Mittwoch, 15. April 2015

Politisch korrekte Wissenschaft: Stillstand statt Fortschritt

Politisch unkorrekt: Kopernikus.
Bild: Wikimedia.
von Tomasz M. Froelich
Es wirkt paradox: Die Wissenschaft dient unter anderem dem Erkenntnisfortschritt. Nun ist es aber so, dass ausgerechnet eine Kopfgeburt linksgepolter Wissenschaftler den Erkenntnisfortschritt lähmt. Gemeint ist die „Politische Korrektheit“.

Die Politische Korrektheit ist ein neuer, aus den USA stammender Trend, der bestimmten Meinungen Andersdenkender (häufig handelt es sich hierbei um Kapitalisten, Anarchisten und andere Systemgegner) zugunsten einer auf „gemeinsamen“ Werten aufgebauten politischen Ordnung einen Maulkorb verpassen möchte, was den herrschenden, von politisch korrekten Wissenschaftlern beeinflussten Eliten insofern nutzt, als dass ihre Gegner an den Rand gedrängt werden, was ihnen die Lenkung des Kollektivwesens erleichtert.


Politisch korrekter Neusprech

Typische Vorgehensweise dabei: „politisch korrekter Neusprech“. Anhänger bestimmter Überzeugungen, die den vorherrschenden, veröffentlichten oder gelehrten Meinungen widersprechen, werden als „rechts“ gebrandmarkt, da heutzutage – zumindest im „aufgeklärten Westen“ – das politisch allseits als Böse Anerkannte in der rechten Ecke vorzufinden ist. So werden Patrioten zu Nazis, Anhänger der freien Marktwirtschaft zu sozialdarwinistischen Raubtierkapitalisten, Traditionalisten zu reaktionären Frauenfeinden, Gegner der EU und anderer Formen des Zentralismus zu Rechtspopulisten, Libertäre zu Neurechten und so weiter. Anhänger von Überzeugungen, die nicht genehm sind, die sich aber nicht so leicht in die rechte Ecke verordnen lassen können, werden mit anderen Schmähungen bedacht: So werden beispielsweise Katholiken zu Pädophilen (wobei bei pädophilen Neigungen der Grünen ein Auge zugedrückt wird), Anarchisten zu rebellischen Chaoten mit starker Neigung zur Gewalt, kritisch denkende Menschen, die das System hinterfragen, zu Verschwörungstheoretikern, Individualisten zu unsolidarischen Egoisten, Zweifler an der Theorie des menschengemachten Klimawandels zu Klimaleugnern und Autofahrer zu Klimakillern. Umgekehrt gelten Grüne und Linke als progressiv und die staatliche Polizei als Freund und Helfer. So sorgen die herrschenden Eliten und die sie beeinflussenden politisch korrekten Wissenschaftler für klare Verhältnisse: Sie sind auf der Seite des Guten, so dass alle, die ihnen widersprechen, automatisch auf der Seite des Bösen stehen.


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Mittlerweile hat die Politische Korrektheit längst auch den europäischen Raum, vor allem die Universitäten, erobert. Gérard Bökenkamp beschreibt die Politische Korrektheit als eine Form von Sprach- und Verhaltenskodex, die „als der Versuch verstanden werden [kann], Sprache und Verhalten neuen Regeln zu unterwerfen, um tatsächlichen oder angeblichen Rassismus, Chauvinismus, Sexismus oder auch unliebsame politische Strömungen zu bekämpfen.“ In der Praxis ergibt sich dadurch laut Bökenkamp folgender Konflikt: „Die Anhänger einer bestimmten Moral und Gesellschaftspolitik wollen verhindern oder erschweren, dass bestimmte Ansichten und Forschungen, die diesen Vorstellungen zuwiderlaufen, sanktionslos geäußert werden können.“ Böse Zungen sprechen bei dieser Form des politisch gefärbten Moralismus von einem „Meinungsdiktat“, das das Grundrecht auf Meinungsfreiheit untergräbt.


