Montag, 15. Juni 2015

Ein Herz für den Kapitalismus – who is John Gay?

von Dominik Ešegović
Gay Pride? Das sind doch Veranstaltungen, wo Homosexuelle und Transen zusammenkommen, um sich öffentlich zur Schau zu stellen. Dabei wird der öffentliche Verkehr lahmgelegt, wobei man den meist nichtschwulen Mitbewohnern noch zusätzlich durch schrille Musik und Trillerpfeifen einmal im Jahr auf den Geist geht. Ich war bisher eher skeptisch, wenn ich in den Nachrichten Bilder von leicht bekleideten schwulen Bodybuildern sehen durfte, die zu lauter Technomusik ihre muskulösen Glieder rhythmisch durch die Luft schwingen, während sie auf karnevalistischen Festtagswagen durch abgesperrte Straßen fahren. 

Gay Pride? Irgendwie so was wie Fasching für Schwule – dachte ich bisher zumindest. Um ehrlich zu sein, ganz unkritisch war ich noch nie gegenüber der Absicht einiger Pride-Teilnehmer, durch öffentliche Bekundung und Demonstration ihrer sexuellen Orientierung und Praktiken für Toleranz bei Intoleranten zu werben. Wer nämlich schon tolerant ist, der braucht durch eine Pride nicht umgestimmt zu werden und wer, wieso auch immer, ein Problem mit Homo- und Transsexualität hat, der wird sich durch halbnackte Homo- und Transsexuelle, die sich vor ihm die Zunge in den Hals stecken, wohl eher nur zögerlich von der Legitimität solcher Praktiken überzeugen lassen. Doch eines steht fest: vor allem in Ländern Ost- und Südosteuropas sind LGBT-Personen (Lesbian, gay, bisexual, transgender) teils negativer Diskriminierung ausgesetzt. Besonders in Ländern, in denen farbige Mitmenschen eine nachteilige Behandlung oder gar Misshandlungen wegen ihrer Hautfarbe zu fürchten haben, erleiden oft auch LGBT‘s Ähnliches.

Das aus dem Latein entlehnte Wort Toleranz bedeutet so viel wie Duldsamkeit. Daher heißt auch tolerieren etwas zu dulden oder es geschehen zu lassen. Nicht nur geduldet, sondern auch gut besucht waren die Gay-Pride-Veranstaltungen in diesem Jahr. Den Rekord hält Sao Paulo. Die brasilianische Stadt ist nicht nur eine Touristen-Metropole, sondern auch ein Schwulen-Mekka: rund 2 Millionen LGBT-Enthusiasten fanden sich auf der Avenida Paulista zusammen, um ihre sexuelle Andersartigkeit zu feiern (1). Tel Aviv stellte einen Rekord im Nahen Osten auf: israelische Medien sprachen von 180.000 Pride-Besuchern, die im Gelobten Land ausgiebig feierten (2)

Immerhin etwa tausend Demonstranten nahmen am diesjährigen Regenbogen-Umzug in der kroatischen Hauptstadt Zagreb teil. Der lautstarke Aufmarsch, der von Trillerpfeifen und Jubelrufen der Teilnehmer begleitet wurde, stand unter dem Motto „Lauter und mutiger: Antifaschismus – ohne Kompromisse“. Der linke Tenor der Veranstaltung war schon von weitem erkennbar. Mitglieder der marxistischen Partei Arbeiterfront haben schon mit langem Vorlauf ihre Teilnahme an dem bunten Event angekündigt. Die Arbeitsfrontler begründeten ihre Teilnahme an der Pride mit dem Ziel die bestehende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich aus der ökonomischen Misere speise und sich teils gegen LGBT-Angehörige richte auf das bestehende „kapitalistische System“ umzulenken, das schließlich für die Unzufriedenheit verantwortlich sei (3). So waren neben roten Flaggen auch die lila Flagge mit dem schwarzen fünfzackigen Stern zu sehen, die von begeisterten Pride-Teilnehmern geschwenkt und auf dem Hauptplatz der kroatischen Hauptstadt zur Feier des Tages neben der Stadt- und der Regenbogenflagge gehisst wurde. 

