Donnerstag, 11. September 2014

Abbu Muhammad – die Türme – und das Opium


In Gedenken an Leopold Weiss (1900-1992)
von Dominik Ešegović

„the history of the world and its various cultures amounts in the last resort to little more than an expanded history of the West.“ 



– Muhammad Asad, The Road to Makkah

Teil 1
Mitte der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts bereiste ein junger Journalist aus Wien den Orient. Er hieß Leopold Weiss und war Jude. Wie auch der 18 Jahre ältere Ludwig von Mises wurde er in Lemberg geboren. Weiss begeisterte sich für das Morgenland und für seine fremde Kultur. Sie wirkte magnetisch auf ihn. Als Korrespondent der Frankfurter Zeitung hatte er bereits aus Palästina, Syrien, dem Libanon und aus Ägypten berichtet.
Besonders prägend für ihn sollte seine Reise durch Afghanistan werden – wo man mit einer schier unglaublichen Gastfreundschaft empfangen werde, aber stets aufpassen müsse, nicht erschossen zu werden. Der junge Journalist bereiste, nachdem er in Berlin zum Islam konvertiert war, als „Muhammad Asad“ die arabische Halbinsel. Er sollte fast sechs Jahre in Arabien bleiben, Freundschaft mit König Ibn Saud schließen und sich fünf Mal auf die Haddsch, die heilige Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka, begeben.

Weiss hat erreicht, was Mises verwehrt bleiben sollte. Er machte Bekanntschaften mit Königen und Präsidenten, hat sich dreimal vermählt und schenkte einem Platz in der Wiener Donaustadt seinen Namen. Vielleicht machte Mises den Fehler, dass er sich zu sehr mit dem Kapitalismus und nicht eingehender mit der islamischen Kultur befasst hat. Um den Titel des Botschafters Pakistans bei den Vereinten Nationen wird Mises seinen Wiener Kollegen wohl aber nicht sonderlich beneidet haben. 


Rockefeller des Nahen Ostens
Ein anderer Ausländer und Freund König Ibn Sauds war der spätere Erneuerer der Heiligen Stätten in Mekka und Jerusalem. Als er den König kennenlernte war der Jemenit ganze neun Jahre jünger als Weiss und gehörte schon mit Anfang zwanzig zum Kopf der reichsten Familie des Landes nach der des Königs. Der aufstrebende Baulöwe mit einem ungeheuren Geschäftssinn hörte auf den Namen Muhammad bin Awad bin Laden. Obwohl er nur ein ungebildeter Maurer war, hatte er einen sagenhaften Sinn für den Markt. Der „königliche Baumeister“ wurde recht rasch mehrfacher Dollar-Millionär und speiste seinen Reichtum, neben einem ungeheuren Fleiß, aus Exklusivrechten an dem (Um-)bau von Gotteshäusern Saudi-Arabiens und anderen Ländern der Region. Scheich Muhammad Bin Laden profitierte von speziellen Deals mit der Herrscherfamilie und wurde für seinen herausragenden Beitrag zum Aufbau der saudischen Infrastruktur hoch belohnt. 1967 endete die Karriere des Scheichs. Er stürzte mit seiner Geschäftsmaschine kurz vor seiner geplanten dreiundzwanzigsten Hochzeit über Süd-Arabien ab. Er hinterließ 57 Kinder, darunter den damals zehnjährigen Osama. 

Ungläubige im Land des Propheten
Die ersten US-Bürger, die nach Saudi-Arabien kamen, waren christliche Missionare. Unter den heimischen Beduinen fanden die Gottesfürchtigen zwar keinen Anklang, jedoch sollte das Werk einiger von ihnen Wunder bewirken. Als König Ibn Saud eine mysteriöse Krankheit befiel, die sein Gesicht und sein rechtes Auge anschwellen ließ, fand er Heilung bei christlichen Missionsärzten. Der dankbare König soll daraufhin amerikanische Delegierte in der Zuteilung von Aufträgen bevorzugt haben
Der Beginn der amerikanisch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen begann als Brückenbau zwischen unterschiedlichen Kulturen. Die Interessen überschnitten sich: Amerikanische Geschäftsleute waren an der Förderung und Vermarktung arabischen Öls interessiert und das rückständige Königreich profitierte durch die Nutzung westlicher Technologie. 1933 gewährte Ibn Saud dem Rockefeller-Unternehmen Standard Oil of California (Socal, heute Chevron) die Rechte für die Ölförderung. Dies sollte den Grundstein legen für die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den amerikanischen und saudischen Geschäftspartnern. Ausdruck fand diese auch in der Gründung der Arabian American Oil Company (Aramco), die eine Basis für die enge Kooperation bleiben sollte – selbst nachdem die Saudis in den frühen 1980ern die Kontrolle über den Konzern übernahmen. Der Ölkonzern beteiligte sich auch am Ausbau des Gesundheitswesens und von Bildungseinrichtungen und trug wesentlich zur Entwicklung der Infrastruktur bei. Saudi Arabien entwickelte sich zum größten Fördergebiet für Erdöl und wurde ein wichtiger Partner der USA. 
Nicht unbeteiligt am Ausbau der Beziehungen beider Staaten war der Bauriese „Saudi Binladin Group“. Das Multimilliarden-Unternehmen mit engsten Kontakten zum Königshaus beteiligte sich auch in den USA am Ausbau guter Beziehungen zu den amerikanischen Freunden.

