Donnerstag, 2. April 2015

Wider den reaktionären Libertarismus

von Stefan Blankertz
Reaktionär, dieses angeschmuddelte Schimpfwort aus dem Arsenal linker Rhetorik, steht hier aus einem präzisen Sinn: Es geht um eine Übernahme linker Agitation, mit umgekehrten Vorzeichen, in Reaktion auf eine unverstandene Wirklichkeit. Diese Reaktion ist, im Gegensatz zum Selbstverständnis jener Libertärer, nicht wirklich konservativ im Sinne einer untergegangenen liberalen Bürgerlichkeit.

1) Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Empörung«. Kleinste Abweichungen in der richtigen Wortwahl, vor allem aber in der richtigen, d.h. »realistischen« Parteinahme für die Guten (oder zumindest das kleinere Übel) führt zum empörten Aufschrei und, wo man(n) in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten sich sicher fühlt, zum beschimpfenden Kollektivmob. Wer Einwände gegen die Parteinahme hat, wird zum Mörder, ist Mitschuld am Wüten des ewigen Bösen. Wer würde da nicht auch in Empörung ausbrechen? Ob staatlich zugelassene Homoehe, Sexualkundeunterricht in der staatlichen Schule oder die Erlaubnis, im Rahmen von Religionsfreiheit ein Kopftuch zu tragen, man(n) ist empört und ruft nach der guten, alten Zeit, in der der Staat für Recht und Ordnung und vor allem die rechten Sitten gesorgt habe und darum ein wenig weniger Staat als heute gewesen sei.

2) Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Politisierung«. Bourgeoise Tugenden wie Achtung vor der Privatsphäre, Diskretion,»désinvolture« (Ernst Jünger) zählen nichts mehr. Man(n) macht sich lustig über den politischen Gegner, kommentiert und moralisiert sein Privatleben, ja sein Aussehen, nichts sei mehr privat, beteiligt sich am Shitstorm.

3) Die reaktionären Libertären kultivieren den typisch linken »Kollektivgeist«. Bestimmte ethnisch, religiös oder kulturell definierten Gruppen sind besser, moralischer und wohl auch intelligenter als andere, die kollektiv die Bösen sind. Ein Individuum, das bedauerlicherweise in eine dieser Gruppen des Bösen hineingeboren wurde, kann der kollektiven Verurteilung allerhöchstens gnadenweise entgehen, wenn es sich permanent von seiner Herkunft distanziert und sich gehörig schämt. Die Guten haben nicht nur das Recht, sondern auch die unbedingte Pflicht, die Bösen unabhängig von individueller Schuld zu bekämpfen, zu vernichten. Es ist geboten, das kollektiv besessene »eigene« Land vor ihnen zu schützen und von ihnen zu säubern. Wenn sie mit der Mehrheit sich dünken, scheuen sich die reaktionären Libertären nicht, die ansonsten so heftig kritisierte und abgelehnte Demokratie in ihrer schärfsten Form, dem Volksentscheid, als Waffe der Reinigung gutzuheißen.

4) Die reaktionären Libertären kultivieren die typisch linke »Moralisierung«. Anstelle der Analyse von wirtschaftlichen und Machtinteressen tritt die Einleitung in Gut und Böse. Jeder ist aufgerufen, Partei zu ergreifen. Krieg ist Frieden. Man(n) hat an der Seite »von …« zu stehen – von einem Staat allemal, aber der ist der Gute oder doch wenigstens das kleinere Übel, zu dem es keine realistische Alternative gebe. Und wer nicht realistisch ist, der ist, selbstredend, böse.

Aufgrund der Empfindlichkeit von Empörung, Politisierung, Kollektivgeist und Moralisierung gegenüber Abweichung führt der reaktionäre Libertarianismus wie bei den Linken zum Zerfall in kleine, sektiererische Zirkel. Die anti-etatistische Kraft erlahmt. Dagegen steht der ursprüngliche Impuls des Libertarismus jenseits von Rechts und Links. ¡Venceremos, Rothbarderos!

1 Kommentar:

  1. Lieber Herr Blankertz,

    Ihr Artikel ist eine mehr als notwendige Klarstellung, für die ich mich bedanke. Angesichts des leider allzu übersättigten Biotops bornierter, christlicher Familienväter, die ihre Familie mit ihrem Eigentum verwechseln, muss diese Grenzziehung immer wieder betont werden.
    Gruß an alle Freiheitfreunde.
    Hütet euch vor diesen "Libertären":

    http://www.freiewelt.net/

    http://www.ef-magazin.de/

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