Mittwoch, 19. November 2014

Minarchisten und Anarchokapitalisten: Gemeinsam an einem Strang ziehen!

von Uwe Werler
Ich glaube, man kann sich der gesamten Problematik rund um Macht- und Herrschaftsansprüche auf zwei Wegen nähern. Der eine Weg läuft auf eine moralphilosophische Auseinandersetzung hinaus und stellt im Kern ganz allgemein die Frage, ob und wie Macht- und Herrschaftsansprüche legitimieren sich lassen. Dazu ist die Position der Anarchokapitalisten meines Erachtens eindeutig, indem sie konstatieren, daß diese Ansprüche nur dann legitimieren sich lassen, wenn das Momentum der Freiwilligkeit gegeben ist. Werden Menschen gezwungen, sich einem Machtmonopolisten unterzuordnen, dann kann diese Herrschaft eben keine Legitimität für sich beanspruchen. Diesen Widerspruch versuchen Minarchisten durch Verweis auf das empirische Phänomen der Existenz von Staaten „aufzulösen“. 

Der zweite Weg beschreibt also die tatsächlichen Mechanismen der Machtentstehung. Es wäre selbstverständlich töricht anzunehmen, in einer Anarchie gäbe es keine Macht- bzw. Herrschaftsstrukturen. Wie hervorragende Untersuchungen der Macht- und Organisationssoziologie gezeigt haben (Popitz, Crozier/Friedberg usw.) entsteht Macht immer dann, wenn Menschen sich organisieren. Die erste Institution, in der ein Individuum mit Macht konfrontiert wird, ist i.d.R. die Familie. Selbstverständlich üben Eltern über ihre Kinder Macht aus. Wer also die Tatsache der Machtentstehung leugnet oder vor ihr sich verschließt, den kann man zurecht einen Utopisten nennen.

Die Argumente, die Minarchisten nun gegen Anarchisten wenden, lassen sich dann selbstverständlich auch gegen die Minarchisten selbst richten. Wenn es also stimmen würde, daß immer aus einem „Naturzustand“ heraus Staaten (was auch immer das an dieser Stelle sein soll) entstehen, dann wirken selbstverständlich die gleichen Mechanismen, wenn es denn schon einen Minimalstaat gäbe. Die grundsätzliche Frage lautet also immer, wie sich Macht tatsächlich so begrenzen läßt, daß diese sich nicht mißbrauchen läßt. Der Minarchist glaubt nun, daß man einen Staat mit Mitteln des Staates selbst begrenzen könne. Wie die Empirie gezeigt hat, ist das leider auch eher ins Reich der Utopie zu verweisen. Denn die „Logik“ der Macht wirkt immer, wenn Menschen gemeinsam sich organisieren. Wenn es also auf irgendeine Art gelingen könnte, Macht innerhalb eines Staates zu begrenzen, dann müßte es auch gelingen, Macht so zu begrenzen, daß ein Staat gar nicht erst entsteht. Minarchisten und Anarchisten schlagen sich also mit den gleichen Widersprüchen herum!

Die Frage ist also, was denn ein Staat überhaupt sei. Brüder im Geiste sind Minarchisten und Anarchisten genau dann, wenn es um die Bekämpfung des modernen Nationalstaates geht. Betrachtet man frühere Organisationsformen z.B. der Antike, das Amerika vor der Gründung der USA oder die Geschichte Irlands, so kann man mit Sicherheit nicht von einem modernen Staat sprechen und nähert sich quasi einem „Ideal“, an daß sich Minarchisten als auch Anarchokapitalisten anzunähern suchen.

Die grundsätzliche Differenz besteht also darin, auf welchem Wege ein derartiger Zustand erreicht werden kann. Ob man das, was am Ende angestrebt wird, noch Minimalstaat oder Anarchie nennt, spielt erstmal überhaupt keine Rolle. Kann man einen derartigen Zustand mit Mitteln der Politik selbst erreichen (=Minarchisten)? Oder lehnt man den politischen Weg ab, da er aufgrund seiner Widersprüchlichkeiten nicht funktionieren kann (=Anarchokapitalisten)?

Wir befinden uns im Stadium des Spätetatismus (Stefan Blankertz) und sind weit von einem Minimalstaat oder gar Anarchie entfernt. Ich persönlich sehe es daher eher pragmatisch mit Rothbard, der sinngemäß meinte, daß man jeden Schritt, der auch nur ein Fitzelchen Freiheit zu erhaschen verspricht, auch gehen sollte. Die PDV war (oder ist?) ein Vehikel zum Transport der Idee der Freiheit. Meine Entwicklung lief auch via PDV über den Minarchismus zum Anarchokapitalismus. Welchen Weg jemand wählt, das ist jedem selbst überlassen. Wichtig finde ich, daß überhaupt jemand versucht, etwas zu ändern. Sei es auf politischem Wege (was meiner Meinung nach nicht funktioniert) oder ganz individuell. Die einen schreiben Bücher, andere engagieren sich in einem Verein, ich organisiere eine anarchokapitalistische Konferenz mit.

Theoretische Auseinandersetzungen halte ich für sehr wichtig – sehr wohl die Kritik der Minarchisten an der anarchokapitalistischen Theorie und vice versa. Keiner kann für sich beanspruchen, die Wahrheit gepachtet zu haben. Nur der Dialog und Diskussion bringen uns theoretisch weiter! In der Praxis sollten „wir“ am gleichen Strang ziehen, anstatt in ideologischen Grabenkämpfen uns zu verlieren.

