Montag, 8. September 2014

Rezension: Durch Dualismus zur Freiheit

Das Buch kann hier bestellt werden.
Hubert Milz rezensiert
Diese Woche: Martin Rhonheimer: Christentum und säkularer Staat: Geschichte - Gegenwart - Zukunft, 480 Seiten, 29 Euro, Herder Verlag.
Prof. Rhonheimer (katholischer Priester und Professor für Ethik und politische Philosophie an der päpstlichen Universität Santa Croce in Rom) zeichnet in diesem Buch den durchaus beschwerlichen und steinigen Weg des Okzidents der vergangenen 2.000 Jahre.
Ein Weg, der durch die spannenden Relationen, die aus dem Dualismus zwischen ,,weltlich-politischem Machtanspruch" auf den Menschen und dem ,,pastoral-theologischen Anspruch" des Christentums herrühren, wesentlich über viele Verästelungen geprägt worden ist.
Prof. Rhonheimer zeigt, dass gerade dieser Dualismus zwischen
- staatlicher Macht, die den ganzen Menschen für sich vereinnahmen will, dadurch willkürlich im Sinne der staatlichen Macht instrumentalisieren möchte und als Eigentum, als Handlungsmasse der weltlichen Macht beansprucht;
und
- dem Christentum, welches diesen totalen Macht- und Eigentumsanspruch an den Menschen zurückweist, denn der Mensch ist nicht das Eigentum irgendeines anderen Menschen (auch keiner Regierung) und in moralischen/ethischen Fragen letztendlich an die göttlichen und nicht an die weltlichen Gebote gebunden.

Erst durch diesen Dualismus - weltlich-staatliche Macht versus Christentum - ist der Weg des Okzidents zu Freiheit und Pluralismus ermöglicht worden. Oder, wenn man so will, durch die Sturheit der kirchlichen Autoritäten (Papst etc.), die ihren Anspruch auf das Seelenheil des Menschen nicht aufgegeben haben und gegen die weltlichen Mächte (Kaiser, König, Fürsten etc.) zu behaupten hatten, wurde es möglich, dass der Okzident in gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Hinsicht den Weg hin zu Aufklärung, Moderne, Pluralismus und Freiheit gehen konnte. Dies ist in den orientalischen Herrschaftsgebieten (oftmals Riesenreichen) nicht der Fall gewesen, ja konnte dort in der abendländischen Form auch nicht gelingen.
Daraus folgt, dass sich der säkulare Staat und das Christentum bedingen, trotz aller Spannungen, welche die Beziehungen der beiden Sphären begleiten, gerade diese Spannungen zeitigten sich oftmals als schöpferisch-vorteilhaft.
Daraus kann auch gefolgert werden - unter Anlehnung an das schöne Bild mit dem Baum, welches Prof. Rhonheimer zu Beginn des Buches malt -, dass der säkulare Staat sich selbst zerstören wird, wenn gewisse Kräfte (lautstrake Strömungen und Meinungen) tatsächlich das Christentum als Gegenpart zur Staatsgewalt zerstören würden.

Fazit: Ein sehr schönes, ein ausgezeichnetes Buch eines katholischen Gelehrten, der fein differenziert zeigt und sorgfältig ausarbeitet, dass der Weg des Okzidents hin zu Freiheit und Pluralismus ohne das Christentum nicht möglich gewesen wäre und auch zukünftig nicht möglich sein wird - also, dass z. B. das Augustinus-Zitat in der Papst-Rede vor dem deutschen Bundestag voll zutrifft!

1 Kommentar:

  1. "Daraus folgt, dass sich der säkulare Staat und das Christentum bedingen"
    Rein struktural: Die Differenz und der Kontrast machen säkular und christlich zu zwei aufeinander bezogenen Teile eines (von vielen möglichen) Spannungspaaren. Aber: So weit sagt das noch nichts über ihren substanziellen Gehalt aus.
    Dass ein Glaube, der sich implizit gegen als überstaatlich und (politisch-sozial) transnational verstehtm ein Gegengewicht zum Nationalstaat darstellen kann ist richtig. Auch hat der "Ultramontanismus" eine (wie der Nationalstaat auch) ambivalente Rolle für die Entwicklung einer konstitutionell-vernünftigen politischen Struktur gespielt. Aber oftmals eben nicht intentional, sondern als Teil eines Kräftespiels von Kräften und gegenwirkenden Kräften, die einen gewissen Ausgleich erwirkten. Aber, z.B. in der heutigen historischen Situation, und allgemein: Muss dieses 'Spiel über Bande' mit der Religion (oder zumindest dem Glauben?) sein, oder könnte der säkulare Staat mit dem anarchischen Nichtstaat (jeweils als Bündel von verschiedenen Kräften) nicht auch auf säkularer Ebene eine Gewaltenteilung hervorbringen? (Oder auch, wenn das auch dann vielleicht kein qualitativer Unterschied wäre, eine noch nicht bestehende, andere Religion als das heutige Christentum?)

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