Montag, 3. November 2014

Rezension: Eine Streitschrift - Nichts für Vulgär-Keynesianer ...

Dieses Buch kann bei Amazon bestellt
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Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: John Maynard Keynes: Krieg und Frieden, 157 Seiten, 20 Euro, Berenberg Verlag.
Dieses Buch ist sicherlich kaum für Alan Greenspan, einem Vulgär-Keynesianer mit marktliberaler Rhetorik, der geeignete Lesestoff - auch kaum geeignet für die vielen anderen Vulgär-Keynesianer. Vielmehr ist dies eine Streitschrift von John Maynard Keynes, die durch ökonomische Brillanz und Kompetenz glänzt!

John Maynard Keynes war 1919 als Vertreter des britischen Schatzamtes Mitglied bei den Friedensverhandlungen in Versailles dabei. Keynes verließ damals jene Verhandlungen; er trat aus Protest zurück, und zwar wegen der irrationalen und hasserfüllten Forderungen, die bezüglich Reparationszahlungen durch die politischen Vertreter der Entente von Deutschland verlangt wurden.
In dieser Streitschrift, die auch und insbesondere als Protest gegen den Vertrag von Versailles zu lesen ist, schildert Keynes auch die geradezu paradiesisch-utopisch anmutenden Verhältnisse des alten Europas vor anno 1914, also vor dem Startschuss zum Beginn des neuen barbarischen Zeitalters; und:

- völlige Reisefreiheit herrschte, ohne sich jederzeit - wie heutzutage - überall ausweisen zu können, konnte jedermann ohne lästige Grenz- und/oder Zollkontrollen quer durch Europa gondeln;

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- der größte Teil der bürokratischen Schikanen (z. B. mittels Formularen und Vorschriften), unter denen die Europäer seit Ende des 1. Weltkrieges zunehmend zu leiden haben, waren vor anno 1914 unbekannt;

- auch Geld brauchte auf jenen Reisen nicht in Fremdwährung getauscht zu werden, weil Gold das Geld der Staaten war - deutsche Goldmünzen galten in Paris - russische in Berlin - französische in London usw., alle Währungen waren nur Gewichtseinheiten für Gold;

- Vertragsfreiheit und Planungssicherheit, das Eigentum und die Sicherheit der Person wurden gewährleistet;

- die Geldmittel konnten europaweit angelegt werden, nicht nur die Finanzmittel der Kapitalisten, auch das Ersparte der sogenannten kleinen Leute;

- die grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen waren dadurch (keine bzw. kaum schikanierende Behörden beim Waren- und Kapitalverkehr, einheitliches Geld = Gold, Vertrags- / Rechtssicherheit) relativ einfach, leicht und unkompliziert;

- der Arbeiter fand dort Arbeit, wo es Arbeit gab, z. B. Zig-Tausende von Polen im Ruhrgebiet;

- die Studierenden konnten dort studieren, wo sie gerne mochten
usw., usf.!

Der Blick, den John Maynard Keynes auf das alte Europa vor 1914 werfen lässt, auf ein Europa, das durch den 1. Weltkrieg unterging und nimmer erstand, lässt ein geradezu traumhaftes Szenario vor dem geistigen Auge entstehen. Diese Streitschrift stützt fundamental die vielen empirisch-historischen Studien, die von einem Organisationsgrad und einer Vernetzung der Welt durch Handel und Wandel vor 1914 sprechen, die heutzutage noch längst nicht wieder erreicht worden ist.
Nach der Lektüre des Buches ist es auch klar, warum dem ersten Selbstmordversuch Europas von 1914 der nächste Selbstmordversuch folgen musste.
Leider änderte John Maynard Keynes später seine ökonomischen Ansichten, insbesondere in Fragen und Dingen, die das Geld, die Währung und den Kredit betreffen.

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