Freitag, 10. April 2015

Ohne Mises – kein Rothbard: Ein Beitrag zur Klärung eines Missverständnisses

Kluges Trio: Rothbard, Hazlitt und Mises. Foto: mises.org
von Dominik Ešegović
Michael von Prollius ist ein kluger und belesener Mann. Ich habe den promovierten Historiker auf einem Seminar einmal persönlich kennenlernen dürfen. Er gehört zu einer winzigen, geradezu gefährlichen Sekte von Intellektuellen, die durch ihr Wirken an den Grundpfeilern unserer sozialdemokratischen Ordnung sägen: die Rede ist von Historikern, die ökonomischen Sachverstand in ihre Arbeit einfließen lassen. Diese Gruppe, die so selten ist wie Seelöwen im Kinderschwimmbecken, tut sich schwer damit, im Chor derjenigen mitzuträllern, die ein Zurückfahren staatlicher Aktivität als Angriff auf die eigene wirtschaftliche Existenz betrachten. 

Von Prollius ist ein seltener, aber umso angenehmerer und interessanter Zeitgenosse. Er ist u.a. ein hervorragender Kenner der Schriften Henry Hazlitts und gehört zu dieser kleinen, losen, man mag fast sagen, elitären Gruppe von Menschen, die sich als „Minimalstaatler“ betrachten. Viele Minimalstaatler oder „Minarchisten“ sind Intellektuelle, die von der Österreichischen Schule beeinflusst sind. Das Gros der Minarchisten hasst den immer größer werdenden Einfluss des Staates, der jeden Tag lästiger zu werden scheint. Was die meisten Menschen als „ganz normal“ oder gar notwendig empfinden, lehnen Minarchisten ab: das faktische Monopol des Staates auf Bildung beispielsweise, das durch den staatlichen Schulzwang rigoros verteidigt wird. Der Annahme, der Staat müsse mit Gewalt für Bildung sorgen, wird zwar von der Masse der Bevölkerung nicht widersprochen, ist jedoch grundfalsch. Von Prollius schreibt dazu: „Der Staat müsse verbindliche Standards setzen, ein kostenloses Angebot von jedermann mit Zwang durchsetzen. Da stimmt doch etwas nicht: Ein Angebot mit Zwang durchsetzen. Mit welchem Recht?“ (1)

Von Prollius stellt hier die Frage an der richtigen Stelle. Woher nimmt sich der Staat das Recht, uns zur Annahme einer Dienstleistung zu zwingen? Als Minarchist, der die Vorzüge der Marktwirtschaft und der Vertragsfreiheit erkannt hat, lehnt von Prollius staatlichen Zwang ab. Er macht nur eine entscheidende Ausnahme – nämlich beim Staat selbst. Der Staat müsse, so von Prollius, die Unverletzlichkeit des Privateigentums und den Schutz von Leib und Leben garantieren. Eine schwierige, manch einer würde einwerfen, paradoxe Aufgabe, die hier dem Staate zuteil wird. Denn ist nicht der Staat wie Hoppe et al. herausgestellt haben, ein „enteignender Eigentumsschützer“, der stets in Versuchung ist, „die Ausgaben für Sicherheit zu maximieren und gleichzeitig die tatsächliche Produktion von Sicherheit zu minimieren“ ? (2)

Doch diesen Tanz mit dem Teufel, müsse man laut von Prollius nun einmal wagen bzw. fortführen. Denn „der allfällige Missbrauch des Staates und die illegitime Ausweitung der Grenzen des Staates sollten nicht dazu führen, das Kind mit dem Bade auszuschütten.“ (3) Man müsse also vielmehr den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: „Aufgabe unserer Zeit ist es, die Herrschaft von Menschen über Menschen durch den Staat einzuschränken und damit Alternativen zum Missbrauch zu entwickeln.'' Von Prollius bezieht sich in seiner Verteidigung des Staates auf den vielleicht größten liberalen Denker und Ökonomen aller Zeiten, Ludwig von Mises: 

