Dienstag, 20. Januar 2015

Rezension: Keine Schlafwandler - oder?

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Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: Gerry Docherty; Jim MacGregor: Verborgene Geschichte: Wie eine geheime Elite die Menschheit in den Ersten Weltkrieg stürzte, 494 Seiten, 24,95 Euro, Kopp.
Jahrzehntelang ist es unter Historikern mehr oder weniger Konsens gewesen, dass das Deutsche Reich die Hauptschuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs getragen hat. Insbesondere deutsche Historiker haben in den letzten fünf Jahrzehnten die Thesen des deutschen Historikers Fritz Fischer vom sogenannten "Griff nach der Weltmacht" des Deutschen Reiches in allen Facetten übernommen und verinnerlicht.

In den letzten Jahren sind die Urteile neuerer Generationen der Historiker zu den Ursachen und den Gründen, die zum Ausbruch des 1. Weltkriegs führten, jedoch viel differenzierter geworden. Die alleinige Schuld bzw. die Hauptschuld am Kriegsausbruch wird nicht mehr dem Deutschen Reich angelastet, sondern oftmals wird eine politische Lage beschrieben, die sehr komplex war und schließlich hoch gefährlich wurde, so dass das Gleichgewicht im Konzert der Mächte sehr instabil wurde. Eine heikle Lage entstand, an welcher alle beteiligten Großmächte fleißig mitgesponnen hatten - die führenden Politiker der europäischen Staaten sind der Situation immer weniger Herr geworden, so dass sie wie die "Schlafwandler" (Christopher Clark) im großen Krieg aufwachten, der das alte Europa unwiderruflich zerstörte. (Anmerkung: Christoph Clark titelt sein Buch zum 1. Weltkrieg zwar "Die Schlafwandler", beschreibt jedoch an einigen wichtigen Stellen des Buches keine "Schlafwandler", sondern häufig genug Akteure, die den großen Krieg unbedingt haben wollten.)

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Trotz aller Nuancen und Varianten, welche sich gerade und insbesondere in den neueren Forschungsergebnissen der britischen Historiker spiegeln, ist es weiterhin Konsens unter englischen Historiker, dass nicht die Politik Londons ursächlich verantwortlich ist für den Ausbruch des 1. Weltkriegs. Londons Kriegserklärung an das Deutsche Reich vom 4. August 1914 sei nun einmal eine Notwendigkeit gewesen, die sich zwangsläufig aus der Konstellation der politischen Bündnisverhältnisse ergeben hat; der Spruch der englischen Historiker lautet deshalb: Euer Ehren, nicht schuldig!

Die beiden schottischen Historiker James MacGregor und Gerry Docherty kommen hingegen bei ihrer Analyse der Ursachen und der Schuldfragen bezüglich des Ausbruch des 1. Weltkriegs zu einer gänzlich anderen Sicht der Dinge als Historiker à la Christopher Clark oder gar als Historiker à la Fritz Fischer.
Die beiden Schotten sprechen die englische Politik schuldig: Einflussreiche imperiale Kräfte in England sollen demnach seit den 1880er Jahren konsequent auf den großen europäischen Krieg gegen das Deutsche Reich - also den 1. Weltkrieg, der europäischen Urkatastrohe schlechthin - hingearbeitet haben.
Die beiden Schotten zählen zu diesen imperialen Kräften z. B. Cecil Rhodes, Sir Edward Grey (britischer Außenminister ab 1905), H. H. Asquith (u. a. Premierminister) und viele andere einflussreiche Personen der "City of London", der Liberal Party und der britischen Conservative Party. Diese Personen einte ein gemeinsames Ziel, nämlich der Erhalt des britischen Empires und des angelsächsischen Übergewichts in der Welt.
Um diese Ziele zu erreichen, wurden Bündnisse mit einflussreichen Gruppen in den USA (Wallstreet etc.) geschmiedet, um so anglo-amerikanische Weltmachtpolitik zu betreiben und zu festigen - und damit eng verbunden, die ökonomischen Interessen jener imperialen Interessengruppen zu fördern.

Das Deutsche Reich, welches im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich geradezu beispiellos aufholte, war für England (dem Mutterland der Industrialisierung) zum weltweit erfolgreichsten Konkurrenten geworden. Deutsche Industrieunternehmen eroberten auf den angestammten britischen Märkten immer mehr Marktanteile; und dadurch wurde das Deutsche Reich durch die Erfolge der deutschen Wirtschaft in den Augen der englischen Imperialisten zum Hauptgegner des britischen Empires. Diesen Gegner galt es zu zerstören.
Die englischen Imperialisten hatten - z. B. durch Sir Edward Grey - gewichtigen Einfluss auf die britische Außenpolitik. Es wurden Bündnispartner in Paris und St. Petersburg gesucht - so entstand 1904 das Bündnis mit Frankreich und Russland kam 1907 hinzu. Auf dem Balkan unterstützten die englischen Imperialisten die groß-serbischen Pläne und die gewaltbereiten nationalistischen Gruppen innerhalb der Donaumonarchie.
Die Marokko-Krisen, die Balkankriege usw. sind von den englischen Imperialisten gezielt und aggressiv genutzt worden, um das Deutsche Reich zu schwächen und zu isolieren, so dass schließlich nur die Donaumonarchie als einzig verlässlicher Bündnispartner Deutschlands verblieb. Folgerichtig musste ein weiterer Balkankrieg, in welchen die Donaumonarchie als Waffengegner Russlands gelockt werden sollte, das Deutsche Reich zum Waffenbruder der Donaumonarchie machen. Und folgerichtig Frankreich und England als Waffenbrüder des Zarenreiches in den Krieg hineinziehen.