Foto: forum.net.hr

Neben kommunistischen Rattenfängern haben sich auch Politiker unter das schwul-lesbische Volk gemischt; darunter eine Parteivorsitzende und sogar der Innenminister. „Auch wenn es hier Polizei und Sicherheitskräfte gibt, gibt es hier keine Molotow-Cocktails mehr“ (wie noch zu Zeiten der ersten Zagreber Pride 2002), erklärte der stellvertretende Veteranenminister Bojan Glavašević kroatischen Medien (4). 

Dafür, dass der Umzug nicht zu einer einzigen Propaganda-Veranstaltung linker Kräfte wurde, setzte sich eine kleine Gruppe kroatischer Libertärer ein. Mit Plakaten wie „Der Kapitalismus ist schwulenfreundlich“ oder „Der Kapitalismus steigt nicht ungefragt ins Bett, der Staat schon“, wurde die bunte und roteingefärbte Demonstrantenmasse um ein seltenes Element bereichert. Die libertären Aktivisten wussten sich dabei geschickt zu platzieren und auf verwunderte Blicke und kritische Nachfragen souverän zu reagieren. Auf dem Zagreber Hauptplatz, wo der Demonstrationszug kurz zu stehen kam, erregten die gelben Plakate auch die Aufmerksamkeit einer Reporterin. „Die größten Hater sind jene, die gegen den Kapitalismus anstänkern. Im Sozialismus wurden die Rechte der Schwulen mit Füßen getreten. Nur im Kapitalismus herrscht wirkliche Freiheit und Toleranz“, lautete die Message der libertären Aktivistin und Bloggerin Luna Morado ins Mikro des kroatischen Ablegers von RTL. Eine andere Teilnehmerin, die ebenfalls wegen der Verbreitung libertären Gedankenguts, den Weg nach Zagreb auf sich genommen hat, hat extra für das Event eine schwarz-gelbe Flagge gebastelt – die Rückseite war hingegen in den Farben des Anarchofeminismus gehalten (5). 

Es ist ein zunächst ein ungewohntes Gefühl, gerade als Heterosexueller an einem Gay-Pride-Marsch teilzunehmen. Doch nicht allen ist die sexuelle Orientierung sofort anzumerken. Es gibt auch Heten, die sich aus Solidarität zu schwulen und lesbischen FreundInnen (sic!) an einer Pride beteiligen. Pride - also stolz - sind solche Gutmenschen dann meist auf sich selbst, haben sie doch neben der als selbstverständlich empfundenen Toleranz und dem Aktionismus auch ihren Mut unter Beweis gestellt. In einer großen Menschenschlange, deren Flanken von der Polizei beschützt werden, fühlt man sich nicht wirklich bedroht. Mit Mut hat eine solche Manifestation eher wenig zu tun. Doch als Libertärer stellt man bei einem solchen Event eine Minderheit inmitten einer Minderheit dar. Ein für libertäre Schwule wahrscheinlich merkwürdiges Gefühl. Es ist Aufgabe der Libertären, die Vorzüge einer freien Gesellschaft auch den LGBT-Angehörigen verständlich zu machen und für die Idee der Freiheit zu werben. So würde beispielsweise eine entstaatlichte Ehe endlich auch gleichgeschlechtlichen Partner eine Ehe ihrer Wahl ermöglichen.

Wichtig ist es, den libertären Freiheitskampf in alle Ecken zu tragen. Nur ein sichtbarer Libertarismus ist ein relevanter Libertarismus. Und dabei ist die Idee der Freiheit nicht auf männliche, heterosexuelle, weiße Männer beschränkt. Der Libertarismus taucht nicht nur in seiner traditionellen schwarz-gelben Variante auf – er leuchtet auch manchmal bunt – in allen Regenbogenfarben.