„Der Anarchismus verkennt die wahre Natur des Menschen; er wäre nur durchführbar in einer Welt von Engeln und Heiligen. Liberalismus ist nicht Anarchismus; Liberalismus hat mit Anarchismus nicht das geringste zu tun. Der Liberalismus ist sich darüber ganz klar, daß ohne Zwanganwendung der Bestand der Gesellschaft gefährdet wäre, und daß hinter den Regeln, deren Befolgung notwendig ist, um die friedliche menschliche Kooperation zu sichern, die Androhung der Gewalt stehen muß, soll nicht jeder einzelne imstande sein, den ganzen Gesellschaftsbau zu zerstören. Man muß in der Lage sein, den, der das Leben, die Gesundheit oder persönliche Freiheit anderer Menschen oder das Sondereigentum nicht achten will, mit Gewalt dazu zu bringen, sich in die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu fügen. Das sind die Aufgaben, die die liberale Lehre dem Staat zuweist: Schutz des Eigentums, der Freiheit und des Friedens.“ 

Was hier wie ein vernichtendes Urteil klingt, welches über die Kritik am Staat selbst ausgesprochen wurde, ist bei näherer Betrachtung nichts weiter als ein Anachronismus bzw. Missverständnis. Wie so oft ist es die unscharfe Verwendung von Begriffen, die die Debatte vernebelt. Zitate dienen dabei als Blendgranaten. Was erst einmal wie ein Bombe einschlagen soll, kann oft leicht entschärft werden. Manchmal reicht es in einem Buch eine Seite zurück zu blättern:

„Die Anarchisten halten Staat, Rechtsordnung und Regierung für überflüssige Einrichtungen in einer Gesellschaftsordnung, die wirklich dem Wohle aller dient und nicht nur den Sonderinteressen einiger Privilegierter. Nur weil unsere Gesellschaftsordnung das Sondereigentum an den Produktionsmitteln kennt, sei es notwendig, Zwang und Gewalt zu ihrem Schutze anzuwenden. Würde man aber das Sondereigentum beseitigen, dann würde jeder ohne Ausnahme von selbst die Regeln befolgen, die die gesellschaftliche Zusammenarbeit erfordert.“ 

Hier fällt es nicht schwer auszumachen, wen Mises mit den „Anarchisten“ gemeint hat. Es waren jene Zeitgenossen, die nach einer Abschaffung des „Sondereigentum[s] an den Produktionsmitteln“ gestrebt haben: (Anarcho-)Kommunisten also! (Anmerkung: „Mises used the term “anarchism” to refer to the Proudhonian idea of a society without the defense of private property rights, and “anarchy” to designate the chaos he believed to be inevitable for such a society. He did not have in mind the anarchism of his later student Murray Rothbard, who used these same words to advocate a free market society without a modern state…“ Jörg Guido Hülsmann: Mises: The Last Knight of Liberalism, Auburn 2007, S. 546.) 

Der „klassische“ Anarchokapitalismus, der ganz andere Bestrebungen verfolgt, als die Abschaffung von Eigentum, ist ein jüngeres Kind als Mises‘ Schrift „Liberalismus“. Der Mises-Schüler Murray Rothbard gilt gemeinhein als Begründer der anarchokapitalistischen bzw. libertären Bewegung. Mises‘ Praxeologie wurde zu einem Grundstein Rothbardscher Lehre, die den Menschen nicht als homo oeconomicus, sondern als Wesen charakterisiert, das zielgerichtet handelt. Nicht nur sah Rothbard in Mises denjenigen, der ihm ein ganzheitliches Verständnis für die Ökonomie verschafft hat, sondern hegte auch Mises in seinen Schüler die größten Hoffnungen, die Österreichische Schule populär zu machen (4).

Rothbard gehörte zu den talentiertesten Schülern seines Meisters und gehörte zum libertärsten Flügel in der Gruppe seiner Anhänger. Während einige Schüler mit ihrem leichten Etatismus nach Übereinstimmungen in Mises Werk suchten, bezeichnete Rothbard scherzhaft den Meister selbst als „a member of the non-Communist left.” (5)

Mises war in seinem minarchistischen Denken jedoch so weit, separatistische Bestrebungen kategorisch zu befürworten: 

„wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhängenden Landstrichen, durch unbeeinflußt vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, daß sie nicht in dem Verband .jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zuzugehören wünschen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen.“ (6)

Mises räumt auch ein, dass eine „politische Abspaltung“ des Individuums zumindest vom liberalen Standpunkt aus statthaft sei. Mises ist jediglich skeptisch bezüglich der Durchführbarkeit einer „Individualsezession“, wie sie später Rothbard präferierte: 

„Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, so müßte es geschehen. Nur weil dies nicht durchführbar ist, da die staatliche Verwaltung eines Landstrichs aus zwingenden verwaltungstechnischen Rücksichten einheitlich geordnet sein muß, ist es notwendig, das Selbstbestimmungsrecht auf den Mehrheitswillen der Bewohner von Gebieten einzuschränken, die groß genug sind, um in der politischen Landesverwaltung als räumliche Einheiten aufzutreten.“

