Montag, 8. Juni 2015

„Bei uns hätte es das nicht gegeben“: Ein Interview mit dem stolzen Europäer Sultan Abdülhamid I.

Stritt sich mit den Russen bevor es
cool war: Sultan Abdülhamid I.
Bild: Stefan Kunze 
Das Gespräch mit Sultan Abdülhamid führte Dominik Ešegović (Freitum) in Abdülhamids Suite auf dem Balkan (Wiener Neustadt).

Freitum: Herr Sultan, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.

Abdülhamid: Ich habe momentan nichts besseres zu tun. 

Freitum: Sie sind der Herrscher eines großen Reiches. Zu Zeiten seiner größten Ausdehnung reichte es vom Kaspischen Meer bis zum Jemen über Nordafrika sogar bis nach Wien. Sind Sie stolz, Herrscher eines solchen Weltreichs zu sein? 

Abdülhamid: Es ist eine große Verantwortung, Oberhaupt der Muslime und Verteidiger der heiligen Stätten zu sein. 

Freitum: Zwei Ihrer Vorgänger haben erfolglos versucht Wien zu erobern. Seit der Gründung Ihres Reiches standen Sie in Konflikt mit europäischen Mächten. Hassen Sie Europa und die Europäer?

Abdülhamid: Ich bin im Topkapı-Palast geboren und damit selbst Europäer. Ich liebe europäische Musik. Besonders französische und österreichische. Mozart gehört zu meinen Lieblingen. Als Osmanen sind wir stolz auf unsere asiatische Herkunft, aber ebenso freut es uns, Teil der europäischen Geschichte zu sein, die in Griechenland ihren Ursprung genommen hat. Mit der Eroberung des byzantinischen Reiches wurden wir zu den Erben Roms (Kayser-i Rum). Unser Reich teilt sich in Rumelien [„Land der Rhomäer“, Anm.: D.E.] und Anatolien [griech. „Land im Osten“, Anm.: D.E.], was unserem Anspruch auf das antike europäische Erbe Ausdruck verleiht. 

Freitum: Bevor Sie Ihre Regentschaft angetreten haben, waren Sie fast ein halbes Jahrhundert im Palast eingesperrt – abgeschirmt von der Außenwelt. Was haben Sie die Zeit über im Palast gemacht? War Ihnen nicht sterbenslangweilig? 

Abdülhamid: Nun, ich habe vor allem mit meiner Mutter Backgammon gespielt. Ich kann Ihnen sagen, ich bin richtig gut darin. Selbstverständlich hatte ich viel Zeit um mich zu bilden. Das Leben im Palast ist unglaublich öde und eintönig. Es ist brutal im Palast gefangen zu sein. Doch als Prinz ist das nun mal so. Früher, als die osmanischen Prinzen noch frei herumlaufen konnten, mussten sie stets fürchten von ihren eigenen Brüdern oder gar von ihrem Vater gemeuchelt zu werden. 

Freitum: Hätten Sie ein Leben in Freiheit Ihrem goldenen Käfig vorgezogen?

Abdülhamid: Das hätte ich auf alle Fälle. 

Freitum: Ist denn Freiheit auch ein Wert in Ihrem Reich? 

Abdülhamid: Freiheit ist ein universeller Wert, der unentrinnbar mit dem Recht verknüpft ist. 

Freitum: Erläutern Sie das bitte. 

Abdülhamid: In der Heiligen Schrift steht geschrieben: „Die Art und Weise, in der Gott die Menschen geschaffen hat, kann man nicht abändern.“ Der Mensch ist geschaffen, um frei zu sein. Manch einer wird als Sklave geboren, doch das ändert nichts am grundlegenden Recht frei sein zu dürfen. 

Freitum: Kritiker charakterisieren Ihr Reich als „Sklavenstaat“. Wie frei sind Ihre Untertanen? 

Abdülhamid: Meine engsten Mitarbeiter sind gleichzeitig meine Diener oder „Sklaven“, wenn Sie so wollen. Doch das gilt nur in Bezug auf Ihre Position mir gegenüber. In meinem Reich herrscht ein streng hierarchisches System. Es ist Sitte, dass der zweite Mann im Staate, der Großwesir, aus einer Familie aus dem Dienerstand kommt. Unsere Tradition verbietet es uns einen Angehörigen eines anderen Standes auf den Sitz des Großwesirs zu heben.

Freitum: Machiavelli hat Ihr System als absolute Monarchie charakterisiert, die sich auf Sklaverei gründet. Was hat das mit Freiheit zu tun? 

