Montag, 18. August 2014

Rand vs. Rothbard

von Dominik Ešegović
Ayn Rand gilt vielen Libertären als Schutzpatronin von Freiheit und Kapitalismus. Als Alissa Sinowjewna Rosenbaum wurde sie 1905 in St. Petersburg geboren, als die ersten Unruhen gegen den verhassten Zaren revolutionäre Züge annahmen. Der russische Herrscher galt damals vielen als blutrünstiger Autokrat, der Dissidenten einsperrte, die Arbeiterschaft unterdrückte und jedweden Fortschritt ausbremste. Schon als junges Mädchen interessierte sich Rand für Politik. Am Vorabend der Bolschewistischen Revolution begeisterte sie sich bewusst für republikanische statt für monarchistische Ideen.
Nach der kommunistischen Machtergreifung hatten es die Rosenbaums als wohlhabende Juden nicht leicht. Ayns Vater wurde enteignet und die Familie musste auf die Krim flüchten. Nach einem Studium der Philosophie und der Theaterwissenschaften, wurde Rand 1925 ein Visum bewilligt, um Verwandte in den USA zu besuchen. Sie nutzte die Gelegenheit, um ihrer alten Heimat für immer den Rücken zu kehren.

Als die 21-jährige Rand New Yorker Boden betrat, soll sie der Anblick der Manhattaner Skyline zu Tränen gerührt haben. Die junge Russin verliebte sich schnell in den amerikanischen Traum und in die Idee des grenzenlosen Fortschritts. Als Roman- und Drehbuchautorin wurde sie landesweit bekannt und lernte neben Hollywoodstars auch libertäre Größen wie Henry Hazlitt oder Ludwig von Mises kennen. Dem großen Österreicher war seine Zeit nicht zu schade, um  „the most courageous man in America“ (Rand) seine persönliche Hochachtung für ihr Werk „Atlas Shrugged“ auszusprechen. 

Erste Kontakte

Kurz zuvor meldete sich schon ein 31-jähriger Ökonom und Mises-Schüler mit einem „Fan-Brief“ bei Rand. Ihr Buch sei „the greatest novel ever written“. Sie habe die Romanform zu einer „higher dimension“ getragen. Als er das Werk gelesen hatte, so bekundete ihr damals größter Bewunderer, habe er Mitleid für alle Generationen von Romanlesern empfunden, die in ihrer literarischen Suche nach Wahrheit nicht in den Genuss von Atlas Shrugged kommen konnten. Rands Werk sei nicht nur der beste Roman, der je geschrieben worden sei, sondern gehöre zu den besten Büchern überhaupt, „fiction or nonfiction.“ Falls “Zarathustra” jemals auf die Erde zurückkäme, und ihn als Vertreter der Menschheit fragte: „what have ye done to surpass man?”, so beendete er sein Schreiben „I shall point to Atlas Shrugged. Gratefully yours, Murray“ (Rothbard).

So schnell sich der junge Anarchist Rothbard in das Werk und das Wirken Rands verliebte, so rasch schwand seine Hingabe für die „Objektivistin“ wieder. Wie viele andere auch, kritisierte Rothbard Rands autoritäre Art und quasi-stalinistische Führung ihrer sektenartig organisierten Fangemeinde. 1972 rechnete Rothbard mit seinem Artikel „The Sociology of the Ayn Rand Cult” systematisch mit seinem ehemaligen Vorbild ab. Differenzen zwischen den beiden libertären Größen begannen sich aber schon viel früher abzuzeichnen.

Rand und Rothbard zur Palästinafrage

1979 wurde die Heldin der „Objektivisten“ von Phil Donahue in seine populäre Talkshow eingeladen. Die tendenziell kritikscheue Rand sah sich vielen, nicht immer unkritischen Fragen aus dem Publikum ausgesetzt. Eine junge Dame wollte von ihr wissen, was sie von der amerikanischen Außenpolitik und dem Konflikt im Nahen Osten halte. Rand ließ keinen Zweifel an ihrer Haltung aufkommen: „Whose side one should be on, Israel or the Arabs? I would certainly say: Israel!” Der jüdische Staat sei schließlich „advanced, technological” und ein „zivilisiertes Land inmitten einer Gruppe fast totaler Wilder, die sich jahrelang nicht entwickelt” hätten, „rassistisch” seien und Israel nur ablehnten, „weil es Industrie, Intelligenz und moderne Technologie in ihren Stillstand” bringe.  Ein militanter Widerstand der arabischen Bevölkerung gegen die israelische Besatzung und gegen einen Eingriff in legitime Eigentumsrechte sei a priori zu verurteilen: „a private citizen who resorts to force is a monster, and that’s what makes me condemn and despise them [the arabs].”
Rands Haltung im jahrzehntealten Konflikt zwischen Juden und Arabern ist auf die einfache Formel zu bringen: „Israel hat immer recht; jedweder (arabischer) Widerstand ist per se unmoralisch und verabscheuungswürdig.“ 

