Dienstag, 26. August 2014

,,Laissez faire within rules'': Mises, Hayek, Röpke und Eucken im Vergleich

Kolev:,,Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich'' 
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Kolev
Prof. Dr. Stefan Kolev ist Professor für Volkswirtschaftslehre (Schwerpunkt: Wirtschaftspolitik) an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau. In seinem Buch ,,Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich'' analysiert er die Staatsverständnisse vierer bedeutender Denker des Liberalismus des 20. Jahrhunderts. Tomasz M. Froelich fragte bei ihm nach.

Froelich: Herr Prof. Kolev, in Ihrem Buch ,,Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich'' vergleichen Sie die unterschiedlichen und sich scheinbar stark widersprechenden Staatsvorstellungen vierer bedeutender ,,neoliberaler'' Autoren: Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke und Walter Eucken. Viele werden vor allem der Zuordnung Mises', aber auch der Hayeks' zum Neoliberalismus widersprechen. Sie nicht?

Kolev: Nun, jede Klassifikation ist natürlich erstmal Definitionssache. Den Begriff des Neoliberalismus definiere ich in einem institutionellen Sinne, d.h. indem ich schaue, wer zur ersten prägenden Generation gehört hat, welche sich ab den 1920er Jahren einer Neufassung freiheitlichen Denkens zugewandt hat. Dabei halte ich zwei Ereignisse für diese Definition interessant: das Colloque Walter Lippmann 1938 und die Gründung der Mont Pelerin Society 1947. 
Die vier von mir gewählten Autoren sind für den um diese Zeit beginnenden Diskurs zentral, lediglich Eucken nimmt am Colloque Lippmann aus wohl organisatorischen Gründen nicht teil. Die vier Autoren kennen sich seit den frühen 1920er Jahren persönlich, verfügen über eine ausgiebige, jahrzehntelange Korrespondenz und haben, anders als frühere Generationen, auch die Gelegenheit, bei den besagten Treffen (aber auch bei zahlreichen Tagungen des Vereins für Socialpolitik bis 1933) sich tagelang auch persönlich höchst intensiv über den neu zu fundierenden Liberalismus auszutauschen und zu streiten. Daher erschienen sie mir zu Beginn des Projektes als ein potentiell ergiebiges Untersuchungsobjekt, was sich durchaus bestätigt hat. Und dann war ich so frei, sie mit dem Etikett ,,neoliberal'' zu belegen. 
Als jemand, der sich auch sonst gerne mit Geschichte des ökonomischen Denkens beschäftigt (momentan schreibe ich mit zwei Kollegen, Joachim Starbatty und Nils Goldschmidt, ein Lehrbuch zur Theoriegeschichte), bin ich der Auffassung, dass alle Versuche der Schulbildung stets verkürzend sind und der Komplexität der zu einer Gruppe zusammengefassten Denker nie gerecht werden. Auch der Begriff der ,,Österreichischen Schule" vereint Köpfe, die sich in keinster Weise immer einig waren; das gleiche gilt für den Begriff ,,klassisch liberal" - je nachdem, ob man hier Hume, Smith, Ricardo oder Mill als Bezugspunkt nimmt, um Liberale des 20. Jahrhunderts als klassisch liberal zu bezeichnen, schwingen dabei sehr unterschiedliche Konnotationen mit.

v.l.n.r.: Mises, Hayek, Röpke, Eucken.

Froelich: Sie verorten bei jedem der Autoren ein theoretisches ,,Gravitationszentrum'', das um sein Gesamtwerk kreist und aus dem sich seine Staatsauffassung speist. Wie schauen diese ,,Gravitationszentren'' bei den jeweiligen Autoren aus?

