Mittwoch, 27. Mai 2015

Hayek in Salzburg: das Erbe eines Ungeliebten

Hayek: acht Jahre in Salzburg.
von Johann Kaltenleithner
Denkt man an die Stadt Salzburg, drängt sich einem unwillkürlich das übliche Spektrum an schablonenhaften Assoziationen auf, mit denen die Stadt gemeinhin verbunden wird: Mozartkugeln, Festspiele, die Hellbrunner Wasserspiele, die majestätisch über der Kulisse der Dächer der Stadt auf dem Festungsberg thronende Burg Hohensalzburg und das barocke Schloss Mirabell mit seinen malerischen Gärten. Im geschichtlichen Rückblick bestenfalls noch der legendäre Erzbischof Paris Graf von Lodron, der durch seine geschickten Ränkespiele die Stadt vor dem Untergang in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges bewahrte, sowie Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau, der das für Salzburg so typische Stadtbild maßgeblich prägte und natürlich Wolfgang Amadeus Mozart, der mit seiner genialischen Musik den Namen des einst provinziell-verschlafenen Fürsterzbistums zu Weltruhm führte. 

Den Namen Friedrich August von Hayek dürften hingegen die allerwenigsten intuitiv mit der Stadt an der Salzach verbinden. Umso überraschender sollte es anmuten, dass eben dieser große Ökonom und Titan der Österreichischen Schule der Nationalökonomie auf eine ganz besondere Art und Weise mit Salzburg verbunden ist, was übrigens nicht nur den „Zuag’roasten“, sondern auch dem Gros der alteingesessenen Stadtbürger nicht bewusst sein dürfte – eine Tatsache, die sich im weiteren Umkreis darin widerspiegelt, dass die Österreichische Schule ganz allgemein in ihrem Ursprungsland ein Schattendasein fristet und heute primär in den USA ihren Resonanzboden findet. Umso wichtiger erscheint es, dieses wenig bekannte Kapitel in der Lebensgeschichte Hayeks zu beleuchten, auf dass sich Österreich im Großen und Salzburg im Speziellen seines großen Sohnes – und vor allem dessen Denken! - in naher Zukunft wieder stärker besinnen möge. 

Worin besteht nun die spezielle Verbindung zwischen dem weltläufigen Jahrhundertökonomen und der westösterreichischen Kleinstadt? Ihren Anfang nahm sie 1969, als Hayek, dazumals schon ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler mit so prestigeträchtigen Stellen wie Professuren an der London School of Economics and Political Science (LSE), der University of Chicago und der Universität Freiburg im Breisgrau im Lebenslauf, einen Posten als Honorarprofessor an der Universität Salzburg annahm - die Stadt hatte damals nicht viel mehr als 120.000 Einwohner. Die Motivation für seine Entscheidung zum Umzug nach Salzburg soll finanzieller Natur gewesen sein, da Hayek zur damaligen Zeit noch keinen Status finanzieller Unabhängigkeit hatte erlangen können - von einer genuinen Affektion für seine nach London und Chicago nunmehr schon dritte Wahlheimat war er wohl hingegen kaum getrieben, die relative Nähe zu Wien, wo die Familie des Sohnes seiner zweiten Frau residierte, kam als weitere pragmatische Erwägung hinzu.

Auch wenn sich Salzburg gerne im Nimbus der Mondänität sonnt und sich als kosmopolitische Kulturhauptstadt geriert (und das keineswegs durchgängig zu Unrecht!) – für den weitgereisten Weltbürger Friedrich von Hayek stellte sich bald die ernüchternde Erkenntnis ein, dass die Lebensrealität einer österreichischen Kleinstadt weder seinem akademischem Anspruch gerecht wurde noch ihm die Anerkennung als Wissenschaftler eintrug, die ihm nach so monumentalen Werken wie „Der Weg zur Knechtschaft“ sicherlich zustand. Mit dem wissenschaftlichen Renommee, das die Universität Freiburg, wo er zuvor gelehrt hatte, genoss, konnte sich die weitaus kleinere Salzburger Uni nicht messen. Die Aufsplitterung des Campus in zwischen Altstadt, Salzachufer und Hellbrunn verstreute Fakultäten mit zusammengenommen weniger als 6,000 Studenten mutete da im Vergleich eher provinziell an, wenngleich die Uni auf eine mehr als 300-jährige Geschichte zurückblicken kann. 

