Mittwoch, 17. Dezember 2014

Klüger leben oder: Verwirrende Lehre zu verwirrenden Handel waltet über die Welt

von Dr. Peter J. Preusse
Da erhält die deutschsprachige Jüdin, bekannt vor allem durch ihren KZ-Bericht „weiter leben“, den sicherlich hochverdienten Brüder Grimm-Preis, offiziell für ihre germanistische Leistung, aber, wie ihr Laudator schön formuliert, doch eher dafür, dass sie, wie die Brüder Grimm selbst, das Blei der Philologie in das Gold der Dichtung verwandelt habe. Da erklärt die Präsidentin Krause der ersten protestantischen Universität der belobten Frau Ruth Klüger und dem akademischen Festpublikum gemäss ihrer beider zeitgeistiger Gender-Mainstreamerei die Rollenbilder an der Stirnwand der Alten Aula: die dienende Heilige Elisabeth und der waffenstarrende Landgraf Philipp. Aber das Signatur-Bild des altehrwürdigen Veranstaltungsortes erwähnt sie nicht: Hier zieht Luther mit Zwingli und anderen religiösen Eiferern zum Marburger Religionsgespräch 1529 bei Landgraf Philipp ein. Ob es Frau Klüger, der Präsidentin und dem Publikum bewusst war, unter welchen fanatisch-antisemitischen Augen sie hier den Preis entgegengenommen hat?


„Erstens, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich . . . zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre . . . Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten . . . Zum vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Seele verbiete, hinfort zu lehren . . ., dass man ihnen verbiete, bei uns und dem Unsern öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren, bei Verlust Leibes und Lebens . . . der Juden Maul soll nicht wert gehalten werden bei uns Christen, dass es Gott solle vor unseren Ohren nennen, sondern, wer es von den Juden hört, dass er’s der Obrigkeit anzeige oder mit Saudreck auf ihn werfe . . . Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Strasse ganz und gar aufhebe . . . Zum sechsten, dass man ihnen den Wucher verbiete und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold, und lege es beiseite zu verwahren . . . Zum siebten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hände gebe Flegel, Axt, Spaten . . . und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße der Nasen.“ (zit. n. Kahl: Elend des Christetums)

Das liess Martin Luther 14 Jahre später in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ drucken, also 390 Jahre vor den Vorboten der Leidensgeschichte der Ruth Klüger in Wien und 399 Jahre vor der gescheiterten „Endlösung“ ihres Falles. Muss erst der 400-ste und 500-ste Jahrestag der Luther’schen Hetzschrift ungewürdigt verstreichen, bevor dieser ach so honorige Vordenker der „Endlösung“ seine öffentliche moralische Autorität verliert, trotz aller seiner Verdienste um die deutsche Sprache? Ohne öffentliche Scham über soviel Inhumanität bleibt die Idee vom Tätervolk berechtigt, so zweifelhaft-berechtigt jedenfalls, wie jede Rede von einem Kollektiv sein kann, das letztlich nur aus handelnden Einzelnen besteht. 

Ob Ruth Klüger nun dieses Detail weiss oder nicht: Wie kann sie, die die menschenmögliche Bestialität des Antisemititsmus nicht nur erlebt und bedrückend-authentisch dargestellt, sondern sicher facettenreich und urteilsfreudig reflektiert hat, sich das antun, diese Blicke des Judenhassers? Wie konnte jahrhundertelang vor ihr und jahrzehntelang mit ihr Generation nach Generation im Scheinfrieden leben mit Christen, in deren Bibel die Juden selbst ihre blutige Verfolgung heraufbeschwören, wenn sie sich zur Schuld am Tod des Christen-Heilands bekennen: „Da antwortet das gantze Volck / vnd sprach / Sein Blut kome vber vns vnd vber vnser Kinder“ (Matthäus 27, 25 nach Luther 1545)? Wie können Juden es ertragen, wenn in Deutschland straflos „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ skandiert werden kann und die Polizei zur Wahrung des allerletzten Scheins von Frieden israelische Fahnen aus Privatfenstern holt, um den islamisch-unfriedlichen Mob nicht vollends ausrasten zu sehen? 

Wie kann ich selbst, Enkel einer jüdischen Grossmutter, gezeugt nur nach Rettung von Grossmutter, Onkel und Mutter mit geradezu unglaublicher Chuzpe, es hier aushalten, wo mitten in meiner akademischen Berufswelt der „Genozid der israelischen Armee an den Palästinensern“ beklagt wird und der Antikapitalismus sich regelmässig auf altbekannte Weise mit dem Antisemitismus zur Verschwörung des „jüdischen Finanzkapitals“ mischt? Und wo der lächerliche Bruderhass von National- und International-Sozialisten zu einer Hegemonie des „Kampfes gegen rechts“ geführt hat bei mühsam kultivierter Indolenz gegenüber den Hunderttausenden Ermordeten des 20. Jahrhunderts, deren letzter Anblick der rote Stern auf der Mütze des z. B. sowjetischen, chinesischen oder kambodschanischen Rotarmisten war, gegenüber den an 100 Millionen Menschen, die im Namen von Kommunismus und Sozialismus einen gewaltsamen Tod gefunden haben und den Milliarden Menschen, die um ihre Freiheit, ihren Wohlstand und ihr Lebensglück gebracht wurden? Ist der Beuteanteil am Staatsraub der „kleine Finger“, um dessen drohenden Verlust wir nach Adam Smith nicht schlafen können, während wir „bei dem Untergang von hundert Millionen [unserer] Brüder mit der tiefsten Seelenruhe schnarchen“? Wie leben, wenn nicht in innerer Emigration, in einer Welt, in der eben jene UNO, die mit unschöner Regelmässigkeit Israel als einziges Land als rassistisch aburteilt, in ihrer Kinderrechtskonvention die Mitgliedsstaaten auffordert, „Personen, die das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet haben“, wenigstens nach Möglichkeit nicht „zu ihren Streitkräften einzuziehen“?

Was immer sonst eine Rolle spielt in diesem mehr oder weniger rätselhaften masochistischen Beharren – wie etwa Bequemlichkeit, Sprache, Familie und Mangel an überzeugenden realen Alternativen –, wenigstens intellektuelle Trägheit sollten wir uns verbieten. Klüger leben heisst nicht besser leben. Gibt es so etwas wie würdiger leben?

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