Es brauchte die verachteten Liberalen, um ihr beizubringen, dass sie das gar nicht darf, selbst wenn sie das will. Ob das auch an allen anderen Orten gelingen wird, wo heute Mehrheiten Individuen einengen?
Wir arbeiten dran. 
Watch out, statists!

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