Kommentare:

  1. Schöner Aufruf, spricht mir aus der Seele.

    Ich persönlich finde die Trennung zwischen Minos und Anarchos eh sehr künstlich und an den Haaren herbeigezogen. Minarchisten können nicht ohne logischen Selbstwiderspruch das Sezessionsrecht beschneiden oder gar abstreiten wollen. Da wir kollektive Rechte nicht (aner-)kennen, muss das Sezessionsrecht im Extremfall auch vom Individuum in Anspruch genommen werden können. Wo ist da der Unterschied zur Anarchie?

    Anarchisten können nicht logisch Konsistent gegen ein territoriales Rechtssetzungs- und auch Rechtsdurchsetzungsmonopol argumentieren. Denn mit Anerkennung des Eigentums (als rechtlich uneingeschränkte Verfügungsgewalt über etwas) ergibt sich konsequenter Weise, dass nur der Grundstückseigentümer über das anwendbare Recht für Vorgänge auf seinem Grundstück entscheiden kann. Jeder Anarchist ist also Minarchist auf seinem Grundstück - egal in welcher Form er diese Stellung ausübt.

    AntwortenLöschen
  2. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß mein Kommentar aus eine Diskussion auf Facebook mit Michael von Prollius stammt:

    https://www.facebook.com/michael.vonprollius/posts/872902576093247

    AntwortenLöschen
  3. Diese ewige Anarcholibertärminarchistische Streiterei um der Streiterei Willen geht mir auch echt auf die Nerven. Pack ein Dutzend beliebig gemischte Staatskritiker zusammmen (z.B. auch 12 reine Anarchokapitalisten oder 12 reine Minarchisten), und sie werden in mindestens 3 Splittergruppen zerfallen, die sich um das zu köpfende Ende der Frühstückseier streiten, nämlich mindestens dick, spitz und egal, aber vielleicht aber zusätzlich auch schälen ohne köpfen, längs oder mittig.
    Ich sehe dafür 2 Hauptgründe:

    1. psychologisch ein übersteigertes Selbstdarstellungsbedürfnis von einigen, die dadurch zwangsläufig zu Wortführern werden, denn diejenigen, denen es um die Sache an sich geht, steigen irgendwann aus dem sinnlosen Gezänk aus.

    2. programmatisch ein ziemliches Wirrwar von
    - über die Erziehung... die anarchischen Gebärmütter werden irgendwie Überhand gewinnen
    bis
    - über die Politik... lasst uns einen Mini-Staat namens Partei gründen, und uns dann ewig mit dessen allumfassenden Programm, Strukturen, Satzung, Korruption etc befassen

    Niemand befasst sich ernsthaft mit dem gemeinsamen Nenner Sezession. Wenn denn Sezession das Einzige ist, worauf man sich einigen kann (bis weit in nicht-libertäre Schichten hinein), könnte man da nicht ansetzen, sollte das nicht wirklich Substanz haben? Plötzlich wird jeglicher Einwand einer der beiden Seiten mit einer naheliegende Lösung bedacht:
    - Der Minarchist zum Anarchist: Du magst ein staatsfreies Sezessionsgebiet, und denkst Du kannst dessen Justiz und Verteidigung privat organisieren? Meinetwegen, solange Du mir auf meinem Gebiet meinen Staat lässt
    - Der Anarchist zum Minarchist: Du meinst ohne staatliche Rechtssprechung geht es nicht? Meinetwegen, lass mich parallel dazu ein privates System organisieren, das nur im spezifischen Falle des Versagens (keine Übereinkunft auf privater Basis) an die staatliche Justiz weiter verweist.
    - Minarchist zu Minarchist: Schulpflicht? Nur wenn das Kind bei jährlichen Tests an einer beliebigen Schule versagt

    Da hätten wir also Ansätze für territoriale und "interne" Sezession, die man eigentlich als Freiheitlicher nicht zurückweisen kann. Die zweite habe ich so noch nie irgendwo gelesen, und sie würde auch sofort zerrissen anstatt sie zu diskutieren, weil "ein Toter keine private Einigung erreichen kann" oder "man zur Durchsetzung der Rechtssprechung immer die Androhung von Gewalt braucht", "Scharia!!!...", "Kinder!!!..." etc.
    Man kann bei ausreichendem Dogmatismus natürlich alles zerreden, aber es sollten genügend Leutchen übrig bleiben, die sich auf Sezession als theoretische Grundlage, Lösung und vorläufiges Ziel einigen könnten. Das könnte zu einer breiten Bewegung werden, wenn man sich darauf beschränkt. Der Wettstreit der Ideen käme erst danach oder definiert in der "Freizeit" außerhalb der Bewegung, Sezession ist der nötige erste Schritt für jegliche, auch teilweise Befreiung von staatlicher Unterdrückung.
    Falls die Bewegung ausreichend stark wäre, könnte sie sich sogar als Wurmfortsatz eine Partei samt Ablehnung staatlicher Zahlungen an diese leisten und dem zweiwortigen Programm = Name "Pro Sezession", die ihr den Rücken frei hält (für diejenigen, deren Sicht schwer über den politischen Tellerrand geht, gibt es also auch Verwendung).

    AntwortenLöschen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *