Donnerstag, 20. November 2014

Rezension: Durch kapitalistischen Erfolg zum sozialistischen Staat?

Dieses Buch kann hier bestellt werden.
Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 552 Seiten, 22,90 Euro, UTB.
Zunächst geht Schumpeter auf die marxistische Wirtschaftstheorie ein. Diese lässt sich plakativ mit den folgenden Schlagworten umreissen:
- die Theorie des Klassenkampfes zwischen Kapitalisten und Arbeitern;
- die Arbeitswerttheorie, diese ist die Quelle der Ausbeutungstheorie, weil dem Arbeiter der geschaffene Mehrwert aus seiner Arbeitsleistung von den Kapitalisten vorenthalten wird;
- ein Teil des Mehrwertes wird von den Kapitalisten in Maschinen (Kapital) investiert, die erhöhte Kapitalmenge führt zu einer sinkenden Ertragsrate, daraus resultiert das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, folglich können nur die Kapitalisten längerfristig bestehen, die einen immer größeren Kapitaleinsatz finanzieren können;
- dieser vermehrte Kapitaleinsatz bedingt die Verelendungstheorie, immer mehr Arbeit wird durch Maschinen ersetzt, daraus folgt eine fortgesetzte Senkung der Lohnsumme verbunden mit Freisetzungen von Arbeitskräften, also zu steigender Arbeitslosigkeit, der Lebensstandard der Massen wird bis zur Verelendung abgesenkt;
- diese Verelendung führt schließlich zur Weltrevolution, die Massen der Arbeiterklasse enteignen die besitzende Klasse der Kapitalisten.
Freiheitliche Literatur kann bei der 
Buchausgabe bestellt werden.

Die Theorie von Marx zum Arbeitswert, zur Ausbeutung und Verelendigung werden von Schumpeter kenntnisreich kritisiert und trefflich zurechtgerückt. Dabei hebt Schumpeter sehr wohl hervor, dass Marx als einer der ersten Ökonomen den Konzentrationsprozess in der Wirtschaft und die Konjunkturzyklen analysiert habe.

Die meisten Leser, die an Ökonomie interessiert sind, werden wohl Schumpeters populären Wortfeiler der "schöpferischen Zerstörung" kennen. Dieser Slogan wird zwar viel zitiert, doch das dieser aus diesem Buch (7. Kapitel, Seite 134) stammt, das ist oftmals unbekannt.
Die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus ist für Schumpeter durch diesen Prozess der 'schöpferischen Zerstörung' geprägt, der "unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft", im Grunde findet man diesen Ansatz schon in seinem Buch 'Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung' voll entwickelt (siehe dort die Seiten 88 - 139, dabei insbesondere 103 - 107), dort ist zu lesen: "Sie werden Neues schaffen und Altes zerstören".
Diese "schöpferische Zerstörung" ist für Schumpeter die Ursache der enormen Leistungsfähigkeit des Kapitalismus. Nicht nur, dass enorme technische Fortschritte gemacht wurden, welche die materielle Wohlfahrt verstärkten und zu mehr Bequemlichkeiten führten, sondern auch die sog. sozialen Wohltaten der Regierungen seien nur durch die Erfolge der kapitalistischen Unternehmer zu finanzieren gewesen.
Dieser Erfolg des Kapitalismus bedingt nach Schumpeter auch seinen Niedergang. Auch für Schumpeter besteht die Tendenz zu immer mehr Konzentration in der Wirtschaft, die vielen kleinen und kreativen Unternehmen werden von großen, marktbeherrschenden Riesenbetrieben übernommen und verdrängt werden. In diesen Riesenbetrieben wird der innovative Fortschritt Angelegenheit von Spezialistenteams werden, die Unternehmung wird bürokratisiert.
Die demokratischen Politiker werden ein Übriges tun. Weil sie nur an ihre Wiederwahl denken, wird in Demokratien die staatliche Sozial- und Wirtschaftspolitik nur im Hinblick auf die nächste Wahl betrieben und dies wird die Kräfte der freien Wirtschaft lähmen (z. B. durch Neidsteuern, wie Schumpeter dies an anderer Stelle vermerkte).
Der Unternehmertypus wird im Volk kaum noch Anhänger haben, so dass ein mehr oder weniger reibungsloser Übergang zur staatlichen Kontrolle der Wirtschaft stattfinden wird - Großbetriebe machen es leichter für die Politiker diese zu kontrollieren und zu verstaatlichen. Dies heißt dann Sozialismus, anders als Marx sich diesen dachte, aber trotzdem wäre dies eine Spielart von Sozialismus.

Das Buch lässt sich sehr gut lesen und bietet eine Fülle von Gedankengängen und Ideen, welche von Schumpeter zu einer Einheit verschmolzen worden sind. Seine Prognosen sind zwar nicht so wie er erwartet hat eingetroffen, festzuhalten bleibt aber, dass auch unsere sog. Wohlfahrtsstaaten viele Dinge beinhalten, die im Grunde zu Schumpeters Ansichten passen; z. B. höhlen die politisch Verantwortlichen der westlichen Demokratien die Verfügungsrechte über das persönliche Eigentum ständig weiter aus. Die politische Praxis der Wohlfahrtsstaaten tendiert sehr wohl in Richtung dessen, was z. B. Roland Baader 'Samtpfotensozialismus' nennt und zu Schumpeters Aussagen passt.

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