Abdülhamid: Die Sklaverei ist eine bestimmte Vertragsform. Für die Diener am Hofe ist es eine besondere Ehre diesem Stand anzugehören. Wir rekrutieren die höchsten Staatsbeamten aus allen Schichten und Regionen unseres Staates. Alle paar Jahre führen wir die „Knabenlese“ durch, wovon in der Regel Nicht-Muslime betroffen sind. Die tüchtigsten Söhne des Reiches werden ausgewählt und ihren Fähigkeiten entsprechend für den Dienst am Hofe ausgebildet. Das macht unsere Staatsform zu einem „offenen System“. Wir kennen keine Kastenherrschaft. Sir Paul Rycaut hielt unser System für eines der besten der Welt. 

Freitum: Nun, Sultan selbst kann ja nur werden, wer direkter Nachkomme Osmans ist. Ist das nicht Tyrannei? 

Abdülhamid: Die Rolle des Sultans ist eine der schwierigsten und verantwortungsvollsten, die einem Menschen zuteil werden kann. Im Grunde genommen ist man als Sultan Sklave des Systems.

Freitum: Erklären Sie das. 

Abdülhamid: Die Macht und Stabilität unseres Reiches basiert auf der Rolle und der Funktionsfähigkeit unserer Janitscharen-Armee. Wenn diese unzufrieden ist, beispielsweise weil sie nicht ordentlich bezahlt wird, kann sie den Sultan faktisch stürzen. Alles, was sie dazu benötigt, ist eine Legitimation durch den geistlichen Rat. Als Sultan genießt man kein Anrecht auf ewige Herrschaft. 

Freitum: Solange Sie aber Sultan sind, können Sie doch schalten und walten wie Sie wollen?

Abdülhamid: Ja, theoretisch kann man das. Man muss nur aufpassen, dass man es nicht zu bunt treibt. Man hat dafür zu sorgen, dass der Staatshaushalt in Ordnung bleibt und das Volk nicht aufmüpfig wird. Man ist quasi Oberbefehlshaber über fast alles und haftet am Schluss leider auch für das Versagen der eigenen Bediensteten. 

Freitum: Sie sagten, man müsse aufpassen, dass „das Volk nicht aufmüpfig wird“. Stellt es denn eine wahre Bedrohung für Ihre Herrschaft dar? 

Abdülhamid: Nun, das Volk oder Raya besteht aus allen, die Steuern zahlen. Militär und Beamtenschaft sind da ausgeschlossen. Wenn die Steuern beispielsweise zu hoch sind oder unfair eingetrieben werden, dann wird gerne mal mit Steuerboykott gedroht. Wäre es dem Volk erlaubt Waffen zu tragen, dann würde unser System so natürlich nicht funktionieren (lacht). 

Freitum: Anarchokapitalisten würden Ihnen jetzt vorhalten, ein rücksichtsloser Etatist zu sein. 

Abdülhamid: Anarcho-was? 

Freitum: Wie stehen Sie zum freien Markt? 

Abdülhamid: Der freie Markt ist der Grundpfeiler unserer Wirtschaftsordnung. Das Herz unseres Reiches liegt inmitten der Seidenstraße. Unser Reich lebt vom Freihandel. Wir sind das Verbindungsstück zwischen Orient und Okzident, verbinden Persien mit Preußen, Kabul mit Köln. Wichtige Waren wie Pfeffer und Opium wären ohne unsere Händler auf westlichen Märkten wohl kaum zu finden. Wenn ich mir anschaue, wie manche Staaten versuchen ihren Handel vor ausländischen Waren zu „schützen“ (Stichwort: Merkantilismus), dann frage ich mich ernsthaft, welche Pillen die Verantwortlichen Finanz- und Handelsexperten da schlucken. In Friedenszeiten mit einer Nation keinen oder nur beschränkten Handel zu treiben, das hätte es bei uns nicht gegeben! 

Freitum: Kommen wir zum Thema Steuern. In ihrem Reich gibt es eine recht übersichtliche Anzahl an Steuern. Die wichtigste ist dabei der „Zehnt“ – also 10 % der Einnahmen, welche an den Fiskus abzugeben sind. Was bedeutet für Sie „Steuergerechtigkeit“?

Abdülhamid: Wir haben ja im Grunde die nahöstliche Staats- und Rechtsauffassung übernommen. Man könnte sie einfach mit den folgenden Worten zusammenfassen: „Eine Gesellschaft ohne Recht kann nicht überleben.“ Schon der Sassanidenherrscher Chosrau I. erkannte, dass sich ein gerechter Steuersatz nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Steuerzahler zu richten hat: „unter einer gerechten und gemäßigten Herrschaft wird das Volk mehr erwirtschaften, die Steuereinnahmen steigen und der Staat wird reich und stark. Das Recht ist der Boden eines mächtigen Staates.“ Auch war ein weiser Ratschlag der des Großwesirs an den Eroberer unserer heutigen Hauptstadt [Sultan Mehmed II., Eroberer Konstantinopels, heute: Istanbul, Anm.: D.E.]: „Der Staat muss Reichtum anhäufen, aber der Herrscher muss nach dem Gesetz handeln, damit er seine Einheiten durch Kürzungen nicht herausfordert.“ 

Freitum: Es geht Ihnen also prinzipiell um Stabilität?