Fromme im Land der Ungläubigen
Nach dem Tode Muhammad Bin Ladens übernahm sein Sohn Salim die Geschäftsleitung. Er liebte die USA und das Fliegen. Das in England ausgebildete Familienoberhaupt baute sich ein Haus in Florida und gründete eine eigene kleine Fluggesellschaft. 
Ein enger Freund der Familie, Gerry Auerbach, der einige Familienmitglieder durch die USA und nach auswärts als Pilot begleitete, erinnerte sich an die Bin Ladens in einem Fernseh-Interview. Er kannte sie fast alle, vom ersten Chef des Familienclans, den er 1966 in Saudi-Arabien kennenlernte bis hin zu Osama, der nicht wie seine Halbbrüder und Schwestern im Westen zur Schule ging, sondern in seiner Heimat unterrichtet wurde. Die Bin Ladens, die Auerbach kannte, waren „witzig, freundlich und extrem großzügig“. Sie luden den erfahrenen Piloten und seine Frau immer gern zum Essen ein. Die Bin Ladens verehrten ihren amerikanischen Privat-Piloten wie einen Helden. Er war zu einem Familienmitglied und für Salim sogar zu einer Art Vaterersatz geworden. 
Doch die Liebe zur Luftfahrt sollte dem Bin Laden-Clan abermals ihr Oberhaupt kosten. Salim Bin Laden flog 1988 mit seinem Ultraleichtflugzeug in eine Stromleitung in der Nähe San Antonios. Er wurde nur 42 Jahre alt. Mit ihm verlor nicht nur die Saudi Binladin Group ihren CEO, sondern auch ein texanisches Öl-Unternehmen seinen Mitgründer. Es handelte sich um eine texanische Firma mit dem Namen „Arbusto“. Die spanische Übersetzung deutete auf den Nachnamen des Firmengründers George W. Bush hin. Immerhin machte der spätere Präsident seine ersten 20 Millionen mit einem Unternehmen, an dem einige Bin Ladens kräftig mitverdienten. 
Mehrere Mitglieder der Großfamilie haben sich ab Ende der 1980er auch eifrig an der Carlyle Group beteiligt. Die Private-Equity-Gesellschaft, die zu den größten des Landes zählt, hatte das Glück, einen engen Freund der Familie, den früheren CIA-Chef George H.W. Bush, als Chefberater zu haben. Einen engen Kontakt hatten die Bin Ladens auch zu Reagans Finanz- und Bush Seniors Außenminister James Baker, der ebenfalls eine führende Position in der Carlyle Group einnahm. Das bei heutigen Stand 185-Milliarden-Dollar-Unternehmen investiert besonders gern in Rüstungskonzerne und hält sich einen hochkarätigen Stab an ehemaligen Präsidenten, Ministern und Staatsbeamten, die ihre Expertise vorzüglich einzubringen wissen. 
Ex-Verteidigungsminister und ehemaliger Carlyle-Chef Frank Carlucci stattete den Bin Ladens sogar in ihrem Firmensitz in Jeddah einen Privatbesuch ab. Das enge Geschäftsverhältnis der saudischen Immobilienbarone zu amerikanischen Großkonzernen mit direktem Draht zu Washington, sollte zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf einen Prüfstand gestellt werden. Spätestens seit dem Nachmittag des 11. September 2001 war der Name bin Laden in aller Munde. Sein Schatten reicht bis in unsere Tage.

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