Donnerstag, 12. Februar 2015

Der Boykott als passiver Ausdruck in einem unfreien System

von Tommy Casagrande
Ein Boykott ist in erster Linie ein Verzicht. Und jeder Mensch verzichtet jeden Tag, ohne dass er die Intention verfolgt, einen Boykott auszuüben. Manche Menschen verzichten jedoch bewusst in jenem Sinne, weil sie annehmen oder hoffen, mit dieser Handlung etwas an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen zu verändern. Das aber wird nicht gelingen, weil man selbst immer noch im System verweilt. Auch ein Boykott ist Teil des Systems, wenn er innerhalb dessen stattfindet. Es verschieben sich lediglich die Anteile der gewinnenden, respektive der verlierenden Seiten. Man ändert das System nicht durch einen Boykott. Das merkt man auch daran, weil man das System selbst nicht ändert, wenn man es boykottiert. Man ändert lediglich Inhalte des Systems. Doch wie zuvor angesprochen sind sich ändernde Inhalte innerhalb eines Systems nichts anderes als sich verschiebende Anteile von Gewinn oder Verlust unter der Beibehaltung von Strukturen, die individuelles Handeln in vielen Fällen im Keim ersticken. Eben genau jene Strukturen sind es, die den Boykott als einzig wahrnehmbare Möglichkeit einer Restfreiheit übrig lassen. Eine Ausdrucksform, die passiv ist, in der man auf Verzicht setzt. Dies ist eine der wenigen Freiheiten der Menschen, um im gegenwärtigen System kund zu tun, dass sie unzufrieden sind. Das bezieht sich auch auf Nichtwähler, die genauso einen Boykott ausüben. 

Übersehen wird oft die einzig wirkliche Lösung von gegenwärtigen Gegebenheiten, die man als unliebsam bewertet. Die individuelle Freiheit. In einer Gesellschaft gleicher Freiheitsrechte ist man nicht gezwungen, auf den passiven Verzicht, den Boykott, zu setzen. Man tätigt diesen zwar bewusst aktiv, bleibt aber in seinem Tun passiv. Anstelle dessen gäbe es in einer freien Gesellschaft eine Chancengleichheit, die durch das Selbsteigentum als fundamentales Recht festgelegt ist und allen Menschen gestattet, aktiv im Rahmen ihres Eigentums die Umwelt oder die sie umgebende Gesellschaft zu verändern, zu verwandeln oder mit neuen Ideen zu erweitern. Diese aktiven Gestaltungsmöglichkeiten sind gegenwärtig eingeschränkt und reguliert, weil das Staatswachstum jedwedes individuelle Sähen und Ernten von Ideen behindert. 

In der Freiheit kann man durch aktive Handlungen und dem Beschreiten neuer Wege eine aktive Gestaltung der Gesellschaft vornehmen, an der jeder beteiligt wäre. Das wäre die selbstbestimmte Form dessen, was sich heute Demokratie schimpft. Es ist der Unterschied zwischen individueller Selbstbestimmung und kollektiver Fremdbestimmung. Es ist der Unterschied zwischen Gewaltmonopol und Freiheit. Heute lässt sich nur durch passives Handeln eine Nichtgestaltung der Gesellschaft und Umwelt durchsetzen. Boykott heißt Verzicht. Wo man nicht die Freiheit des aktiven Tuns hat, setzt man auf das Nichttun als Möglichkeit der Gestaltung. Traurig und wahr, denn viele würden lieber aktiv als passiv sein.

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