Politische Korrektheit als gesamtgesellschaftlicher Regelkatalog

Politische Korrektheit wird allerdings erst dann zum Problem, wenn sie über das bloße politische Moralisieren hinausgeht, indem sie zu einem gesamtgesellschaftlichen und für alle und jeden verbindlichen Regelkatalog gemacht wird, der unliebsame Meinungen nicht mehr zulässt und sanktioniert, um den gesamten öffentlichen Raum nach eigenem Gutdünken zu vereinheitlichen, wodurch zugleich der gesellschaftliche Pluralismus, und damit die Grundlage der freien und öffentlichen Erörterung, und damit letztlich auch die Meinungsfreiheit aufgehoben wird. Unliebsame, politisch nicht korrekte Meinungen und deren Äußerungen können auf dem Wege der Gewalt und Nötigung unterbunden und bestimmte Sprach- und Verhaltensnormen durchgesetzt werden. Dazu ist einzig der Staat in der Lage. Und er macht von dieser Möglichkeit Gebrauch, etwa durch rechtliche Sanktion und Zensur bestimmter Meinungen, Benachteiligung unliebsamer und einseitige Förderung genehmer Meinungen (etwa durch Postenbesetzung in den öffentlich-rechtlichen Medien, Universitäten, Schulen und so weiter), in manchen Ländern durch physische Übergriffe auf unliebsame Andersdenkende, oder aber auch durch die Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas, in dem die Äußerung stark von der Mehrheitsmeinung abweichender Positionen mit existentiellen Risiken oder sozialer Isolation verbunden ist.

Für den Staat hat dies den Vorteil, dass sich viele seiner Kritiker und Gegner nicht mehr trauen, öffentlich gegen ihn das Wort zu ergreifen. Seine Macht wächst.


Wissenschaft als Wettbewerb: Erkenntnisfortschritt

Der sich verstärkende Einfluss der Politischen Korrektheit ist gerade für das Bildungs- und Forschungswesen problematisch, da sie den Rahmen abgibt, in dem überhaupt noch gedacht und geforscht werden darf, womit Forschung nur noch die Aufgabe der Bestätigung und Legitimierung ohnehin nicht mehr hinterfragbarer Wahrheiten abgibt.

Dabei ist es doch seit eh und je eine der wichtigsten Aufgaben der Forschung, vorherrschende ,,Wahrheiten’’ zu hinterfragen. Wird der Forschung das Hinterfragen verboten, so verliert sie ihren Zweck.

So widersprach beispielsweise das heliozentrische Weltbild des Kopernikus seinerzeit dem vorherrschenden geozentrischen Weltbild, ebenso wie Darwins Erkenntnis, wonach Menschen und Affen einen gemeinsamen Vorfahren besitzen, der damals vorherrschenden Schöpfungslehre der katholischen Kirche widersprach. Die Lehren von Kopernikus und Darwin, die zu Lebzeiten, wenn man so will, „politisch nicht korrekte“ Außenseiterpositionen vertraten, gelten aus heutiger Sicht als bahnbrechende Erkenntnisse der Wissenschaft. Und dennoch drohten und drohen viele solcher Erkenntnisse im Keime zu ersticken, da sie den kaum hinterfragbaren Ansichten der herrschenden Institutionen – früher etwa denen der Kirche, heute denen des Staates – widersprachen beziehungsweise widersprechen.

Gerade deshalb ist die Freiheit der Lehre und Forschung so wichtig. Sie ist die Triebfeder für den Forschergeist. Wird der Forschergeist allerdings durch vorherrschende und nicht hinterfragbare Ansichten, die vom Staat vorgegeben und von den Missionaren der Politischen Korrektheit gepredigt werden, eingeengt, so bleibt der wissenschaftliche Fortschritt auf der Strecke.

Dieser Zustand ist in vielen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem in den stark politisierten Geistes- und Sozialwissenschaften, längst erreicht und vergiftet das wissenschaftliche Klima zunehmend. Dies zeigt sich vor allem im Umgang mit unbequemen Professoren, die sich auch mal außerhalb des von den herrschenden Eliten und der Politischen Korrektheit vorgegebenen Rahmens bewegen – sie drohen, wie etwa der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld, zu Schandpfahl-Opfern zu werden.

