Mittwoch, 13. August 2014

Der eigentumslose Weltenzustand und die kriminalisierte Selbstbestimmung

von Tommy Casagrande und Stefan Blankertz
Tommy Casagrande: Wem gehört das Geld der Menschheit? Die echten Eigentumsverhältnisse, wie sie sich anarchistisch entwickelt hätten, lassen sich tragischerweise nicht nachbilden. Denn dazu gehört die radikale Freiheit von Angebot und Nachfrage an jedem Ort der Welt unter Ausschluss erzwungener Vergesellschaftungsformen. Sobald eine Gesellschaft erzwungenermaßen vergesellschaftet wird, kann man auch nicht mehr davon sprechen, dass das produzierte, geschöpfte, getauschte, angebotene, nachgefragte Eigentum auf freien Strukturen entstanden ist. Somit fehlt der Verteilung des weltweiten Eigentums die Legitimation - und zwar bei allen Erdmenschen. Und somit existiert die heutige Menschheit in einem in Wahrheit eigentumslosen Zustand, indem der Begriff Eigentum zur Auslegungssache der Machtpotenz wird. 
Heute, nachdem die Menschheit Jahrtausende der Unfreiheit hinter sich hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie sich Eigentum verteilt und entwickelt hätte, wenn man es von Anbeginn der Menschheit schon derart freiwillig gehandhabt hätte. Darum lässt sich nicht mehr zuordnen, wem was in Wahrheit gehört und wer welchen Anspruch auf welchen Teil entgangener Früchte hätte. Auch die Annahme, jemand schulde der Gesellschaft einen bestimmten Betrag fällt in sich zusammen. Denn niemand kann den geschuldeten Betrag errechnen, weil niemand die entgangenen Chancen errechnen kann. Nur, dass es Unrecht und Leid gibt, ist fest zu stellen sowie die Tatsache, dass die Komponente für dergleichen in der strukturellen Unfreiheit der Menschen sich gründet. Wir befinden uns in einer Welt ohne Wahrheit, in der lediglich der Stärkere die Gesetze vorgibt, an die sich zu halten sei. Es gibt keine konsistente Begründung für diesen Weltzustand außer dem, dass der Stärkere sagt wo es lang geht. Dieser Zustand ist gegen die Vernunft gerichtet. Denn die Vernunft sollte das Recht entdecken, das der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Und gerecht ist Freiheit immer und die Unfreiheit nimmer.

Stefan Blankertz: Ja, natürlich, so ist es. ,,Steuern sind Raub, auch wenn das Opfer Uli Hoeneß heißt." Das Urteil ist Teil des ,,liberalen" oder ,,sanften" Faschismus, das heißt die Strukturen sind so willkürlich wie im Volksgerichtshof, aber es gibt keine Erschießungskommandos.

