Donnerstag, 31. Juli 2014

Über die Weigerung Selbsteigentum und Recht anzuerkennen

von Tommy Casagrande
,,Selbsteigentum und Recht seien nicht die Grundlage des Anarchokapitalismus, sondern Vertrag und Kooperation.'' So lautet immer wieder gerne die Phrase manch einer vom Abspulen ausgeleierten Platte. Doch worauf basieren Vertrag und Kooperation, wenn nicht auf der Einsicht, dass Selbsteigentum ein philosophischer Rechtsgrundsatz ist, auf dem Vertrag und Kooperation erst möglich sind? Kooperation und Vertrag resultieren aus der Tatsache, dass jene Parteien, die miteinander kooperieren und Vertragsbeziehungen eingehen, sich gegenseitig als selbstbestimmte Wesen wahrnehmen. Der zweite Schritt folgt dem ersten. Selbsteigentum und Recht abzulehnen bedeutet in seiner Konsequenz folgendes:

Wir Menschen wären beraubt eine mit der Logik zu erfassende Philosophie zu erkennen, die es uns ermöglicht, mit dieser das menschliche Zusammenleben friedlich zu organisieren. Diese Philosophie ist, wie jedes andere mit den Gedanken zu erfassende Konstrukt, ein metaphysischer Bezug für die eigene Praxis. Wegen der Möglichkeit dieses abzulehnen die Schlussfolgerung zu ziehen, es existiere auch nicht, ist hochgradiger Unsinn. Denn dann wäre jeder etatistische, bevormundende, gewaltmonopolistische, tyrannische Zustand - und sei er auch noch so menschenverachtend - vollkommen legitim. Der Stärkere wäre der pragmatische Beweis dafür, dass der Schwächere keinen anderen Zustand verdient hat. Man wäre als Mensch gefangen und reduziert auf die eigene Gewalt, das Talent der Verbrüderung und Verschwesterung, um sich dann fortwährend gegen Feinde zu behaupten. Ewiger pragmatischer Kriegszustand wäre dann das menschliche Dilemma in Folge der Leugnung, dass es eine metaphysische Wahrheit gibt, die mit dem Verstand erkannt werden kann und die aus sich heraus logische Ableitungen ermöglicht, mit denen Menschen, wenn sie das wollen, in Frieden miteinander leben können. Wo dieser Wille nicht da ist, hilft logischerweise auch keine Wahrheit. 

Selbsteigentum braucht keine Verträge um zu sein. Selbsteigentum ist, bevor es zu einem Vertrag kommt. Es steht somit außerhalb eines Vertrages und kann auch nicht durch einen Vertrag zur Auflösung gebracht werden. Wenn das Selbsteigentum nur durch Verträge legitimiert werden könnte, würde das bedeuten, dass der Staat zurecht (in weiser Voraussicht) keine mit seinen Bürgern abgeschlossen hat und die gegenwärtige Bevormundung und Despotie, welche noch ganz andere, im historischen Kontext weit menschenfeindlichere Erscheinungsbilder kennen kann, wäre in jedem Falle legitim. Es gäbe dann nichts, auf das man sich berufen könnte, um grundsätzlich das Wesen eines Gewaltmonopols zu kritisieren. Man könnte noch nicht mal Gewalt als falsch definieren, wenn sie einem angetan würde, so lange es keinen Vertrag gäbe, der besagt, dass es falsch sei. Es wäre letztlich alles völlig in Ordnung.
Dass man sich auf etwas berufen kann, bedeutet ja nicht, dass es darum von jedem anderen schon akzeptiert wird. Aber Akzeptanz ist nicht das Kriterium um heraus zu finden, was richtig und falsch ist. Denn wenn beispielsweise ein Kinderschänder das Selbsteigentum des Kindes nicht akzeptieren will, dann schändet er es, Selbsteigentum hin oder her. 
Das Selbsteigentum jedoch gibt philosophische Auskunft darüber, dass dem Kinderschänder das Kind nicht gehört/nicht gehören kann. Es gehört sich selbst. Wenn er dem Kind Gewalt antut, dann ist das somit unethisch, unmoralisch, falsch und ein Verbrechen. Dazu braucht es nicht erst einen Vertrag, der dies definiert, regelt oder vielleicht sogar offen lässt und darüber still schweigt. 

