Donnerstag, 14. Mai 2015

Gemeinnutz und Eigennutz - Ideologiekritik

von Tommy Casagrande
Häufig wird von Libertären behauptet, ''Gemeinnutz" sei tödlich. Dem ist zu widersprechen. Wer freiwillig gemeinnützig handelt, handelt sowohl im Sinne seiner selbst als auch im Sinne anderer. In diesem Sinne, unter der Bedingung von Freiwilligkeit, wären Gemeinnutz und Eigennutz miteinander kompatibel. 

Wenn man Menschen jedoch zwingt, "gemeinnützig" oder "eigennützig" agieren zu müssen, dann kann es durchaus tödlich werden, weil nicht die real-existenten Bedürfnisse der Menschen, sondern eine Ideologie, wie Menschen zu handeln haben, im Mittelpunkt steht. Eine solche Ideologie, die nicht individueller Standpunkt, nicht bloß Ausdruck einer subjektiven Meinung, sondern gewaltmonopolistisches Streben darstellt, kann dadurch letzten Endes tödlich werden, wie es Libertäre behaupten. Es ist dann aber die systemische Struktur, die durch das Gewaltmonopol entsteht, die es tödlich werden lässt, und nicht die Frage, ob Gemeinnutz oder Eigennutz. Wer übersieht, die systemischen Strukturen zu kritisieren, sitzt der Ideologie auf, die durch das System entsteht. Wenn eine durch das System verzerrte Verhaltensweise gesellschaftliche Übel schafft, dann ist oft der erste Kurzschluss, dass die Verhaltensweise an sich schlecht wäre. Das aber ist eine Haltung, die nicht ideologiekritisch ist, sondern Ideologie betreibt. Verhaltensweisen, Konsequenzen, Dynamiken nehmen je nachdem, unter welchen Bedingungen sie stattfinden, eine andere Hautfarbe an. Sie verändern sich durch die sie begleitenden Umstände. Und in unserer gegenwärtigen Welt werden die Umstände stets durch staatliche Eingriffe geschaffen. 

Indem der Staat den "Gemeinnutz" pervertiert, glauben manche Libertäre, dass der Gemeinnutz an sich schlecht sei. Das nenne ich Ideologie. Denn ohne Staat würde der Gemeinnutz ein ganz anderes Gesicht zeigen, da er dann auf Freiwilligkeit beruhen würde. 

Ich stelle aber in Frage, dass es bei der oft von Staaten bemühten Parole vom Gemeinnutz, sich tatsächlich um einen solchen handelt. Viel mehr scheint mir, dass das Gegenteil richtiger ist. Während Staaten den Gemeinnutz als Parole ausgeben, besteht doch die tatsächliche Politik westlicher Demokratien (und wohl auch eines jeden anders organisierten Staates) stets und fortlaufend darin, Sonderprivilegien zu verteilen, die durch Gesetze direkt oder indirekt geschaffen werden. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen versuchen Einfluss auf den Staat zu nehmen, um diesen in ihre Richtung zu bewegen. Damit bewegen sie den Staat zugleich von anderen gesellschaftlichen Gruppen weg. Dieser im Grunde institutionalisierte Bürgerkrieg, bei dem ein Kampf aller gegen alle mittels Einfluss auf den Staat stattfindet, zeigt keine Anzeichen von einem Gemeinnutz, der allen gleichzeitig dient. Im Gegenteil, es werden fortlaufend Gewinner und Verlierer geschaffen. Zudem sorgen die staatlichen Eingriffe für ein Auseinanderklaffen von Arm und Reich. Von Gemeinnutz kann keine Rede sein. Die durch das staatliche System umgesetzte Praxis drückt viel mehr ein auf dem Eigennutz gesellschaftlicher Gruppen basierendes System aus. Ginge es tatsächlich um Gemeinnutz, dann wäre die gemeinnützigste Position jene der individuellen Freiheit. Einer Freiheit, die allen Menschen gleichermaßen gegeben ist. Eine Position, die diese Auffassung von Gemeinnutz unterwandern will und sich ihrerseits versucht als "Gemeinnutz" auszugeben, giert danach sich an den Chancen und Möglichkeiten, die für einen selber zunehmen, während sie für einen anderen abnehmen, bereichern zu können, und wäre somit der Eigennutz (in Form von gewaltmonopolistischer Durchsetzung).

