Freitag, 18. Juli 2014

Über die Stabilität künftiger Anarchie



von Stefan Blankertz
Der Vortrag von Rahim Taghizadegan gibt eine interessante Perspektive, viele Details waren mir in der Form nicht klar. Aus einer Beschreibung einer historischen Entwicklung, speziell der Begriffsgeschichte, kann man jedoch nicht ohne weiteres auf Wirkungsprinzipien schließen.

Die antike, besonders griechische Welt, das Mittelalter (besonders das sog. frühe Hochmittelalter) und die USA in ihrer vor- und nachrevolutionären Zeit sind geschichtliche Phasen mit geringer staatlicher Infrastruktur. Wir können in diesen Phasen beides sehen: wie nicht-staatliche Sozialstrukturen funktionieren und wie staatliche Okkupation abläuft. Daraus ergibt sich klarerweise, dass aus Sozialstrukturen mit geringer Staatlichkeit ein großer und starker Staat entstehen kann. Etwas anderes kann nur jemand annehmen, der davon ausgeht, den Staat habe es schon immer und von Anfang an gegeben, die Evolution der Menschheit würde vom Gruppenterror zur individuellen Freiheit führen (das ist, verkürzt gesagt, die Position von Herbert Spencer, Ayn Rand, Ralf Dahrendorf, Friedrich August von Hayek u.a., tendenziell auch von Jürgen Habermas). (Diese Theorie kommt jedoch auch in Schwierigkeiten, aber das ist eine andere Geschichte.)

Wenn es also um die Frage geht, warum wir davon ausgehen können, dass eine zukünftige Anarchie größere Stabilität hat, fallen mir folgende Punkte ein:

1. Es ist ein Unterschied, ob in einer Situation es geringe staatliche Infrastruktur gibt, oder ob Anarchie von Anarchisten angestrebt wird. Sofern das Nicht-Staat-Haben als Mangel gesehen wird (so wie es das Alte Testament beschreibt: das Volk verlangte von Gott, einen König einzusetzen), ist es eben möglich, dass ein Staat entsteht, vielleicht langsam, aber dann mit zunehmender Geschwindigkeit, wenn die ersten Schritte gemacht sind. Im Anfang der USA gab es eben zu wenig radikale Liberale. Dies gilt ja auch für andere politische Systeme, wie man in Ägypten, Afghanistan und Irak wieder aktuell sehen kann: Eine Demokratie besteht nicht aus sich selbst heraus als System, es muss schon eine gewisse Menge an einflussreicher Bevölkerung geben, die das System auch will. Deswegen lehnt ja auch Christian Sigrist es ab, bei den segmentären Gesellschaften von "mechanischer Solidarität" zu sprechen, die die Staatenbildung verhindert, sondern besteht darauf, dass es sich um bewusste Formen von herrschaftsfreier Vergesellschaftung handelt.

2. Die neuzeitliche Entfaltung der Produktivkräfte hat zu einer gegenseitigen Handelsbeziehung und wirtschaftlichen Abhängigkeit geführt, die es unmöglich macht, dass sich größere, wohlhabende regionale Gruppen dauerhaft separieren oder unbeobachtet nach innen Terror ausüben. Kleine Gemeinden wie die Amish können sich separieren, aber sie müssen dafür auf Wohlstand verzichten, wozu immer weniger Menschen bereit sind. Außerdem stehen sie dennoch unter Aufsicht, d.h. es fällt ihnen immer schwerer, Menschen gegen ihren Willen festzuhalten. Ausstiegswillige haben zudem vielfältigere Möglichkeiten als früher, sich in anderen Gemeinschaften einzugliedern. Diese Wirkung hebt zwar Punkt 1, dass es für die Anarchie auch Anarchisten geben muss, also Menschen, die die Anarchie als Ideal anstreben, nicht auf, aber es mildert ihn.

3. Mit dem Nachdruck auf Eigentum und mit der Erfindung der konkurrierenden Sicherheitsagenturen ist es dem Anarchokapialismus gelungen, einen Mechanismus zu beschreiben, der sowohl die Probleme der Anarchie (was geschieht im Konfliktfall? Begrenzung von Konflikten usw.) löst, als auch eine wirksame Gegenwehr gegen Bestrebungen der Wiedereinrichtung eines Staates aufbaut. Auch hiermit wird der Punkt 1 nicht völlig aufgehoben, aber es zeigt sich, dass die Anarchie wehrhaft sein kann, d.h. nicht bei jeder Bestrebung einknickt und zum Staat zurückkehrt.

4. Eine Garantie für stabile Anarchie ist das alles nicht. Aber, wie Rothbard einen anonymen Libertären zitiert (ich habe nicht herausgefunden, wen er meint), selbst wenn nach Einrichtung der Anarchie es irgendwann wieder zu einem Staat kommt, hat die Menschheit wenigsten ein paar Jahrzehnte (oder Jahrhunderte) Urlaub vom Staatsterror genommen.

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