Hayek selbst wohnte während seiner Zeit in Salzburg in einem vergleichsweise heruntergekommenen Vorstadtviertel, seine Nachbarn waren pensionierte Handwerker und Arbeiter, mit denen er wohl kaum ähnliche Interessen teilte. So kam es, dass er ein relativ isoliertes achtjähriges Dasein in der Mozartstadt führte, das noch dazu mit dem Affront einherging, dass an der Universität selbst niemand seine Bedeutung zu schätzen wusste und kaum jemand sich zu seinen Lehrveranstaltungen verirrte. Hayeks Einschätzung seiner Kollegen und Studenten fiel ernüchternd aus: so ist überliefert, dass beide seinen intellektuellen Ansprüchen nicht genügten und, was ihn am meisten echauffierte, es mangels Promotionsrechts nicht einmal ernstzunehmende Ökonomiestudenten an der Universität gab. Das Fass zum Überlaufen brachte vielleicht jener Moment, als Hayek mit den Absurditäten der aufgeblähten österreichischen Bürokratie, die unter der sozialistischen Alleinregierung im Österreich der 1970er Jahre immer stärker ausuferte, konfrontiert wurde: so wurde er in einem Rundschreiben wie zum Hohn daran erinnert, dass er als Universitätsprofessor gefälligst den zuständigen Bundesminister zu notifizieren habe, wenn er eine Auslandsreise anzutreten gedenke. Dazu kam wohl noch die Schmach der öffentlichen Schelte, die ihm der brachial-keynesianische SPÖ-Bundeskanzler und berüchtigte „Schuldenkaiser“ Bruno Kreisky erteilt hatte, als er nach Österreich zurückkehrte, was ihm wohl lehrte, dass seine Ideen in seiner Heimat wenig Anklang fanden. Immerhin fiel seine Nobelpreisverleihung 1974 wie zum Ausgleich in die Salzburger Zeit. 

Wenig überraschend schied Hayek dennoch im Unfrieden von Salzburg. In einem Brief aus 1977 schreibt er über seine Entscheidung, die Stadt zu verlassen, wie folgt (Eigenübersetzung aus dem Englischen): „Die Leute fragen mich häufig, warum ich Österreich verlasse. Ich muss zugeben, dass ich schon nach wenigen Monaten hier zu zweifeln begann. (…) Ich hatte einen Fehler gemacht, als ich nach Salzburg zog.“ Man kann es ihm kaum verübeln, für Salzburg – und in weiterer Folge Österreich – war es eine verpasste Chance, sich mit den wirtschaftspolitischen Ideen eines Landsmannes vertraut zu machen, die Österreich sowohl vor den Schuldenexzessen der 1970er als auch vor dem kontinuierlichen Abrutschen in die untere Sparte der Wettbewerbsfähigkeit und vor allem dem schmählichen Rekord der höchsten Steuerquote in ganz Europa bewahrt hätte.

Doch nicht alles war umsonst: Hayeks Erbe lebt in Salzburg fort, wenngleich es nur langsam wiederentdeckt wird. Noch immer befindet sich die Privatbibliothek Hayeks im 3. Untergeschoss des Toskanatraktes an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg – ein ideengeschichtlicher und wirtschaftswissenschaftlicher Schatz, der einer genaueren Auswertung und Dokumentation harrt. Noch viel erfreulicher aber ist die Tatsache, dass mit dem Hayek-Club Salzburg nun erstmals ein Netzwerk im Entstehen begriffen ist, dass die Lehren dieses Säulenheiligen des Liberalismus am Ort seines zu Lebzeiten vergeblichen Wirkens wieder aufleben lässt und in zeitgemäßer Form verbreitet. Obwohl momentan nur als loser Zirkel aktiv, konnte der Club mit dem prominenten Publizisten Carlos A. Gebauer, dem Autoren der „Gemeinwohl-Falle“ MMag. Michael Hörl, sowie der Präsidentin des Wiener Hayek-Instituts Dr. Barbara Kolm bereits einige prominente Referenten für Vorträge unter anderem zu den Themen Standortpolitik, Ungleichheit und Eigentum gewinnen. Potential scheint jedenfalls vorhanden: das Salzburger Bildungsbürgertum war bei den einzelnen Themenabenden jeweils prominent vertreten. Auch der ehemalige konservative Landeshauptmann Dr. Franz Schausberger (ÖVP) hat sich bereits für einen Vortrag über Regionalisierung und Dezentralisierung in Europa angesagt. Da die aktuelle politische Führung des Bundeslandes Salzburg gerade einen massiven, aus unter SPÖ-Ägide über die Bühne gegangenen staatlichen Spekulationsgeschäften resultierenden Schuldenberg abzutragen hat, täten die verantwortlichen Politiker gut daran, seinem Beispiel zu folgen und den Ideen Hayeks jene späte Ehre zu erweisen, die man ihm vor Ort zu Lebzeiten verwehrte.

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