Schon seit Ewigkeiten findet man in der Menschheitsgeschichte vor, dass jene Parolen, mit denen Propaganda gemacht wird, inhaltlich mehr ihrem Gegenteil zusprechen. Parolen hinsichtlich ihrer real-existierenden Natur zu durchleuchten ist Kern einer ideologiekritischen Position.

Kommentare:

  1. Eine wichtige Frage dabei ist ja: Was ist Gemeinnutz? Was ist Eigennutz ist auch eine Frage, aber diese kann - das Äußere betreffend - letztlich durchs Individuum bearbeitet und temporär/immer wieder beantwortet werden.
    Aber der Gemeinnutz ist ein Begriff, der - wie alles - nicht utilitaristisch begründet werden kann - denn Utilitarismus begründet nichts, es ist eine (ethisch oft fragwürdige) sekundäre Handlungsanleitung, wie mensch zu einem (vorher im- oder explizit gesetzten) Ziel kommen könnte.
    Daher ist der Gemeinnutz, wenn er als Begriff (diskursiv) und Aufgabe (philosophisch und praktisch) einen Gehalt haben soll, zu definieren.
    Einen 'Nutzen' (als konkreter Nutzen gemeint) überindividuell festzustellen, scheint mir schwierig bis unmöglich. Das Wort 'Gemeinwohl' - paternalistisch oder idealistisch gemeint - scheint mir als versuchter Begriff eher noch passend. Joseph Schumpeter hat einmal das Gemeinwohl als nicht feststellbar und damit unbrauchbar für eine rationale Anwendung formuliert. Mindestens oftmals wird das Wort Gemeinwohl auch als Begründung für konkrete Ziele verwendet, ohne dabei das angeblich geförderte Gemeinwohl selbst zu definieren.

    Die (u.a. klassisch) Liberalen sehen das Gemeinwohl wohl im Recht, in einer allgemeingültigen Konstitution. Das ist zumindest nicht partikularistisch (ob es effektiv umsetzbar/von einer Gesellschaft praktizierbar ist, ist eine andere Frage). Weil es zunächst nur das Verhältnis zwischen den Individuen regelt und nicht inhaltlich-konkret festlegt/von bestimmten Menschen festlegen lässt, was andere Individuen (gesellschaftsstrukturell: 'Subjekte') inhaltlich "für das Gemeinwohl" zu tun haben. Denn ein konkretes "Gemeinwohl" kann von der Regierung und von der Gouvernementalität (Staat im weiten Sinne von Foucault) zur Begründung der jeweilige Partikularinteressen und -Ziele instrumentalisiert werden. Das gilt meiner Einschätzung nach grundsätzlich. Praktisch kommt es vielleicht nicht in jedem Fall vor, und es kommt effektiv (in der Wirkung, konsequenzialistisch) in verschiedenen Intensitäten vor. Das spricht nicht für eine Sinnhaftigkeit eines substanziellen Gemeinwohlbegriffes. Aber in den Folgen haben verschiedene Gemeinwohle verschiedene Auswirkungen auf die mehr oder weniger betroffenen Individuen und die relative Ordnung der Gesellschaft.

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  2. Ich habe festgestellt, dass man sich nie sicher sein kann, ob man etwas Gutes für das Gemeinwohl getan hat. Man kann nie herausfinden, ob eine Wohltat vom Empfänger der Wohltat entsprechend hoch bewertet wird.

    Dass meine Leistung jemandem anderem wirklich geholfen hat, da kann ich mir nur sicher sein, wenn der Gegenüber auch bereit dafür wäre, Geld zu zahlen.

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