Tommy Casagrande: Ich will mit obigem aussagen: es ist Blödsinn zu behaupten, etwas sei jemandes Eigentum, denn wir können nicht rekonstruieren wie sich die Welt und ihre Eigentumsverhältnisse ohne Zwangsapparate entwickelt und verteilt hätten. Andersrum gilt aber somit auch, dass niemand Anspruch auf jemandes Eigentum stellen kann, denn jener lässt sich, wie gesagt, nicht rekonstruieren oder errechnen. Er wäre keineswegs freiwillig und anarchistisch und könnte daher höher oder niedriger ausfallen oder ganz und gar unberechtigt sein. Wir wissen also nicht, welcher Mensch auf wie viel Geld, Eigentum und Reichtum Anspruch hat oder nicht, im Vergleich mit einer Welt die sich ohne Staat entwickelt hätte. Darum lebt die Menschheit in einem eigentumslosen oder zumindest von Grund auf durch Verzerrungen durchdrungenen regulierten Quasi-Eigentums-Zustand.
Die heutigen Eigentumsverhältnisse auf der Welt sind verzerrt. Der Staat reguliert Produktion und Angebot von Gütern und Geld. Er reguliert so ziemlich alle Lebensbereiche weltweit. Er reguliert zudem auch die Möglichkeiten und Perspektiven der Nachfrage. Sowohl Angebot als auch Nachfrage werden durch staatliche Regulierungen kanalisiert, um sie kontrollierbar zu machen. Das geht seit Ewigkeiten so. Darum halte ich jedes gegenwärtig vorhandene Eigentum für illegitim: meines, eures, unser aller. Aber auch jeder Anspruch daran ist es genauso. Das heißt, wir befinden uns in einer eigentumslosen bzw. eigentumsverzerrten Welt und wenn wir sprechen und sagen: das ist meines, das ist deines, dann gehen wir in die Irre. Denn Grundlage, dass etwas meines und etwas deines ist, ist eine Struktur, auf der das Zusammenleben freiwillig zustande kommt und das Tauschen ebenfalls. Beides ist nicht der Fall. Darum sind die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse eine Farce und ein Instrument der Machtpotenz. Deswegen lässt sich aus etatistischer Sicht auch hinter jeder Umverteilung eine Form nachträglicher ,,Gerechtigkeit" erkennen, weil sich behaupten lässt, dass die Strukturen, die vorhanden sind, andere gesellschaftliche Schichten bevorteilen. 
Gerade weil wir in einer de facto eigentumslosen, respektive verzerrten Welt leben, ist Eigentum eine Frage der Machtpotenz. Der Stärkere gibt vor, wer wie viel bekommt und was ihm zusteht. Eigentum gründet auf Strukturen. Etatistische Strukturen (die dazu führen, dass Angebot und Nachfrage reguliert, kanalisiert und kontrolliert werden) zu ignorieren oder gar so zu tun, als wenn es sie nicht gäbe, aber zu einem späteren Zeitpunkt zu behaupten, die daraus ergangenen Ungleichheiten seien das Produkt einer Struktur der Freiwilligkeit, des freien Marktes oder der menschlichen Eigenverantwortung und somit legitim ist falsch und heuchlerisch.
Nehmen wir konkret Uli Hoeneß und den FC Bayern München. Fussball ist kein unregulierter Markt. Und falls er etwas weniger reguliert ist, so fließt viel Geld deswegen seit geraumer Zeit gerade dort hin, weil andere Bereiche anderswo so massiv reguliert sind, dass dort weniger investiert wird. Investitionen und Geld fließen dorthin, wo das Ventil weniger verstopft ist. Völlig entstaatlicht flößen Investitionen überall hin und nicht nur begrenzt auf wenige Bereiche in denen dann die Preise auch erheblich anziehen können. Da aber viele Lebensbereiche reguliert sind, entsteht das Bild eines Kapitalismus, der aus Röhren besteht, bei denen in einer Röhre Geld reingepumpt wird um dann an einem bestimmten anderen Ende, welches noch nicht zubetoniert ist, wieder rauszukommen. Doch dieses Sinnbild, das an eine Kanalisationsarchitektur erinnert, ist der gegenwärtige Staatskapitalismus und nicht jener, der ohne Staat, auf anarchistische Weise, gedeihen würde. Aufgrund dieser Kanalisationen jedoch verzerrt man jedes Eigentumsverhältnis. Und das führt zu einer Verteilung von Eigentum, die sich anders entwickelt, als sie es getan hätte, wenn es keine Zwangsapparate gäbe, die diese Kanalisationsarchitekturen entwerfen würden.
Es geht bei der Freiheit nicht nur um die unmittelbare freie Entscheidung des Individuums, unabhängig des Systems, das ihm vorgibt, was er wo darf. Denn ansonsten wäre ein Mensch auch dann noch frei, wenn ihm ein Bösewicht eine Waffe an den Kopf hielte und behauptete, er überlasse ihm die freie Entscheidung, ob er das Geld rausrückt. Bei der Freiheit geht es stets um das Selbsteigentum und jene Möglichkeiten, die daraus sich ergeben im Vergleich zu einem Menschen, der sich nur unmittelbar frei verhält, weil ihm die unfreie Umwelt die Alternativen genommen hat. Plakativ gesagt hat somit ein Mensch im anarchistischem Ideal 1 Million Perspektiven und ein heutiger Staatsbürger auf der Welt nur 2. (Graduelle Unterschiede zwischen einzelnen Staaten außen vorgelassen, es geht um Grundsätze). Also wird auch alles was daraus folgt und wohin das Geld dann fließt, bei wem es ankommt und nicht ankommt, genau deshalb verzerrt sein, weil durch die Begrenzung von individuellen menschlichen Perspektiven sich ein anderer Eigentumsverteilungsschlüssel ergibt, als wenn jeder Mensch seines und des Glückes anderer Schmied sein darf.

Stefan Blankertz: Ich würde zwei Ebenen unterscheiden (fast hätte ich geschrieben: Man kann das dialektisch sehen; ich habe gerade zu viel Hegel gelesen): Die gegenwärtig Reichen sind wahrscheinlich auch darum reich (teilweise vielleicht nur deshalb), weil sie vom Staat indirekte oder direkte Privilegien erhalten (auch Fußball ist ein hochsubventionierter Bereich), genauso wie die heutigen Armen wahrscheinlich auch darum arm sind (teilweise vielleicht nur deshalb), weil sie vom Staat benachteiligt werden. In diesem Sinne kann man davon sprechen, dass die gegenwärtige Einkommens- und Kapitalverteilung Ergebnis von Staatshandeln ist und nicht von libertärem (legitimen) Eigentumsrecht und Markt.
Auf der anderen Seite richtet der Staat aber Repression gegen bestimmte ,,Reiche", die sich nicht in der gewünschten Weise eingliedern. Diese Repression besagt: Du als Individuum, auch wenn du reich und populär bist, bist nichts, bist völlig abhängig vom Staat und von seinem Wohlwollen. Im Sinne von Foucault ist das Urteil gegen Hoeneß vor allem ein Signal an die Besitzenden, nämlich sich immer daran zu erinnern, dass ihre Existenz mit einem Federstrich des Staates vernichtet werden kann. Diese Repression ist das Äquivalent zu der Repression gegen ,,Sozialmissbrauch", mit dem der Staat den von ihm arm Gemachten, die er dann gnädigerweise mit Wohlfahrt unterstützt, daran erinnert, dass die Bürokratie allmächtig ist und sie sich in völliger Abhängigkeit befinden.
Aus diesem Grunde ist es zwar keine Verteidigung des reinen freien Marktes und des libertären Eigentumsrechts, wenn wir gegen die Verurteilung von Hoeneß protestieren, aber es ist ein Protest gegen die Repression des Staates, mit der er Individualität, Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung kriminalisiert.

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