Mittwoch, 8. Oktober 2014

Der Mieter als Bittsteller: Eine Geschichte aus San Francisco

von Paul Krugman (!)

Betrachten wir den in der gestrigen Ausgabe der New York Times erschienenen Artikel „In San Francisco sind Mieter Bittsteller“. Es war ein interessanter Beitrag mit seinen Geschichten von Mietinteressenten, die monatelang über den Straßenbelag traben, von Dutzenden verzweifelten Bewerbern, die, am neu angebotenen Appartement angekommen , versuchten, den Hausherren mit ihrer Qualifizierung zu beeindrucken. Und doch fehlte noch etwas grundlegendes; besonders von einer Sache wusste ich, dass sie Teil der Geschichte sein musste.

Nicht, dass ich über besondere Kenntnisse des Immobilienmarktes von San Francisco verfügte; tatsächlich wusste ich noch gestern morgen gar nichts darüber. Aber aus der Geschichte ging ganz offensichtlich hervor, was in San Francisco vorging. Für einen Ökonomen, oder in diesem Fall auch für einen Erstsemester, der bloß sein ökonomisches Einmaleins gebrauchen musste, schrie förmlich alles in dieser Geschichte nach diesem Wort, welches natürlich „Mietpreisbremse“ heißt.

Letztlich tritt dieses im Artikel beschriebene Verhalten der Hausbesitzer - zu fordern, dass künftige Mieter Lebensläufe und Kreditauskünfte vorlegen, sich gut anziehen und begeistert benehmen müssen - in einem freien Wohnungsmarkt nicht auf. Vermieter wollen in der Regel kein katzbuckelndes Verhalten ihrer Mieter, sondern lieber Geld. In freien Märkten ist die Frage, wer ein Appartement bekommt, schnell nach der Frage geregelt, wer fähig und willens ist, das meiste dafür zu zahlen. Daher hatte ich keine Zweifel daran, was ich nach einer Weile herausfinden würde; nämlich, dass San Francisco eine Stadt ist, in der ein Wohnungsboom mit drakonischen Mietpreisbegrenzungen zusammentrifft. 

Die Analyse von Mietpreisbremsen ist einer der am besten verstandenen Sachverhalte, und unter Ökonomen einer der unstrittigsten. Im Jahre 1992 ergab eine Befragung der American Economic Association, dass 93% ihrer Mitglieder darin übereinstimmten, dass „eine Preisobergrenze für Mieten die Qualität und Quantität der Wohnungen reduziert“. Nahezu jedes Lehrbuch für Erstsemester enthält eine Fallstudie über Mietpreisbremsen, um anhand der bekannten Nebeneffekte die Prinzipien von Angebot und Nachfrage zu veranschaulichen. Himmelhohe Mietpreise für nicht regulierte Appartements, da Mieter nirgendwo sonst hingehen können, und die Abwesenheit neuen Wohnungsbaus trotz hoher Mieten, da Hauseigentümer fürchten, die Preisgrenzen könnten ausgeweitet werden? Vorhersehbar. Verbitterte Beziehungen zwischen Mietern und Vermietern mit einem Rüstungswettlauf in immer ausgeklügelteren Strategien, die Mieter herauszuwerfen - was der gestrige Artikel sonderbarerweise als „Horrorgeschichten im freien Markt“ betitelt - und das Wuchern von Regulierungen um diese Strategien zu behindern? Vorhersehbar!

Und bezüglich der Form, in der Mietpreisbremsen Menschen gegeneinander aufhetzen: Der Exekutivdirektor von San Franciscos Vorstand für Mietstabilisierung und -schiedsgerichtsbarkeit merkte an, dass „es niemanden in dieser Stadt zu geben scheint, der irgendjemand anderem trauen kann - einschließlich der eigenen Großeltern“. Das ist ebenfalls vorhersehbar. 

Nichts davon bedeutet, dass es eine einfache Entscheidung wäre, die Mietpreisgrenzen zu beenden. Nach wie vor ist es sicher wissenswert, dass das Krankheitsbild von San Franciscos Wohnungsmarkt wie aus dem Lehrbuch entsprungen scheint; dass es genau das zeigt, was die Analyse nach Angebot und Nachfrage vorhersagt.

Aber es möchte buchstäblich niemand wissen. Vor ein paar Monaten, als ein Amtsträger der Stadt San Francisco eine Studie zur Krise des städtischen Wohnungsmarktes vorstellte, gab es ein Sturmfeuer der Opposition von Mieterschutzgruppen. Sie argumentierten, dass schon die Analyse der Situation ein Schritt zur Beendigung der Mietpreiskontrollen war - und lagen damit vielleicht auch richtig; denn eine Analyse des Sachverhaltes könnte zum Erkennen des Offensichtlichen führen. 

Nun wissen wir, weshalb Ökonomen nutzlos sind: Wenn sie tatsächlich etwas verstehen, will niemand davon hören.
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(Textinhalte sind dem englischsprachigen Ursprungsartikel "Reckonings; A Rent Affair" von Paul Krugman entnommen)

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