Montag, 6. Oktober 2014

Rezension: Die laute Minderheit schlägt die schweigende Mehrheit

Das Buch kann hier bestellt werden.
Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: Mancur Olson: Die Logik des kollektiven Handelns, 181 Seiten, 34 Euro, Mohr Siebeck.
Der 1998 verstorbene Ökonom Mancur Olson wurde in den 1990er Jahren immer wieder genannt als heißer Anwärter für den Wirtschafts-Nobelpreis. Dabei arbeitete Olson nicht als "Nur-Ökonom", sondern sein Werk ist - ähnlich wie bei den deutschen Ordo-Liberalen - interdisziplinär angelegt und tangiert maßgeblich auch Felder, welche die Soziologie, die Politologie und die Jurisprudenz betreffen. Durch seine Themenwahl in Kombination mit interdisziplinär ausgerichteter Arbeitsweise wurde Olson zu einem Vordenker im Rahmen der Institutionen-Ökonomik und des Konzeptes Good-Governance.

Das Buch ,,Die Logik kollektiven Handelns" erschien erstmals 1965 und ist der Grundstein für Olsons Theorie der Organisation sozialer Interessen.
Methodisch ist Olsons Untersuchung angelehnt an das neoklassische Bild des ,,homo oeconomicus". Wobei ein feiner und entscheidender Unterschied ins Auge springt: Olsons Analysen sind eng verwoben mit ,,Poppers kritischem Rationalismus", so dass Olsons ,,homo oeconomicus" eben nicht das ,,allwissende Superhirn der Neoklassik" ist, sondern ein bescheidener Normalo, dessen Defizite offensichtlich auf unsicherem Wissen und unvollständigen Informationen beruhen.
Olson analysiert in diesem Buch, was Organisationen - wie z. B. Staat, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände - mit kollektiven Gütern zu tun haben. Olson weist nach, dass das Interesse einer Organisation ganz anders gelagert sein kann als die Interessen der einzelnen Mitglieder der Interessengruppe:

- Die Organisation der Interessengruppe (z. B. einer Gewerkschaft) ist abhängig von der Bereitschaft ihrer Mitglieder die Organisation zu unterstützen - durch Mitarbeit oder durch Geldbeiträge; nur dann kann die Interessengruppe als schlagfähige Organisation öffentlichkeitswirksam agieren. Daraus folgt, dass die Organisation als Hauptziel die Unterstützung aller Mitglieder der Interessengruppe anstreben wird.

- Das einzelne Mitglied der Interessengruppe (z. B. einer Gewerkschaft) kann und wird vom Organisationsinteresse abweichen. Höhere Löhne für weniger Arbeitszeit kann das einzelne Mitglied der Interessengruppe auch erlangen, ohne die Organisation durch Einsatz und/oder geldliche Zuwendungen zu unterstützen, und zwar als Trittbrettfahrer.

Wie das? Einfach, weil die Organisation (Gewerkschaft) Löhne und Arbeitszeiten für die komplette Interessengruppe als Kollektiv aushandelt. Ergo kommt ein Trittbrettfahrer, da er per se zum Kollektiv zählt und ex definitione nicht ausgeschlossen werden kann, auch in den Genuss der für das Kollektiv ausgehandelten Leistungen. Daraus folgt, dass das Trittbrettfahren für das Individuum ein rationales Verhalten darstellt. Nur, wenn viele - im Extremfall alle - Gruppenmitglieder den Trittbrettfahrer machen wollen, dann ist die Organisation kaum noch handlungsfähig und löst sich eventuell ganz auf.

Hieraus leitet Olson nun ab, dass kleinere und kleine Interessengruppen viel effektiver sein werden als die großen, mehr oder weniger anonymen Gruppen.
Kleinere Gruppen sind übersichtlich und somit fallen die Trittbrettfahrer schnell auf.
In kleineren Gruppen können Trittbrettfahrer durchaus mittels Sanktionen diszipliniert werden, und dies ist in großen, schwerfälligen Organisationen kaum möglich, die Kosten einer umfassenden Kontrolle der Gruppenmitglieder würden ausufern.
Trotzdem ist die Organisation auch großer Interessengruppen machbar, wenn es möglich ist Sanktionen gegen Trittbrettfahrer einfach umzusetzen. Solche Sanktionen können auf grobe Gewaltanwendung beruhen oder subtilerer Art sein, z. B. die sog. ,,closed shops" im Rahmen gewerkschaftlichen Organisationen - nur Gewerkschaftsmitglieder erhalten in der Branche ,,XYZ" einen Job.

Olson zeigt aber, dass die kleineren Interessengruppen aus sich heraus bessere Organisationsmöglichkeiten bieten. Organisationsformen, die kleinere Gruppen auf Kosten großer Gruppen bevorteilen und eventuell sogar die Organisation großer Gruppen behindern oder verhindern können.

Fazit: Ein gutes Buch, dessen Analysen wegweisend für die neuere Institutionen-Ökonomik waren und sind.

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