Sonntag, 24. Mai 2015

Rezension: Lesenswerte Lektüre zum 1. Weltkrieg

Das Buch kann hier bestellt werden.
Hubert Milz rezensiert
Bruno Bandulet: Als Deutschland Großmacht war: Ein Bericht über das Kaiserreich, seine Feinde und die Entfesselung des Ersten Weltkrieges, 304 Seiten, 19,95 Euro, Kopp. 
Das Attentat vom 28. Juni 1914 in Sarajevo, dem Erzherzog Franz Ferdinand - der Thronfolger Österreich-Ungarns - und seine Frau zum Opfer fielen, war der äußere Anlass für den Beginn des 1. Weltkriegs am 28. Juli 1914. 2014 wurden wir zum 100jährigen sicherlich mehr als eingedeckt mit diversen - schlechten und guten - Publikationen zum Thema 1. Weltkrieg mit all seinen Facetten.

Zwei gute Bücher zum Thema sind das Buch "Die Schlafwandler: Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog'' von Christopher Clark und dieses Buch hier von Bruno Bandulet. Dabei ist Clarks Buch gut 800 Seiten stark - ein Umfang, vor dem mancher Wenigleser, der an der Thematik interessiert ist, abgeschreckt werden kann. Bandulet dagegen kommt mit gut 500 Seiten weniger aus, so dass ein Wenigleser vielleicht nicht so sehr verschreckt wird.


Die Schuld an dem 1. Weltkrieg wurde von den Siegern den Deutschen angelastet. In den 1960er Jahren stützte der deutsche Historiker Fritz Fischer die "Sichtweise der Sieger" mit der These vom deutschen "Griff nach der Weltmacht". Diese These wurde populär, durch diesen "Griff" wurde und wird von den "Fischers" die deutsche Hauptschuld am 1. Weltkrieg begründet.
Dabei ignorierten Fischer und seine Adepten beispielsweise die Arbeiten des US-Journalisten Albert Jay Nock, der schon direkt nach Ende des 1. Weltkriegs die Behauptung, dass die Deutschen den Krieg vorsätzlich vom Zaun gebrochen haben, in seinem - auf gut recherchierten Grundlagen ruhendem - Buch "The Myth of a Guilty Nation" (Mythos einer schuldigen Nation) als Lüge zurückwies. Dabei zeigte Nock die Wirkung von mannigfaltigen anti-deutschen Interessen mächtiger Gruppen innerhalb der Entente (Frankreich, Großbritannien, Russland) und der vielfältigen amerikanischen Interessen, die umfangreich mit denen in den Entente-Staaten verflochten waren.

Bandulets Argumentationsstränge verlaufen ähnlich. Das deutsche Kaiserreich hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer ökonomischen Großmacht gemausert. Eine Großmacht, die im Mutterland der Industrialisierung - Großbritannien - immer mehr Verdruss hervorrief. Ressentiments gegen die Deutschen machten sich breit; ein Groll, der sich schließlich auch Luft machte, zum Beispiel ab 1895 in meinungsmachenden Publikationen durch den Aufruf "Ceterum censeo Germaniam esse delendam".
Dass solchen Forderungen durch die Flottenpolitik eines Tirpitz, der ab 1897 den Aufbau der deutschen Kriegsmarine vorantrieb, beschleunigt wurden, dies wird nicht bezweifelt. Ebenso wenig wird die Rolle der inkompetenten Bismarck-Nachfolger in der Außenpolitik verschwiegen - diese Akteure dienten dem deutschen Kaiserreich offensichtlich zum Schaden und nicht zum Nutzen.

Fein differenziert schildert der Autor die explosive Lage auf dem Balkan. Dort standen sich, nach dem Zurückdrängen des Osmanischen Reiches, die Interessen der k. u. k. Monarchie und des russischen Zarenreiches gegenüber. Die Ambitionen der Habsburger stehen gegen die raumfordernde Politik der Romanows auf dem Balkan; ein Gegensatz, der zu verhängnisvollen Kettenreaktionen führte, welche schließlich in den Krieg mündeten.

Wie schon Albert Jay Nock, so hebt auch Bandulet das Wirken der Finanzhochburg Wallstreet (insbesondere die Rolle J.P. Morgans) bezüglich des Kriegseintritts der USA, der entscheidend für den Sieg der Entente war, hervor. Die Finanzhochburg Wallstreet hatte den Entente-Staaten hohe Kredite bewilligt; Kredite, die der Kriegsfinanzierung dienten, wobei US-Firmen die Rüstungslieferanten der Entente waren. Eine Niederlage der Entente-Staaten hätte - verbunden mit deren möglicher Zahlungsunfähigkeit - verheerende Folgen für die Wallstreet und die US-Wirtschaft nach sich gezogen. Ergo wurde eine gut geölte Propaganda-Maschine gegen die "Mittelmächte" (deutsches Kaiserreich und k. u. k. Monarchie) durch die Wallstreet finanziert (''Kreuzzug für Demokratie gegen die militaristisch-autoritären Monarchien der Mittelmächte'').

Das Buch spiegelt die Meinung Bandulets wider, entsprechend wird er die verfügbaren Quellen ausgewertet und verarbeitet haben - doch dies ist kein Vorwurf, denn dies machen meines Erachtens - ob bewusst oder unbewusst - auch die sogenannten "wertfrei forschenden Historiker". Egal jedoch, wie man zum "roten Faden" dieses Buches steht, eines hat Bandulet gut aufbereitet: Der 1. Weltkrieg war nicht der Auftakt zu einem neuen "Dreißigjährigen Krieg (1914 bis 1945)", wie dies Historiker, wie zum Beispiel Hagen Schulze, oftmals anmerken. Der politökonomische "Krieg" begann schon viele Jahre eher.
Bandulets Buch stellt eine lesenswerte Lektüre dar, insbesondere gegenüber den "wissenschaftlichen Arbeiten", die sich der "von den Siegern diktierten oder bestimmten Geschichtsschreibung" ohne Widerspruch duldnerisch beugen.

Kommentare:

  1. Und weiterführend das Buch zweier schottischer Historiker, Verborgene Geschichte, absolut lesenswert.

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  2. Diskussionen seit dem 12. Januar 2014 zum Buch
    Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
    von Christoper Clark, Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge

    www.TGSNT.de
    ganz unten auf der Seite

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