Kolev: Die untersuchte Generation hat erfreulicherweise lange gelebt und gewirkt, und das geht mit jeweils einem Werk einher, das Abertausende von Seiten umfasst. Da mich gerade die Vergleiche zwischen den Autoren gereizt haben, fand ich die Analysemethode eines österreichischen Theoretikers und Dogmenhistorikers, Karl Pribram, sehr praktisch. Pribram entwickelt die Idee, dass es möglicherweise bei jedem Denker zentrale Orte seiner Ordnungstheorie gibt, die ich als Topoi bezeichnet habe. Ein Topos ist also ein Zentrum, zu dem der Autor immer wieder zurückkommt, wie ein Attraktor, der außerdem dem jeweiligen Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft wesentlich zugrunde liegt. 
Bei Eucken handelt es sich um die Frage der Macht, staatlich wie privat, und um mögliche Instrumente der Entmachtung. Hayeks Topos ist das Wissen und die Mechanismen der Wissensteilung. Bei Röpke handelt es sich um die soziale Kohäsion und um ihre optimale Form in kleinen Regelkreisen. Mises fokussiert sich auf die Vernetzung handlungsautonomer Individuen und deren Nicht-Verbesserungsfähigkeit durch äußere Akteure, etwa den Staat. 

Froelich: In welchen zentralen Punkten stimmen die Autoren überein, in welchen unterscheiden sie sich?

Kolev: Es gibt natürlich viele Details, aber aus meiner Sicht kann man im Wesentlichen die Differenz zwischen Eucken, Hayek und Röpke einerseits und Mises andererseits in der Frage der Trennbarkeit von Spielregeln und Spielzügen in einer Ökonomie zuspitzen. 
Dass Wirtschaft unter bestimmten Voraussetzungen ein Positivsummenspiel ist, ist ein Bild, welches sehr alt ist, das aber von der besagten Generation pointierter herausgearbeitet wird als früher. Die Ordoliberalen und Hayek sehen die Trennbarkeit von Spielregeln und Spielzügen dahingehend, als es in deren Augen möglich und wichtig ist, die Spielregeln für eine freie Wirtschaft und Gesellschaft stets neu zu denken und auch zu setzen, und falls diese Regeln bestimmten Kriterien entsprechen, sind sie nicht nur keine schädliche Intervention, die als Freiheitsberaubung die Spielzüge der Privaten determiniert, sondern ganz im Gegenteil schaffen sie überhaupt die Voraussetzung für eine freiheitliche Koexistenz. Dieses Leitbild der Notwendigkeit einer Ordnungspolitik sieht Mises nicht und ist der Auffassung, dass eine Setzung der Spielregeln notwendigerweise die Freiheit der Individuen beschneidet und Spiralen auslöst, die kaum zu stoppen sind. 
Ich persönlich bin der Auffassung, dass Erstere eher Recht haben und dass Freiheit auf vielen Voraussetzungen ruht, bei deren Fehlen die liberale Ordnung sehr schnell in sich zusammenbrechen kann. Was natürlich nicht heißt, dass primär oder gar ausschließlich der Staat die Aufgabe hätte, über die Frage der Regeln und deren Entwicklung nachzudenken. 

Froelich: Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es den ,,neoliberalen Staat'' als solchen nicht gibt und arbeiten vier Leitbilder bezüglich der Fragen ,,Was ist Staat?'' und ,,Was soll Staat sein?'' heraus. Welche sind das?