Das Selbsteigentum ist eine Wahrheit, eine Tatsache, die zu erkennen jedem Menschen gegeben ist. Durch die Logik besteht die verstandesmäßige Möglichkeit das Selbsteigentum als Wahrheit zu erkennen, doch das hat mit Akzeptanz noch nichts zu tun. Die Möglichkeit etwas erkennen zu können ist das eine. Etwas zu akzeptieren ist das andere. Abzuleiten, dass durch Nicht-Akzeptieren das Zu-Erkennen-Mögliche nicht existiert, ist ein Riesenunsinn. Nur weil Menschen etwas auch nicht-akzeptieren können, bedeutet das nicht, dass es somit auch keine Wahrheit gibt, die man erkennen kann. Denn eine solche Formulierung würde in einem Selbstwiderspruch münden. Es wäre die Leugnung, dass es universelle Wahrheiten gibt. Blöderweise ist eine solche Leugnung bereits eine derartige postulierte Wahrheit, weswegen es selbstwidersprüchlich ist, sie zu formulieren.

Beispiele: 
Es gibt keine Wahrheit - stellt aber selbst das Postulat einer solchen auf. Fazit: Selbstwiderspruch.
Es gibt kein Selbsteigentum - vertritt ein Mensch, der während/indem er dies postuliert, Eigentum an sich selbst ausübt. Fazit: Selbstwiderspruch.

Vertrag und Kooperation sind erst die Folge der Anerkennung des Selbsteigentums als philosophischer Rechtsgrundsatz. Wer das Selbsteigentum verneint, verneint etwas, das erst die Grundlage für die Verneinung darstellt. Ohne das, was verneint wird, wäre es nicht möglich verneinen zu können. Die Tatsache, dass Menschen an den Staat glauben und freie/freiwillige Vereinbarungen unter den Menschen nicht anerkennen, beweist für sich genommen auch nicht, dass Freiheit nicht funktioniert. Die Tatsache, dass Menschen die Einsicht oder die Erkenntnis des Selbsteigentums oder des Rechts ablehnen, ignorieren oder leugnen können, beweist auch nicht, dass es nicht dennoch existiert. Ich kann auch behaupten, New York gibt es gar nicht. Darüber wird halt jeder lachen der dort lebt oder dort war.

Kommentare:

  1. Was ist denn überhaupt "Eigentum"? Ich für meinen Teil habe mir inzwischen angewöhnt das Wort Eigentum innerlich nicht mehr zu benutzen, bzw. es zu ersetzen, nämlich durch Verfügungsgewalt. Das trifft die Bedeutung von Eigentum weit besser.

    Unter dieser Prämisse sollte man dies auch mal bei Selbsteigentum tun. Was kommt dabei raus?
    Verfügungsgewalt über das eigene Ich, über einen selber.

    So jetzt noch mal zum Vergleich die These:
    "Das Selbsteigentum ist eine Wahrheit, eine Tatsache, die zu erkennen jedem Menschen gegeben ist."

    Hmmmm, reden wir jetzt davon wie es sein sollte, oder wie die Welt nunmal IST? Oder schon immer war?
    Fakt ist doch folgender, verdeutlicht an einem einfachen Beispiel (kann noch hunderte anführen): Selbst wenn man sich entschließt nicht angeschnallt Auto zu fahren, werden irgendwelche geistigen Zwerge in lustigen Uniformen ankommen und einem in letzter Konsequenz ziemlich schnell mit roher Gewalt klarmachen, wie weit es mit dem angeblichen "Selbsteigentum" bestellt ist.

    Fazit: Noch schöne Träume vom "Selbsteigentum". Findet euch damit ab, Ihr seid Eigentum eines beschissenen Kollektivs und das ändert sich auch nicht durch die philosophische Betrachtung was die Konsequenzen von "Selbsteigentum" nun seinen oder auch nicht, wenn es faktisch von Anfang an garnicht erst existent ist.

    Noch einen schönen Tag & Gruß, AD

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  2. "Das Selbsteigentum ist eine Wahrheit, eine Tatsache, die zu erkennen jedem Menschen gegeben ist. Durch die Logik [...]"

    Unter "Beispiele" für einen Selbstwiderspruch, und damit als -ich sage mal in Verknappung Deiner Herleitung- "logischen Beweis für die wahrhaftige Existenz von Selbsteigentum" schreibst Du (ebenso offenbar in Anlehnung an Molyneux und 'seinen' performanten Widerspruch):
    "Es gibt kein Selbsteigentum - vertritt ein Mensch, der während/indem er dies postuliert, Eigentum an sich selbst ausübt. Fazit: Selbstwiderspruch."