So einfach – so fragwürdig. Zumal eine Unmenge an historischen Daten vorliegt, die den langen Konflikt im Nahen Osten auf die Vertreibung und Entrechtung von Palästinensern 1947-1949 zurückführt. Zumindest darf man bezweifeln, dass die Ursache der Spannungen auf die „Technologie“ oder „Industrie“ zurückgehen soll, welche eifrige Palästina-Siedler in ein wüstes Land getragen hätten. Selbstverständlich hat ein ungeheurer Transfer von Technologie, Kapital und Wissen in das gelobte Land stattgefunden. Jedoch hat es diesen auch schon vor der Staatsgründung 1948 gegeben. Als ob Technologie und Fortschritt von der (National-)staatlichkeit abhingen.
 
Murray Rothbard beschwerte sich in einem Artikel anlässlich des Sechstagekrieges 1967, dass gleichwohl „Libertäre, Marxisten“ und „Weltregierungsanhänger jeweils aus ihrem eigenen Blickwinkel heraus dazu tendieren, sich nicht um die ‚detailed pros and cons’ irgendeines Konflikts scheren“. Dabei wüssten doch alle Vertreter dieser Gruppen, dass die Grundursache von Krieg im Nationalstaatssystem zu suchen sei. Allerdings verfüge ein Libertärer über den intellektuellen Vorsprung zu erkennen, dass sich Staaten gegenüber ihren Bürgern aggressiv verhielten. Und jeder Staat übe in jedem Krieg Aggressionen gegenüber unschuldigen Zivilsten aus. So schön und gut diese Erkenntnis sei, führt Rothbard aus, so bedauernswert sei es auch, dass die meisten Libertären an diesem Punkt der Erkenntnis einfach stehen blieben. Man niste sich in ein „Third Camp“ ein, von dem aus man sich keine Sorgen um die Verantwortung eines Konflikts oder weitergehende Gedanken zu machen brauche. Mit diesem „idealistischen“ Standpunkt mache sich ein Libertärer aber zum Papagei, der zu jedem x-beliebigen Konflikt immer wieder dieselbe Leier vom Stapel lasse.

Das Wesen eines Krieges ist, ob 1967 oder 2014, dass es immer mehrere Seiten gibt. Es gibt „den Angreifer“, „den Angegriffenen“, „die Armee mit blauen Panzern“ oder „die verschleierten Kämpfer in grünen Tarnhosen“. Rothbard geht es darum, bei der Beurteilung eines Konflikts auch die Vorgeschichte näher auszuleuchten. In praktisch jedem Krieg sei eine Seite „far more guilty than the other”. Einer Seite müsse die Hauptschuld für eine Aggression zugesprochen werden. So ist beispielsweise der Mörder schuld am Mord, jedoch träfe das Opfer die Hauptschuld, wenn es den Täter über Jahre systematisch malträtiert und ihm jede Existenzgrundlage entzogen hätte. Um herauszufinden, welcher Konfliktseite man die größere Verantwortung zusprechen muss, sollte man sich gut informieren:  „and that takes time and thought – and it also takes the ultimate willingness to become relevant by taking sides through pinning a greater degree of guilt on one side or the other.“ Ein wirklicher Libertärer ist, wer sich explizit gegen Kriege ausspricht und die Hauptverantwortlichen von Leid und Elend beim Namen nennt. Sich eine vernünftige Meinung zu bilden, kostet aber Zeit und so manchem den Verstand.

Kommentare:

  1. Also ich dachte es kommt etwas mehr über da vs. Aber wie auch immer, ich halte grundsätzlich lieber zu Rothbard als Rand. Ich finde persönlich Rothbard hatte etwas was Rand völlig abging: Humor.

    Mag sein ich sehe das zu einseitig aber die Frau Rand ist einfach für mich zu verkniffen. Aber das Sie Atlas shrugged veröffentlicht hat, kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

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  2. Der Titel ist sehr irreführend, habe deutlich mehr erwartet als ein bisschen Rand-Wikipedia und der Standpunkt Rands zu Israel, abgearbeitet an einer kurzen Talkshowantwort und dann Rothbards grundlegende Meinung zum Krieg...

    Versus ist da eigentlich nix.

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  3. Dominik Ešegović18. August 2014 um 21:33

    Lieber Pascal,
    in diesem Artikel hat sich Rothbard ausdrücklich zur Nahost-Thematik geäußert: War Guilt in the Middle East
    Wenn Du Rands und Rothbards Standpunkte miteinander vergleichst, dann wird das mit dem "versus" bestimmt klarer ;)

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