Kolev: Ich war und bin stets der Meinung, dass der Liberalismus eher ein Kommunikations- als ein Forschungsproblem hat, und so sehe ich auch einen wesentlichen Beitrag der neoliberalen Generation, dass sie frühere Erkenntnisse in neue rhetorische Formen gepackt haben, um mit dem Bürger des 20. Jahrhunderts besser zu kommunizieren. Und so hatte ich auch ein Ziel im Projekt, neben der Auseinandersetzung mit den konkreten wirtschaftspolitischen Empfehlungen und deren Wandlungen, zuerst auf einer ersten Ebene sich mit den abstrakten Leitbildern zu befassen, die man unter Verwendung der Topoi aus dem Werk gewissermaßen herausdestillieren kann. 
Bei Eucken meine ich, dass es zutreffend ist, seinen Staat als einen möglichst unparteiischen Schiedsrichter zu beschreiben, der die Regeln durchsetzt und nach solchen sucht, die noch besser die Entmachtung in Wirtschaft und Gesellschaft gewährleisten können. 
Hayeks Staat umschreibe ich mit dem Bild des Gärtners eines englischen (im Gegensatz zum französischen) Gartens, der den Garten kultiviert, ohne aber die einzelnen Elemente zu kontrollieren und der aus den endogenen Prozessen des Gartens ständig lernt, wie er seine Rolle besser erfüllen kann. 
Röpke fasst die oben diskutierte Metapher des Spiels etwas radikaler, indem er bildlich gesprochen fragt, welche Säulen da sein müssen, damit das Spielfeld auch langfristig bespielbar bleibt und nicht so oft wie im 20. Jahrhundert einbricht - deshalb meine ich, dass das Bild des Statikers, der nach der Stabilität der Säulen schaut, für Röpkes Staat, aber auch für sein Verständnis von den Akteuren der Bürgergesellschaft, charakteristisch ist. 
Bei Mises ist die Sache, wegen der oben thematisierten Ablehnung der Notwendigkeit einer Ordnungspolitik, etwas einfacher, zumal er selbst sagt, dass sein Staat am besten mit der Lassalle'schen Karikatur des Nachtwächterstaates beschrieben ist. 

Froelich: Was ist überhaupt ,,neo'' am Neoliberalismus und warum hat dieser Begriff vor allem in der Wissenschaft häufig eine solch negative Konnotation?

Kolev: Aus meiner Sicht hat das ,,neo'' zwei Dimensionen, eine inhaltliche und eine prozedurale.
Die inhaltliche bezieht sich erneut auf die obige zentrale These der Notwendigkeit einer Spielregelsetzung durch Ordnungspolitik. Das hat es natürlich auch in früheren politischen Ökonomien gegeben, sicher etwa bei Smith oder bei Mill, aber die Neoliberalen arbeiten es deutlicher heraus. Um es auf den Punkt zu bringen, ersetzen sie die alte Faustregel des ,,laissez faire'' mit der Formel ,,laissez faire within rules'', in der Sprache der heutigen Verfassungsökonomik ausgedrückt. 
Die prozedurale Dimension ist für mich mindestens genauso wichtig: das ,,neo'' betont aus meiner Sicht, dass sich die Generation das Recht genommen hat, radikal neu über Freiheit nachzudenken. Auch Denker wie Mises, die sich gegen das ,,neo'' gesträubt haben, haben genuin Neuartiges beigetragen, in seinem Fall die Praxeologie als Neuformulierung einer sozialwissenschaftlichen Handlungstheorie. Für mich als 33-jährigen Wissenschaftler ist das ein wichtiger Punkt: dass jede neue Generation an Liberalen das Recht, vielleicht sogar die Pflicht hat, neu zu denken und das Bewahrte stets kritisch zu prüfen. 
Demgegenüber hat meines Erachtens der Begriff ,,klassisch liberal'' etwas Starres, da Klassik vom Konzept des Vorbildes stammt, was leicht zu Dogmatismus verleiten konnte. Und Dogmatismus verträgt sich für mich schlecht mit Wissenschaft.

Froelich: Zum Abschluss: Anarchokapitalistische Denker wie Murray Rothbard waren überzeugt, dass der zentrale und folgenträchtige Fehler des Liberalismus in seiner Anerkennung des Staates als territorialer Zwangsmonopolist der Gesetzgebung und Besteuerung zu finden ist. Das Credo der meisten Liberalen lautet, dass nur der Staat fähig sei effektiv für Recht und Ordnung zu sorgen. Seit Gustave de Molinari halten Anarchokapitalisten dies für einen Irrtum im liberalen Denken: Wenn der Markt sonst die besten Ergebnisse hervorbringt, weshalb dann nicht bei den Gütern Recht und Ordnung? Wie stehen Sie zum Anarchokapitalismus?

