Sonntag, 10. August 2014

Kaufmännisches Rechnungswesen in der öffentlichen Verwaltung ... wo ist der Nutzen?

Wo sind sie nur, meine 
Steuergroschen?
Gotthilf Steuerzahler fragt sich: Was machen eigentlich ... meine Steuergroschen?
Liebe Leserinnen und Leser,
die öffentliche Verwaltung in Deutschland durchläuft seit Jahren einen tiefgreifenden Modernisierungsprozess. Im Kern geht es darum, dass sich Bund, Länder und Kommunen stärker an modernen Managementmethoden orientieren sollen. Betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente, die sich in der Privatwirtschaft bewährt haben, sollen in die öffentliche Verwaltung übernommen werden.

Ein besonders wichtiger Bestandteil dieser Reformbestrebungen ist die Modernisierung des Finanzmanagements der öffentlichen Verwaltung durch Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens. Während das traditionelle Finanzsystem der öffentlichen Verwaltung nur die Zahlungsströme abbildet, erfasst das kaufmännische System den vollständigen Ressourcenverbrauch. An die Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens wird die Erwartung geknüpft, dass die finanzielle Situation der betreffenden Gebietskörperschaft transparent wird, dass die Entscheidungsgrundlagen für die politisch Verantwortlichen verbessert werden und ein wirtschaftlicherer Einsatz der Ressourcen gefördert wird.

Inzwischen liegen aus vielen Zweigen der öffentlichen Verwaltung breit gefächerte Erfahrungen im Zusammenhang mit der Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens vor. Aber hat diese Reform, welche enorme Kosten verursacht hat und noch verursachen wird, die geweckten Erwartungen tatsächlich erfüllt? Ist der erhoffte Nutzen wirklich eingetreten?

Keine abgestimmte Vorgehensweise bei der Umstellung des Rechnungswesens 

Bei der Reform des Rechnungswesens sind die Kommunen führend, zusammen mit einigen Bundesländern. Andere Bundesländer verhalten sich hingegen abwartend, ebenso der Bund. Die Kommunen haben als erste mit der Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens begonnen und die Umstellung am weitesten vorangetrieben. Dabei haben sie, aufbauend auf den Daten des kaufmännischen Rechnungswesens, ihr Haushaltswesen ganz überwiegend auf Produkthaushalte umgestellt.

Zu einer einheitlichen Vorgehensweise bei der Umstellung ist es allerdings nicht gekommen. Vielmehr hat jede Kommune im Rahmen der Vorgaben ihres Bundeslandes das kaufmännische Rechnungswesen individuell nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen eingeführt. Auch die Länder haben ihr kaufmännisches Rechnungswesen unabhängig voneinander konzipiert und eingeführt; die bereits vorhandene Lösung eines anderen Bundeslandes zu übernehmen kam nicht in Frage! 

Enorme Kosten der Umstellung 

So verwundert es nicht, dass die Kosten der Umstellung einen enormen Umfang erreicht haben. Allein für die Kommunen eines kleinen Bundeslandes mit rund vier Millionen Einwohnern sind Umstellungskosten in Höhe von 140 Millionen Euro ermittelt worden. Alles in allem dürfte die Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens die öffentliche Verwaltung im Ergebnis viele Hundert Millionen Euro gekostet haben bzw. noch kosten. Hiervon profitierten in großem Stil Unternehmensberatungen, welche die Umstellungsprojekte häufig begleiteten, sowie die Anbieter von betriebswirtschaftlicher Software. Wegen der hohen Kosten haben einige Bundesländer zwischenzeitlich die Einführung zeitlich gestreckt oder inhaltliche Abstriche vorgenommen.

Befragungen bei den Kommunen, die über die längste Erfahrung mit dem kaufmännischen Rechnungswesen verfügen, haben ergeben, dass der Umstellungsprozess wesentlich länger dauerte als geplant und häufig noch nicht abgeschlossen ist. Die Erstellung der Eröffnungsbilanz und des ersten Jahresabschlusses stellte sich wegen schwieriger Bewertungsfragen als äußerst aufwändig und langwierig heraus. Die Kosten der Umstellung wurden regelmäßig unterschätzt. Die erhofften Wirtschaftlichkeitsgewinne durch die Umstellung sind nach den erhaltenen Auskünften nicht eingetreten. Vielmehr musste fast überall zusätzliches Fachpersonal eingestellt werden, so dass dauerhaft zusätzliche Kosten entstanden. 