Abdülhamid: Selbstverständlich. Stabilität ist das Wichtigste für den Fortbestand eines Staates. Allerdings muss der Herrscher stets gerecht sein und handeln, da er sich schließlich regelmäßig vor dem Volk zu verantworten hat. Audienzen sind ein festes Ritual und jeder hat die Möglichkeit und das Recht vor dem Sultan sein Recht einzufordern. Doppelbesteuerungen beispielsweise sind ein absolutes No-Go. Auch kann man von einem armen Bauern nicht verlangen, dass er seine Steuern in Bargeld abgibt. 

Freitum: Wieso nicht? 

Abdülhamid: Weil er in der Regel über so gut wie kein Bargeld verfügt. Unsere Hauptwährung sind Silbermünzen und größere Zahlungen werden in Gold getätigt. Bauern leben meist von der Subsistenzwirtschaft und kommen mit Geld nur selten in Berührung. 

Freitum: Klingt nach sound money. Gab es in Ihrem Reich schon mal Bestrebungen die Geldmenge künstlich zu erhöhen? 

Abdülhamid: Ja, die gab es. 1588 wurde der Wert des Geldes um 50% gesenkt. Unsere Sipahi-Reiter klagten dagegen beim Scheichülislam, dem obersten Islamgelehrten. Dieser bestätigte diese Maßnahme als rechtswidrig. Auf Druck der Sipahi hin, wurde der oberste Finanzreformer hingerichtet. 

Freitum: Ihrem Militär kommt ja eine sagenhafte Rolle zu. Sie selbst gelten als Pazifist und werden von Ihrem Volk gar als Heiliger verehrt. Werden Sie auch von Ihrer Armee geschätzt? 

Abdülhamid: Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich bin kein großer Stratege und bekomme beim bloßen Gedanken an Krieg Hautausschläge. Ich glaube aber, dass mich die Armee vor allem deshalb achtet, weil ich stets versuche die Wahrheit zu sagen und offen gegenüber jedem neuen Vorschlag und auch dem Kummer bin, den ich von Seiten der Armee vernehme. Ich habe mir aber auch Feinde gemacht, als ich mich bei der Übernahme meiner Regenschaft vor die versammelte Janitscharen-Truppe gestellt habe, um zu erklären, dass es keine Geschenke mehr gibt. Ein Großteil des Staatshaushaltes ist bei jedem Regierungsantritt für riesige Prämien an das Militär draufgegangen. Im Jahr meines Antritts hätte es bedeutet, die Existenz des Reiches zu gefährden. Wir befanden uns im Krieg mit Russland, aus dem wir mit mehr als nur einer blutigen Nase herausgekommen sind. Was das Militär brauchte waren grundlegende Reformen und keine maßlosen Geldgeschenke. 

Freitum: Ihr Konflikt mit Russland drehte sich vor allem um die Krim. Wieso konnten Sie keinen Frieden mit Russland halten? 

Abdülhamid: Ach, wissen Sie, wir haben den Krieg erklärt und haben ihn auch verloren. Wen kümmert es schon, was dem ersten Schuss vorausging? Listig ist derjenige, der einen Krieg zu einem siegreichen Ende führen kann, weise ist jedoch, ihn gar nicht erst ausbrechen zu lassen. 

Freitum: Was ist Ihre größte Leidenschaft?

Abdülhamid: Arabische Hengste und Frauen. Ich habe vierundzwanzig Kinder! (lacht)

Freitum: Herr Sultan, möchten Sie den Lesern noch irgendetwas mit auf den Weg geben?

Abdülhamid: (seufzt) Also, ich genieße ja abends zum Runterkommen zu meinem Apfeltee gerne mal eine Wasserpfeife. Mein Tipp ist, statt nur einer Lage Aluminiumfolie mindestens zwei zu verwenden; das Zeug brennt sonst gerne mal an!

Freitum: Herr Sultan, wir bedanken uns für das Interview.

Kommentare:

  1. Herrschaftsverherlichung

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  2. Dominik Ešegović10. Juni 2015 um 13:39

    Korrekt müsste es lauten: "Herrschaftsverherrlichung" :)

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