Mises ist kein Vorwurf zu machen, dass er in einer Zeit, als die meisten der wenigen Anarchisten kommunistisch geprägt waren, einen kritischen Standpunkt gegenüber der anarchistischen Idee einnahm. Es bedurfte auch der theoretischen Weiterentwicklung der Misesschen Lehren durch seine eifrigsten Schüler, die eine theoretische Grundlage für den Anarchokapitalismus geschaffen haben. Mises Beitrag ist und bleibt von unermesslichem Wert. Ohne Mises – kein Rothbard!

Kommentare:

  1. oh nein, der große meister hat nichts falsch verstanden. die unterscheidung zwischen anarchokommunismus und anarchokapitalismus existiert nur auf dem papier. sobald der staat nicht mehr existiert, ist es völlig belanglos, welches ziel man sich davor gesetzt hat. man kann die eigentumsrechte festhalten, aber sie sind nichts mehr wert, weil man sie bei niemandem mehr einklagen kann. wenn ich ein riesiges landstück einzäune, verhindere ich ohne einen sicherheitsdienst nicht, dass jemand darauf siedelt. sobald mir jedoch so ein dienst zur verfgung steht, kann ich ihn auch einsetzen, um mir ein kleineres, angrenzendes stück eines nachbarn einzuverleiben, der sich nicht soviele wachleute leisten kann. es ist völlig gleichgültig, wie legitim meine ansprüche sind, da ich sie in jedem fall mit den gleichen mitteln durchsetzen muss. niemand könnte mich aufhalten, weil alle rivalen in meiner "größe" zuerst damit beschäftigt wären, ihre einflussbereiche mit dem geringsten einsatz zu vergrößern, d.h. auch die "kleinen" zu verschlingen. es ist sehr wahrscheinlich, dass die besitzer überhaupt nichts mehr zu melden hätten, sondern die sicherheitsdienste selbst die macht an sich reißen.
    mit einer anarchistischen revolution geht die geschichte praktisch wieder von vorne los, von stämmen über warlords, fürsten zu königen und demokratien. vielleicht würde es nicht so kriegerisch ausgehen, wie ich andeute, aber das nur, weil die meisten menschen sehr schnell freiwillig eine regierung (die einen sehr kampfkräftigen sicherheitsdienst unterhält) bestimmen würden. doch diese könnte nicht dulden, dass die übrigen, die sie nicht anerkennen, auch die von ihr festgestellten eigentumsrechte nicht anerkennen. sie würde gewalt anwenden und so schließlich territoriale einheit herstellen. vielleicht wäre sie nur noch für ein kleineres gebiet zuständig. doch das wäre kein vorteil gegenüber einer liberalen regierung nach mises, die ein großes landstück kontrolliert, denn diese hat sowieso nur die aufgabe, die eigentumsrechte zu verteidigen, was sie in jeder beliebigen größe gleich erfüllen kann.
    rote_pille

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  2. "sobald der staat nicht mehr existiert [...] weil man sie bei niemandem mehr einklagen kann."

    Doch, bei privaten Gerichten, die von ihren Kunden bezahlt werden damit sie Ordnung und Rechtssicherheit gewährleisten.

    Jede staatliche Organisation kann von einer privaten Organisation übernommen werden. Sie wird von den gleichen Leuten wie vorher bezahlt, nämlich von der Masse der Bürger. Nach anfänglichen Eingewöhnungsproblemen werden sich sehr schnell Marktführer herauskristallisieren, die die gleichen Aufgaben erfüllen wie zuvor der Staat. Mit einem Unterschied: diese Einrichtung hat dann kein MONOPOL mehr.

    "sobald mir jedoch so ein dienst zur verfgung steht, kann ich ihn auch einsetzen, um mir ein kleineres, angrenzendes stück eines nachbarn einzuverleiben, der sich nicht soviele wachleute leisten kann."


    Zum Glück ist die Bevölkerung so groß, dass sie Gerichte für geringe Prämien pro Kopf finanzieren kann, so dass kein Einzelner sie korrumpieren kann. Die Kunden würden einfach ihre Zahlungen einstellen und zu einem anderen Gerichts- und Sicherheitsanbieter gehen.