Informationen aus dem Rechnungswesen werden kaum genutzt 

Was die Transparenz der finanziellen Situation und den Informationsgehalt der Haushaltsunterlagen anbetrifft, waren sich die befragten Entscheidungsträger darin einig, dass die Umstellung Verbesserungen gebracht habe. Die Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens sei ein wichtiger Schritt zur Modernisierung des öffentlichen Haushalts- und Rechnungswesens. Auf die Frage, inwieweit die Informationen aus dem Rechnungswesen denn tatsächlich genutzt werden, gab ein Großteil der Befragten allerdings an, dass die Daten bei der Entscheidungsfindung keine große Rolle spielten. Insofern sei der Nutzen der Umstellung als gering anzusehen.

Selbstverständlich ist die Umstellung auf das kaufmännische Rechnungswesen eine sinnvolle Sache, die viel früher hätte erfolgen müssen. Eine einfache Lösung hätte zunächst genügt, die man nach und nach hätte erweitern und auf die Bedürfnisse der betreffenden Verwaltung zuschneiden können. Aber nach typisch deutscher Art wurde hier völlig unkoordiniert und zudem perfektionistisch vorgegangen, was zu den geschilderten enormen Kosten geführt hat.

Auch wenn die Mehrheit der befragten Entscheidungsträger Lippenbekenntnisse zur Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens ablegt, wird aus den Antworten doch deutlich, dass der Nutzen der Reform für die Steuerung der betreffenden Behörde als gering angesehen wird. Dies erklärt sich daraus, dass Kosteninformationen bei Entscheidungen im kommunalen und staatlichen Bereich nur von untergeordneter Bedeutung sind, ganz anders als in der Wirtschaft. Entweder muss die öffentliche Verwaltung wegen rechtlicher Vorgaben eine bestimmte Leistung ohne wenn und aber erbringen, dann spielen die Kosten keine Rolle. Oder die politisch Verantwortlichen versuchen, Prestigevorhaben durchzusetzen oder Wählerinteressen zu bedienen, dann lassen sie sich von Kosteninformationen ebenfalls kaum beeinflussen. Es bleibt also nur ein begrenzter Anwendungsbereich, in dem Informationen aus dem Rechnungswesen von Bedeutung sind. 

Nutzen der Umstellung wird sich erst später zeigen 


Bei der Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens wurden diese Besonderheiten der Entscheidungsfindung im politischen Bereich zu wenig beachtet. Deshalb verwundert es nicht, dass die Informationen aus dem kaufmännischen Rechnungswesen in der Praxis nicht den Stellenwert erlangt haben, den sie eigentlich haben müssten. Der Nutzen der Umstellung ist dementsprechend derzeit äußerst fraglich.

Dies dürfte sich erst dann ändern, wenn sich die öffentliche Verwaltung viel stärker als heute an betriebswirtschaftlichen Grundsätzen orientiert. Bis dieser Wandel sich vollzogen hat, können noch viele Jahre ins Land gehen. Erst dann, liebe Leserinnen und Lesern, wenn die Verantwortlichen in den Kommunen und den Ländern betriebswirtschaftliche Informationen ernst nehmen und ihre Entscheidungen danach ausrichten, wird der Nutzen des kaufmännischen Rechnungswesens in vollem Umfang deutlich werden. Darauf wartet voller Geduld


Ihr
Gotthilf Steuerzahler

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich interessanter Artikel. Es muss erwähnt werden, dass das Rechnungswesen ein Teilbereich der Betriebswirtschaftslehre ist. Die Dimension dieses Teilbereiches wird in der Regel sehr stark unterschätzt. Oftmals ist nur der Bereich der Buchhaltung im Zusammenhang mit dem Rechnungswesen bekannt. Dieser Bereich zählt hierbei lediglich zum externen Rechnungswesen. Auf das interne Rechnungswesen (Controlling), welches die Kostenrechnung sowie auch die Investitionsrechnung beinhält, darf man hierbei jedoch nicht vergessen. Wie man hieraus bereits erahnen kann, handelt es sich beim Rechnungswesen um einen der größten und wichtigsten Teilbereiche der Betriebswirtschaftslehre. Der Bedarf an qualifiziertem Personal, wird vor allem im Rechnungswesen (internen sowie externen), in der Zukunft stark steigen!

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