Unter solchen Voraussetzungen kann von einer Freiheit der Bildung und Forschung nicht mehr die Rede sein. Die Meinungsdiktatur hält schrittweise Einzug. Sie droht in letzter Konsequenz zur politischen Diktatur zu werden, in der sich keiner mehr etwas zu sagen traut. Roland Baader bemerkte treffend: „Wer die Menschen zum Schweigen zwingt, zwingt sie zum Lügen. Und wo die Lüge einkehrt, verschwindet die Freiheit.“

Daher ist – im Sinne der Freiheit – die Schaffung eines Klimas, in der jede Meinung frei geäußert werden kann, dringend empfehlenswert. Es darf keinen Nationalsozialismus geben, der den Juden ins Konzentrationslager schickt; es darf keinen Kommunismus geben, der den Kapitalisten in den Gulag schickt oder wie zu Zeiten Pol Pots und der Roten Khmer in Kambodscha den Intellektuellen und Brillenträger als überflüssig und unerwünscht erachtet und beseitigt; und es darf kein politisiertes Bildungswesen geben, das im Namen der Politischen Korrektheit ein gesellschaftliches Klima schafft, in dem Anhänger unbequemer Minderheitsansichten öffentlich an den Pranger gestellt, sozial isoliert, existentiell bedroht, physisch und psychisch angegriffen oder gar durch eine „politisch korrigierte“ Rechtsprechung juristisch sanktioniert werden.

Das staatliche Bildungswesen dient den herrschenden Eliten nicht bloß dazu, ihre Macht etwa durch bewusste Bildungspropaganda und Massenmanipulation zu zementieren, sondern auch seine systemkritischen Gegner in Schach zu halten. Die Politische Korrektheit ist hierfür ein probates Mittel. Im Sinne der Staatsraison wird das Bildungswesen politisiert.

Diese Politisierung des Bildungswesens durch den Staat ist sehr gefährlich, weshalb sie ihm zu entziehen ist. Stattdessen müssen Bildung und Forschung als Wettbewerb gedacht werden. Als Wettbewerb der Ideen. Nur dann ist wissenschaftlicher Fortschritt möglich. Die Politische Korrektheit hemmt diesen Fortschritt, wie Gérard Bökenkamp schlüssig aufzeigt:

Wird Wissenschaft als Wettbewerb gedacht, so suchen Vertreter von wissenschaftlichen Minderheitspositionen nach Fehlern in den wissenschaftlichen Mehrheitspositionen, deren Vertreter nun gezwungen sind, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen. Dies führt dazu, dass die Vertreter von wissenschaftlichen Mehrheitspositionen nun Fehler in der an sie gerichteten Kritik finden, oder aber Fehler in ihren bisherigen Positionen finden. Die Folge: Sowohl die Vertreter wissenschaftlicher Mehrheits- als auch die Vertreter wissenschaftlicher Minderheitspositionen vertreten nun eine korrigierte Position – Erkenntnisfortschritt!

In einem politisierten Milieu, wie es typisch für den gegenwärtigen deutschen Wissenschaftsbetrieb ist, schaut das anders aus: Vertreter wissenschaftlicher Minderheitspositionen suchen nach Fehlern in den wissenschaftlichen Mehrheitspositionen, deren Vertreter die Kritik aus politischen Gründen abweisen und sich weigern, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen. Vertreter wissenschaftlicher Mehrheitspositionen müssen so keine Fehler in der eigenen Position einräumen, finden aber auch keine Fehler in der an sie gerichteten Kritik. Konsequenz: Sowohl Vertreter wissenschaftlicher Mehrheits- als auch Vertreter wissenschaftlicher Minderheitspositionen vertreten nach wie vor dieselbe Position. Erkenntnisfortschritt? Null.
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Dieser Beitrag erschien zuerst bei eigentümlich frei

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