Montag, 22. September 2014

Rezension: Knapp und trotzdem sehr fein

Das Buch kann hier bestellt werden.
Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: Philippe Simonnot: "Die Schuld lag nicht bei Deutschland"/"Non, L'Allemagne n'était pas coupable": Anmerkungen zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg/Notes sur les responsabilités de la Première guerre mondiale, 132 Seiten, 13,90 Euro, Edition Europolis.
Der Autor Philippe Simonnot studierte in Paris am Institut für Politische Wissenschaften; wurde im Fach Ökonomie promoviert; war eine zeitlang Professor (Law and Economics), dessen Neigungen auch die Philosophie und die Geschichte, insbesondere die Wirtschaftsgeschichte, umfassen; gerade diese Neigungen, kombiniert mit einer ungeheuren Belesenheit und einer sehr schönen Erzähltechnik, machten ihn auch zu einem weithin bekannten Journalisten der Zeitung ,,Le Monde".

In diesem Büchlein geht Simonnot den Fragen nach den Gründen des Ausbruchs des I. Weltkrieges, dem europäischen Selbstmord bzw. der europäischen Urkatastrophe an und für sich nach.

Simonnot nimmt in diesem Bändchen keinerlei Rücksichten auf irgendwo vorhandene Tabus oder irgendwelche Befindlichkeiten und stellt - wie dies ein echter Historiker eigentlich immer tun sollte - alle lieb gewordenen Vor(ver)urteil(ungen) in Frage.

Er stellt dabei die Eseleien der maßgebenden Männer im deutschen Auswärtigen Amt keineswegs in Frage, wenn er zur Schlussfolgerung gelangt, dass es nicht die Schuld der Deutschen alleine gewesen ist, das aus einem begrenzten Konflikt (Donaumonarchie versus Serbien) ein Weltenbrand entstehen konnte. Die Gemengelage, die zum Weltkrieg führte, wird kurz aufgelistet:
- Dummheiten der politischen Entscheidungsträger des Deutschen Reiches;
- Neid der britischen und anderer Politiker auf die atemberaubenden wirtschaftlichen Erfolge der Industrie des Deutschen Reiches;
- die Ziele des französischen Regierungschefs Poincarés, der unbedingt, egal mit welchen Mitteln auch immer - auch und insbesondere kriegerischen -, Elsass-Lothringen wieder Frankreich angliedern wollte;
- die expansiven Ambitionen des Zarenreiches, dessen verantwortliche Politiker nur vorgeschoben die Freiheit der südslawischen Brudervölker forderten, sondern den Bosporus und die Dardanellen unter ihre Kontrolle bringen wollten, um Zugang zum Mittelmeer zu bekommen;
- und anderer Dinge mehr!

Viele Mythen werden von Simonnot widerlegt; es gab nicht die Schuld eines einzelnen Staates, sondern etliche der politischen Führer der Staaten wollten einen Krieg. Nebenher macht Simonnot auch klar, dass die unehrliche propagandistische Ausschlachtung des Kriegsgeschehens, das Erfinden der Reparationsfrage und der Diktatfrieden die Schneise, die den Weg zum II. Weltkrieg freilegte, geschlagen hat.

Fazit: Das Büchlein ist exquisit - ein wirklich feines Werk. Und für Leser, die nicht nur historisch interessiert sind, sondern auch des Französischen mächtig sind, sicherlich ein Lesegenuss; denn das Buch ist zweisprachig herausgegeben - französisch und deutsch.

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