    Wichtig ist v.a. dass man durch Aufklärung den heute vorherrschenden unbedingten Glauben an den Staat erschüttert. Keine Mafia oder private Schlägertruppe hätte auch nur annähernd so viel Ansehen wie heute der Staat. Das ist vermutlich der entscheidende Punkt, aber ich fürchte es wird Jahrhunderte dauern bis alleine in Europa oder den USA sich diese Ansicht komplett durchgesetzt hat. Genauso wie die Verbreitung der Menschenrechte und der Demokratie Jahrhunderte gedauert hat.

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  3. ich denke, sie sehen das problem nicht. eigentum existiert nicht von sich heraus, es ist ein anspruch an die gesellschaft. anspüche können IMMER nur mit gewalt durchgesetzt werden.
    werde ich ein privates gericht bezahlen, dass mich verurteilt? werde ich freiwillig erlauben, vor ein gericht gestellt zu werden, dass mich verurteilen könnte? natürlich nicht. überhaupt, auf welcher basis sollte das gericht die entscheidung treffen? ich behaupte, ein landstück gehört mir, ein anderer behauptet das gegenteil, woher wissen die privaten gerichte nun wer recht hat? zeugen dafür anzuführen ist unsinn- dann wäre ich ja nur solange eigentümer, wie ich die mehrheit der befragten leute hinter mir habe. es braucht grundbücher und grundbücher sind eine staatliche erfindung. sie könnten in einer anarchie überhaupt nicht existieren, weil ihre gültigkeit die (freiwillige oder unfreiwillige) akzeptanz SÄMTLICHER bewohner und gerichte voraussetzt. diese kann nur eine zwangsgewalt gewähren. das monopol müssen wir in diesem bereich in kauf nehmen, um die notwendigen voraussetzungen für die wirtschaft übrhaupt zu schaffen. genügend "konkurrenz" unter den verschiedenen warlords hat es in der geschichte ja genügend gegeben (als die landstücke kleiner waren), aber unter solchen umständen kann man eine gute wirtschaft nicht aufbauen. durch die rechtsunsicherheit steigt nämlich der urzins, also die zeitpräferenz, auf einen sehr hohen wert an, der die kreditmärkte abwürgt. durch den staat wird der urzins dauerhaft gesenkt, weil sich die menschen sich sicher sind, dass sie auch in zukunft über ihr eigentum verfügen werden.

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  4. Ohne Mieses kein Rothbard, umgekehrt aber kommt Mises sehr gut ohne Rothbard aus. Mises nun ex post zum Anarchokapitalisten umpolen zu wollen, weil zu seiner Zeit angeblich alle Anarchisten Kommunisten waren, ist ein braver Versuch der Vereinnahmung, aber auch wenig mehr. Mises hat den Staat nicht prinzipiell abgelehnt, und das lag nicht daran, daß Anarchisten für ihn Kommunisten waren. Vielmehr hat er den Anarchismus prinzipiell abgelehnt. Das hätte er explizit gar nicht tun müssen, wenn dieser ihm dasselbe wie der Kommunismus gewesen wäre. Mises war aber eben ein klassisch Liberaler und kein Anarchist, das sollte man sich schon eingestehen.

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  5. In meinem Buch "Klassischer Liberalismus" habe ich die wichtigsten Textstellen aus den Werken Mises über den Anarchismus zusammen getragen. Ich verzichte darauf, sie hier zu widerholen. Es besteht kein Zweifel, dass Mises in seinem Werk "Liberalismus" aus historischen nur den kommunistischen Anarchismus gemeint haben konnte. Aber die Begründung seiner Ablehnung bezieht sich implizit auf alle Spielarten des Anarchismus. Mises hält einen Minimalstaat (den er definiert als Unterdrückungsapparat) zur Verteidigung von Recht und Freiheit unter allen denkbaren Bedingungen für notwendig. Das ist unbezweifelbar. Mises kann nicht als Nestor des Anarchokapitalismus vereinnahmt werden. Mises war klassisch-liberal auch und gearde im Hinblick auf die Idee der "rule of the law", des Rechtstaates (mit Betonung auf "Staat"). Er hat diese Haltung zeit seines Lebens vertreten, und auch nicht im Hinblick auf Rothbards Utopie relativiert. Helmut Krebs

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  6. Der "Staat" schwebt aber nicht neutral über den Dingen, Rote Pille. Er ist kein Gott. Vielmehr ist er selbst Waffe, ja sogar Partei - mit allen Problemen, die ein Monopol nun einmal mit sich bringt.

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