    Wie kann man sich sicher sein, dass der Postulierende "Eigentum an sich selbst ausübt"? Warum könnte er z.B. nicht einfach sich selbst "ausüben"? Wird dabei nicht das was eigentlich bewiesen werden soll im Beweis selbst als Grundlage vorausgesetzt?

    Nehmen wir mal zur Verdeutlichung an, ich würde nach dieser Methode beweisen wollen, dass jeder von uns ein Spaghetti-Monster in sich beherbergt. Jetzt führe ich analog einen "Selbstwiderspruch" her:
    "Es gibt kein Spaghetti-Monster - vertritt ein Mensch, der während/indem er dies postuliert, ein Spaghetti-Monster in sich beherbergt. Fazit: Selbstwiderspruch."

    Würdest Du da nicht auch als Kritiker der Spaghetti-Monster-Beherbergungs-Theorie sagen: "Zeig mir das Spaghetti-Monster! Beweise mir, dass es tatsächlich da ist! Ich akzeptiere Deinen versuchten 'Beweis' nicht!" ???

    Was würdest Du von jemandem denken, der Dir dann sagt: "Abzuleiten, dass durch Nicht-Akzeptieren das Zu-Erkennen-Mögliche nicht existiert, ist ein Riesenunsinn."

    Was würdest Du ihm sagen?

    ------

    Und auch von mir die Frage, die ja schon von AdvocatusDiaboli gestellt wurde:

    Was ist "Eigentum"? Ein "Recht"? Ein Bündel von "Rechten"? Wenn ja, dann: Was ist ein "Recht"?

    Und: Was ist, wenn mir oder Dir das nicht recht ist, was "Recht" ist? Oder wenn Dir oder mir etwas recht ist, was nicht "Recht" ist?

    Wer entscheidet, was Dir recht oder nicht recht ist?
    Ich entscheide es für mich selbst, was mir recht ist und was nicht. Und ich entscheide auch für mich selbst, was ich wem zugestehe und was nicht. Die Freiheit lass ich mir nicht nehmen.

    Grüsse, Peter

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  3. Bei der Diskussion über Eigentum ist es wichtig, sich klar zu machen, worüber man spricht. Ist Eigentum etwas Faktisches oder etwas Normatives? Tommy schriebt u. a. diesen Satz: "Selbsteigentum ist eine Wahrheit, eine Tatsache, ..." Hier wird man zu der Annahme geleitet, dass er über etwas Faktisches schreibt. Am Anfang des Textes bezeichnet er Eigentum aber als "philosophischen Rechtsgrundsatz", woraus hervorgeht, dass er über etwas Normatives schreibt.
    Advocatus nimmt dann in seinem Kommentar die Seite, in der Eigentum als etwas Faktisches verstanden wird, aufs Korn: Faktisch werden wir beherrscht, faktisch machen andere einige gewaltbewehrte Regeln für uns. Da hat er Recht, nur schlägt er m. E. auf einen toten Gaul ein.

    Wenn man nämlich legitimieren oder delegitimieren möchte, und darum geht es bei der Debatte um Selbsteigentum, muss man über Ethik und Recht sprechen. Eigentum nützt uns als Begriff nur etwas, wenn er normativ gemeint ist.

    Nun habe ich an dieser Stelle einen Einwand: Selbstwidersprüche funktionieren bei faktischen Behauptungen anders als bei normativen Aussagen. Wenn ich sage: "Sprache ist ohne Bedeutung", dann zeige ich, dass ich an meinem Behauptung gar nicht glaube, denn sonst würde ich nicht sprechen. Wenn ich von meiner Verfügungsgewalt über mich Gebrauch mache, um ein Argument für universelle Sklaverei vorzubringen, dann zeigt das nicht, dass ich an mein Argument nicht glaube. Es könnte auch bloss zeigen, dass ich mich an meine vorgeschlagene Ethik nicht halte. Aber ob ich mich an die Ethik, die ich vorbringe, halte oder nicht, sagt nichts über die Richtigkeit meines Vorschlages aus.
    Für mich heißt das, dass man ethische Diskussionen nicht über diese Art pragmatischer Selbstwidersprüche entscheiden kann. Man braucht andere Argumente, aber die gibt es auch.

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