Freitag, 27. Februar 2015

Eine 'ideale Gesellschaft' wäre der Friedhof menschlicher Größe...

Dostojewski. Foto: Wikipedia.
von Jonathan Danubio
Fjodor Dostojewskij, einer der größten Autoren der Weltliteratur und ein glühender Gegner des Sozialismus (genauer: des russischen Nihilismus), gilt einigen als Kassandra, da er die sozialistischen Tyranneien des 20. Jahrhunderts voraussah, ihm aber niemand Glauben schenkte. Mag diese These auch stark übertrieben sein, so überraschen und schockieren seine Beschreibungen einer "idealen Gesellschaft" dennoch. Als Beleg sei eine Stelle aus seinem politischstem Werk, "Böse Geister" (1873), angeführt. Par parenthèse: das Werk bildet den Höhepunkt seiner drei anti-nihilistischen Romane (1. "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch"; 2. "Verbrechen und Strafe").

"'In seinem Heft stehen gute Sachen', fuhr Werchowenskij fort, 'etwa das Spionieren. Bei ihm beobachtet jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Denunziation verpflichtet. Jeder gehört allen, und alle gehören jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei gleich. In äußerten Fällen - Verleumdung und Mord, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Als erstes wird das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der Talente heruntergedrückt. Das hohe Niveau der Forschung und der Talente ist nur für Hochbegabte erreichbar, fort mit den Hochbegabten! Die Hochbegabten haben schon immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten geworden. Die Hochbegabten können gar nicht anders als Despoten sein und haben immer mehr Verderben gestiftet als Nutzen: sie werden vertrieben oder hingerichtet werden. Einem Cicero wird die Zunge abgeschnitten, einem Kopernikus die Augen ausgestochen, ein Shakespeare wird gesteinigt - das ist die Schigaljowerei [Schigaljow ist eine Figur aus dem Buch; Anm. d. Verf.]! Sklaven müssen gleich sein: Ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, aber in einer Herde muss Gleichheit herrschen - das ist die Schigaljowerei. Ha-ha-ha, Sie finden das wunderlich? Ich bin für die Schigaljowerei!'

[...]

'Passen Sie auf, Stawrogin: Berge platt machen - das ist ein guter Gedanke und kein lächerlicher. Ich bin für Schigaljow. Wir brauchen keine Bildung, wir haben genug von der Wissenschaft! Auch ohne die Wissenschaft wird das Material [die Menschen; Anm. d. Verf.] für tausend Jahre reichen, aber der Gehorsam muss eingeführt werden. Auf der Welt fehlt nur eines: der Gehorsam. Der Durst nach Bildung ist bereits ein aristokratischer Durst. Eine Spur Familie oder Liebe, und schon ist der Wunsch nach Besitz da. Wir werden diesen Wunsch abtöten: Wir legalisieren die Trunksucht, den Klatsch, die Denunziation; wir legalisieren die unerhörtesten Laster, wir werden jedes Genie in der Wiege auslöschen. Alles wird auf einen Nenner gebracht: totale Gleichheit. 'Wir haben unser Handwerk gelernt. Wir sind ehrliche Leute. Wir brauchen nichts anderes' - das war unlängst die Antwort englischer Arbeiter. Nötig ist nur das Nötige - das soll von da an auf dem ganzen Erdball der Wahlspruch sein. Aber auch der Paroxysmus muss sein; dafür werden wir, die Herrschenden, Sorge tragen. Sklaven brauchen Herrschende. Absoluter Gehorsam, absolute Unpersönlichkeit, aber alle dreißig Jahre lässt Schigaljow einen Paroxysmus zu, und alle beginnen plötzlich einander aufzufressen, eine Zeitlang nur, damit das Leben nicht langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; die Schigaljowerei gestattet keine Wünsche. Wünsche und Leiden sind für uns, für die Sklaven ist die Schigaljowerei.'"

Unwillkürlich schleicht sich ein Aphorismus Dávilas an: "Eine 'ideale Gesellschaft' wäre der Friedhof menschlicher Größe."

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