Die beiden Schotten erzählen ihre Sicht der Geschichte auf der Basis der bekannten Quellen - ziehen aber auch die Legionen von Büchern, Artikeln und Aufsätzen zum Thema 1. Weltkrieg heran. Dabei mischen die Schotten die Fakten und die Indizien neu und kommen schließlich zu einem Ergebnis, welches das genaue Gegenteil dessen ist, was z. B. in meiner Schulzeit im Geschichtsunterricht über den 1. Weltkrieg Lehrstoff gewesen ist. Ein Ergebnis, welches die "Einkreisungstheorie des Deutschen Reiches" - eine im Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg in Deutschland weit verbreitete Theorie - bestätigt.

Die beiden Schotten erzählen ihre Interpretation der Vorgeschichte und der Geschichte des 1. Weltkrieges sehr geschickt und auch überzeugend - mich hingegen hat diese Interpretation - ausschließlich den Engländern die Hauptschuld am I. Weltkrieg zu geben - nicht überzeugt.
Die einflussreichen imperialen Interessengruppen in England werden ihre Spielchen gespielt haben und bezüglich ihrer Interessen auch gewaltigen Einfluss ausgeübt haben; aber solche einflussreiche Interessengruppen gab es - z. B. mit dem Alldeutschen Verband - auch im Deutschen Reich.
Auch einige andere Punkte, die von den beiden Schotten herausgestellt werden - z. B. die verwandtschaftlichen Beziehungen des englischen Königshauses mit dem Zarenhof - überzeugen nicht; denn solche verwandtschaftlichen Bande bestanden auch zum Haus der Hohenzollern - Kaiser Wilhelm II. war immerhin ein Enkel der Queen Victoria gewesen!

Französische Politiker - wie z. B. Poincaré - wollten sowieso Revanche für 1870/71; und für diese Revanche suchten sie ebenfalls Bündnispartner. Ein Poincaré brauchte von englischen Imperialisten nicht geworben zu werden, da die Politik Poincarés sowieso gegen das Deutsche Reich gerichtet war und er deswegen auch den Schulterschluss mit Russland suchte.

Ebenso brauchte der Zarenhof nicht auf Krieg eingeschworen zu werden, da die Balkan- und Türkeipolitik des Zarenreichs Balkankriege einzukalkulieren hatte - Kriege, die das Risiko eines großen Krieges, eines europäischen Flächenbrandes, ohne Bedenken in das Kalkül einbezogen haben. So soll nach dem Mord von Sarajewo die russische Großfürstin Anastasia gejubelt und zu Poincaré gesagt haben: "Der Krieg wird ausbrechen. Von Österreich wird nichts mehr übrig bleiben... Deutschland wird vernichtet werden!"

Deshalb meine ich, dass die Schuldfrage zum Ausbruch am 1. Weltkrieg keinesfalls eindimensional zu klären ist; die Schuld am Ausbruch des Krieges hatten sicherlich viele Akteure in allen beteiligten Staaten. Folglich: Fritz Fischers These vom "Griff nach der Weltmacht" halte ich für falsch, die einseitige Schuldzuweisung der beiden Schotten an die Engländer aber auch.

Letztlich ist noch anzumerken, dass die imperialen Kräfte in England, denen die beiden Schotten die Hauptschuld am Ausbruch des I. Weltkriegs geben, sich selbst und ihrem Rückgrat, der englischen Oberklasse, durch eine solche Kriegspolitik enorm geschädigt haben; denn vor dem I. Weltkrieg
- musste die englische Oberklasse nur kleine Bruchteile der späteren Steuern und Abgaben zahlen;
- gab die englische Oberklasse weitestgehend in Politik, Kultur und Gesellschaft, insbesondere auf dem englischen Land, den Ton an;
- war die englische Oberklasse auch durch das britische Empire weltweit so eine Art von Oberklasse.
Der 1. Weltkrieg war der Beginn der Zerstörung dieser Vormachtstellung der englischen Oberklasse - und schließlich zerfiel dann nach 1945 das Empire, mit dem "Rule, Britannia! Britannia rule the waves" war es vorbei.

Trotz meiner Einwände zur Grundthese der beiden schottischen Historiker, ist das Buch der beiden Schotten von hohem Wert, weil es auf Basis der Quellen und der Indizien sehr gut einsichtig macht, dass der Anteil der britischen Politik - insbesondere dem Agieren von Sir Edward Grey (einem Mitglied der Kriegspartei) - am Ausbruch des 1. Weltkrieges sehr viel schwerer wiegt als dies großteils angenommen wird!

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