Kommentare:

  1. nichts gegen homos, das schadet ja keinem, aber unmoralisch ist es dennoch, aber darum sollte sich der Staat nicht kümmern
    Jürgen bellers

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  2. Imbissbudenverkäufer15. Juni 2015 um 20:28

    Die Einstellung Homosexualität sei "unmoralisch" ist genauso absurd wie zu behaupten die Sexualität an sich sei unmoralisch. Es ist außerdem der erste (geistige) Schritt hin zum Gulag. Der Jude war manchen Menschen früherer Zeit auch "unmoralisch" - naja bei manchen ist er es wohl noch immer... wir lernen einfach nichts dazu.

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  3. Hier geht es offensichtlich nicht um die Menschenrechte, sondern um noch eine "Ideologie." Die vergangenen Zeiten gehören zur Geschichte. Es ärgert mich, wenn eine Gruppe von Menschen immer wieder benutzt wird, um jemandes Sicht auf die Wirtschaft zu fördern.

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  4. Dominik Ešegović8. August 2015 um 02:37

    Lieber Herr/Frau Anonym,
    ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber wenn ich etwas zu verbergen hätte, dann würde ich die Kommentarfunktion nicht mit der Angabe meines bürgerlichen Namens nutzen. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich; so auch in der Sexualität. Diese sollte natürlich von jedem Menschen frei ausgelebt werden dürfen. Das ist mit Sicherheit ein "Menschenrecht", wenn Sie so wollen. Ihr Körper gehört ja schließlich Ihnen und mit diesem können Sie meinetwegen anstellen, was immer Sie wollen. Ihr gutes Recht. Aus diesem Verständnis leite ich meine politische Grundhaltung ab. Sie auch? Ich finde es wichtig, das man seiner Überzeugung auch öffentlich Ausdruck verleihen darf, solange man keinem anderen damit schadet - versteht sich. Aus dem Selbsteigentum leitet sich auch, meiner bescheidenen Meinung nach, die wirtschaftliche Freiheit ab: Vertragsfreiheit, Handelsfreiheit etc. Man kann schließlich tun und lassen, was man möchte, solange man keinem Dritten dabei schadet! Freie Verträge kämen schließlich nicht zustande, wenn einer der Vertragspartner meinte, vom ausgehandleten Deal nicht zu profitieren. Wie beim einvernehmlichen Sex, so sollte es auch in der Wirtschaft sein! Zugegeben: nirgendwo ist perfekte Zufriedenheit immer voll zu garantieren und Enttäuschungen gehören wohl zum menschlichen Leben wie die Essstäbchen zur Reispfanne! Sie sind nicht immer zu vermeiden. Leider gab es in der jüngeren Geschichte so gut wie keine Beispiele uneingeschränkter Vertragsfreiheit: Mindestlohn, Antidiskrimierungsgesetze und Frauenquoten sind beredte Beispiele einer verzehrten Ordnung. Ich persönlich möchte niemamden nur aufgrund seines Geschlechts, seines Alters oder seiner Rasse negativ/positiv diskriminieren. Wobei ich mich ich relativ häufig dabei erwische, wie ich es dann doch heimlich tue: bei der Partnerwahl z.B. Ist es moralisch, jemanden zu negativer/positiver Diskriminierung mit der Androhung von Gewalt zu zwingen? Von welcher "Ideologie" war nochmal die Rede? Von welcher "Gruppe" sprechen Sie? Meinen Sie die Gruppe der Pride-Teilnehmer? Ich selbst war Teil dieser Gruppe! Vielleicht bin ich Ihnen nicht schwul oder "queer" genug? Dürfen denn nur Schwule und Lesben auf einer Pride für ihre Rechte einstehen oder sollten wir das Urteil darüber nicht lieber den Teilnehmern selbst überlassen?

    Freihetliche Grüße

    Ihr nicht-anonymer

    Dominik Ešegović

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