Montag, 12. Januar 2015

Innovation lernen

von Skinner Layne aus dem Englischen übersetzt von Moritz Bierling
Die meisten Unternehmer werden behaupten, dass die Fähigkeiten, die den Unternehmer und Innovator ausmachen, nicht gelehrt werden können. Das mag schon stimmen, heißt aber in keinster Weise, dass man diese nicht erlernen kann.

Es ist schon erstaunlich, dass wir trotz des ganzen Geredes von spielerischem Lernen und praktischer Erfahrung in den letzten zehn Jahren so wenig davon in unseren Bildungseinrichtungen umgesetzt haben, von der Grundschule bis zur Universität. Doch was noch weitaus schlimmer ist: was man uns heute als “Hands on” verkauft, ist meist nur eine willkürliche Simulation der echten Welt. In vergangenen Jahren haben sich die Universitäten immer stärker spezialisiert, um die Realität in den engen Mauern ihrer Elfenbeintürme abzubilden, und das obwohl nur ein winziger Bruchteil des Lehrpersonals auch nur die geringste Erfahrung von der realen Welt außerhalb des Hochschulbetriebs (d.h. in der Privatwirtschaft) mit sich bringen.

Das führt dazu, dass praxis-orientiertes Lernen in der Universität meist eine Repräsentation der Realität aus der Perspektive eines Akademikers ist, der oft mehr an seinen Forschungen als an seinem Unterricht interessiert ist, und mit Sicherheit mehr als am Erkenntnisgewinn seiner Studenten (was nicht notwendigerweise mit den Lehrinhalten übereinstimmt). Natürlich ist es nicht des Professors Schuld. Die Anreize im System sind nicht darauf ausgerichtet, studentisches Lernen und realitätsnahe Bildung zu begünstigen. Der institutionelle Rahmen praktisch jeder Universität hält Professoren aktiv davon ab, ihren Unterricht in Bezug zur Praxis zu setzen.

Doch die offiziellen Mandate der Universität anzupassen würde die Situation auch nicht grundlegend verbessern. Wenn wir Professoren allein für die Veröffentlichung akademischer Forschung und gute Bewertungen ihres Unterrichts belohnen, dann werden sie sich höchstens willkürlich gewählte Praxis-Simulationen ausdenken, um die Hochschule mehr praxis-orientiert erscheinen zu lassen, als sie es ist. Zugegeben, das Kursmaterial wäre vermutlich spannender, doch die Änderung wäre nicht mehr als ein kosmetischer Eingriff.

Es gibt eine stetig wachsende Bewegung von “Unschooling”-Befürwortern, die Studenten ermutigt die Universität abzubrechen und Schülern nahe legt gar nicht erst damit anzufangen. Paypal-Gründer und Milliardär Peter Thiel ist nicht nur einer der bekanntesten Vertreter dieser Bewegung, er hat seinen Worten auch Taten (und Geld) folgen lassen, indem er die Thiel Fellowship in’s Leben gerufen hat. Diese stellt 20 jungen Menschen unter 20 Jahren einen $ 100,000 Scheck aus, mit dem sie innerhalb von zwei Jahren ihre Leidenschaften erforschen, reisen, lernen, schreiben, und ein Unternehmen gründen können und sollen.

Das ist ein erster und notwendiger Schuss vor den Bug der selbsternannten institutionellen Torwächter des modernen Zeugniskartells. Die Herausforderung besteht jetzt darin, die Prämisse der Unschooling-Bewegung zu akzeptieren und das Ethos des Unternehmertums und eines lebenslangen Lernprozesses zu systematisieren, doch - und das ist wichtig - ohne zu versuchen es zu institutionalisieren. Das ist das Paradoxon, mit dem meine Kollegen und ich uns in Chile mit Exosphere herum schlagen. Unser Ziel ist es ein skalierbares Modell zu entwickeln, um das unternehmerische und innovative Potential in Entwicklungsländern exponentiell zu steigern. Das erreichen wir, indem wir eine systematische Alternative zur etablierten formalen Hochschulbildung bieten.

Thiel Fellow Dale Stephens, dessen Non-Profit UnCollege eine weitere führende Stimme in der Bewegung für alternative Bildung ist, spricht regelmäßig von der Idee, die eigene Bildung zu “hacken”. Eine passende Metapher; wir würden Exosphere als eine Art “Bildungs-Hackerspace” beschreiben. Wir sind der Überzeugung, dass Innovation und Unternehmertum von jedem gelernt werden können - wenn das Umfeld passt. Ein solches unternehmerisches Ökosystem des Lernens kann man wie folgt charakterisieren:

- Gemeinschaft und Zusammenhalt, gegenseitiger Respekt und selbstgewählte Interdependenz (“Community”)

- Prozess der Problemfindung und -definition (“Problem Identification”)

- Lösungsorientiertes Denken (“Solution Process Thinking”)

- Handlungsorientiertes Lernen: Lernen, weil du das Wissen oder die Fähigkeit brauchst um konkrete Handlungen ausführen zu können, die dich einem Ziel näher bringen, das mit einem für dich interessanten Feld zu tun hat (“Action-oriented learning”)

- Nicht-disziplinäre Herangehensweise an den Lernprozess: “Wissen” als ein ganzheitliches Konzept verstehen anstelle von fragmentierten Forschungsfeldern (“Non-disciplinary approach to learning”)

Außerdem muss Innovations-Bildung drei essentielle Säulen des Unternehmertums in alle Aktivitäten einbauen:

- Erfindung: Lösung eines technischen Problems (“Invention”)

- Ästhetik und Design: technische Lösungen kundenfreundlich und begehrenswert machen (“Aesthetics and Design”)

- Verkauf und Vertrieb: eine Beziehung mit dem Kunden aufbauen, um seine exakten Wünsche und Nöte bedienen zu können (“Sales and Marketing”)

Diese allgemeinen Fertigkeiten müssen gemeinsam mit speziellem Wissen erworben werden, das für die Lösung konkreter Probleme echter Kunden in der realen Welt notwendig ist. Daraus folgt, dass wir die traditionellen Grenzen zwischen Professor und Student aufgeben müssen und ein neues Modell der gemeinsamen Erforschung (“co-discovery”) übernehmen, in dem die Innovatoren mit mehr Erfahrung die weniger erfahrenen Innovatoren darin coachen, wie man lernt, wie mit Widerständen und Einschränkungen umzugehen ist, und wie sie ihre Leidenschaften in die Entwicklung von Lösungen für echte Probleme mit einbringen. Das verlangt aber, dass die Coaches während ihrer Betreuung unternehmerisch aktiv sein müssen um so nah wie möglich an der Realität zu arbeiten.

Ich werde weiter über das Thema “Lernen” und unser philosophisches Rahmenwerk schreiben, mit dem wir an einem radikal dezentralisierten und nicht-institutionellen Ansatz arbeiten, um systematisch eine Kultur des vorwärtsgerichteten Denkens und der Innovation zu produzieren, mit besonderem Fokus auf Entwicklungsländer. Mit Exosphere werden wir eine neue Generation an Innovator-Unternehmern hochziehen, die unsere Welt erneuern und renovieren werden.

Seid gespannt.

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