Kolev: Ich möchte nicht zu viel verraten, am Sonntag haben wir im ESFL-Webinar (,,Ist der Anarcho-Kapitalismus wirklich radikal? F.A Hayek, die Ordoliberalen und James Buchanan") Gelegenheit genug, uns über den Anarchokapitalismus zu fetzen. Da ich auch dieses Interview von Bulgarien aus beantworte, sollte ich sagen, dass ich beim Thema Anarchismus eine bulgarische Perspektive habe, die mich gegenüber den verschiedenen Anarchismen skeptisch macht (mein Kollege Gerhard Wegner und ich haben im Hayek-Juniorenkreis Wissenschaft ein ganzes Seminarwochenende der faszinierenden Geschichte der Anarchismen gewidmet). 
Mein Punkt, den ich am Sonntag etwas ausführlicher darlegen will, hat folgenden Kern: das Abschaffen des Staates heißt für mich mitnichten, dass man damit auch Macht und Zwang abschafft. Ich bin in den 90ern in Bulgarien aufgewachsen, da war der hiesige Staat (wie auch noch heute) eine Attrappe. Bloß war es überhaupt keine freie oder gar entmachtete Wirtschaft und Gesellschaft, ganz im Gegenteil, das Land erstickt seit dem Ende des Kommunismus in den Machtnetzwerken, die uns seit dem Ende des Kommunismus nicht loslassen, meist losgelöst vom ziemlich zahnlosen Staat. Bisher konnte mich kein Anarcholiberaler überzeugen, dass in seinem Ordnungsentwurf die Machtfrage hinreichend gelöst ist - aber vielleicht ändert sich das ja am Sonntag!
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Über Stefan Kolev:
geboren 1981 in Sofia, Bulgarien. Studium der Betriebswirtschaftslehre (Dipl.-Kaufmann) und der Volkswirtschaftslehre (Dipl.-Volkswirt) an der Universität Hamburg. Stipendiat in der Grund- und Promotionsförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Promotion zum Staatsverständnis im Neoliberalismus 2011 an der Universität Hamburg. Zwischen 2007 und 2012 Mitarbeiter an der Zweigniederlassung Thüringen des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) Erfurt, zuletzt Leiter des Projektes „Die Planwirtschaft der DDR - Mythos und Wirklichkeit“. Forschungsaufenthalte an der Bulgarischen Nationalbank (2009) und an der Duke University, USA (2010). Deutsch- und englischsprachige Lehrerfahrung an der Universität Hamburg, an der Universität Erfurt, am Europa-Kolleg Hamburg und an der Privaten Fachhochschule Göttingen. Vertrauensdozent der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Geschäftsführer des Wilhelm-Röpke-Instituts e.V., Erfurt. Ab dem 1. März 2012 Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik an der Westsächsischen Hochschule Zwickau.
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1 Kommentar:

  1. Habe gerade das Webseminar mit Stefan Kolev besucht. Ist eine interessante Veranstaltungsform und war im konkreten Fall interessant und zum weiter darüber nach- und quer-denken inspirierend. Obwohl ich den u.a. Röpke-Ansatz von Stefan Kolev mit Fragen aus einer abstrakt-gesellschaftlichen und konstitutionellen Sicht teilweise skeptisch gegenüberstehe. Ob der von ihm angesprochene Dezentrismus, als Versuch zwischen Allgemeinstaat und anarchistischer Kommunenbildung (ob als Ordnung oder Prozess praktiziert) machbar und aus individualrechtlicher und emanzipatorischer Sicht förderlich wäre, wäre Thema weiterer Reflexion und Diskussion.

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