Samstag, 12. Juli 2014

Hochschulen unter Druck – wenn Forscher wegen Akquise nicht mehr zum Forschen kommen

Wo sind sie nur, meine 
Steuergroschen?
Gotthilf Steuerzahler fragt sich: Was machen eigentlich ... meine Steuergroschen?
Liebe Leserinnen und Leser,
die deutschen Universitäten sind unterfinanziert, sagen deren Interessenvertreter seit Jahren. Angesichts zunehmender Belastungen stehe viel zu wenig Geld für den Hochschulbereich zur Verfügung. Ob dies tatsächlich so ist, kann bezweifelt werden. In vielen Fällen bedeutet „unterfinanziert“ in Wirklichkeit, dass die betreffenden Institutionen schlecht gemanagt werden. Jedenfalls sind die Universitäten vor dem Hintergrund ihrer anhaltenden Finanznot nicht untätig geblieben. Sie geben sich große Mühe, zusätzliche Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu akquirieren. Diese Entwicklung hat aber zu Problemen und Fehlsteuerungen geführt, wovon nachstehend die Rede sein soll.

Die zusätzlich eingeworbenen Mittel, im Fachjargon „Drittmittel“ genannt, sind in den letzten Jahren für die Finanzierung der Hochschulen immer bedeutsamer geworden. Als „Drittmittel“ werden diese Gelder deshalb bezeichnet, weil sie den Hochschulen nicht von ihren Bundesländern, sondern von dritter Seite zur Verfügung gestellt werden, und zwar im Wesentlichen für den Bereich der Forschung.



Zu den Drittmitteln zählen insbesondere Forschungsmittel des Bundes, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der EU und anderer öffentlicher Stellen, ferner Gelder aus der Wirtschaft, die im Rahmen der Auftragsforschung gezahlt werden. Während die Grundfinanzierung der Hochschulen durch die Länder seit Jahren stagniert, hat sich der Anteil der Drittmittel an den Hochschulhaushalten in den letzten Jahren ständig erhöht. Bei einzelnen besonders drittmittelstarken Universitäten werden inzwischen bereits 30 oder sogar 40 Prozent des Hochschulhaushalts aus Drittmitteln finanziert, Tendenz weiter steigend.

Der Druck zur Einwerbung von Drittmitteln wächst

Die Hochschulen selbst und ebenso die Wissenschaftsministerien stehen dieser Entwicklung positiv gegenüber. Erfolge bei der Einwerbung von Drittmittel werden weitgehend mit wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Drittmittel spielen daher bei der Selbstdarstellung einzelner Universitäten oder einzelner Fachbereiche eine erhebliche Rolle. Die Wissenschaftsministerien betrachten Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln als wichtigen Indikator für die Forschungsstärke der betreffenden Hochschulen und honorieren entsprechende Erfolge durch zusätzliche Gelder. Dementsprechend wächst in allen Hochschulen der Druck, sich verstärkt um die Akquise von Drittmitteln zu bemühen.

Drittmittelerfolge sind kein Indikator für die Qualität der Forschung

Die starke Fixierung von Hochschulleitungen und Wissenschaftsministerien auf die Drittmitteleinwerbung erscheint nicht recht verständlich. Denn wenn Drittmittel akquiriert werden, heißt das ja nur, dass man seine Geldgeber von der Sinnhaftigkeit geplanter Forschungsaktivitäten überzeugt hat. Forschungsergebnisse liegen in dieser frühen Phase noch nicht vor. Über die Qualität eines Forschungsvorhabens lässt sich aber erst im Nachhinein etwas sagen, nämlich dann, wenn man sich mit dessen Ergebnissen auseinandersetzen kann. Die Fixierung auf das Drittmittelvolumen ist wahrscheinlich so zu erklären, dass es sich um eine leicht feststellbare Kennzahl handelt, mit deren Hilfe mühelos Vergleiche innerhalb einer Hochschule oder zwischen Hochschulen durchgeführt werden können.

Nachdenklich sollte in diesem Zusammenhang jedenfalls stimmen, dass Erfolgen bei der Drittmitteleinwerbung in anderen Wissenschaftsnationen bei weitem nicht die Bedeutung zugemessen wird wie in Deutschland. In anderen Ländern zählen Publikationen und Zitate durch die Fachkollegen weitaus mehr als Erfolge bei der Akquise von Drittmitteln. Aber Dinge wie Reputation einer Hochschule, Anerkennung innerhalb der Fachwelt, Wirkung von Forschungsergebnissen sind halt schwer feststellbar. Da hat man es sich in Deutschland mit den Kennzahlen aus dem Drittmittelbereich als Indikator für wissenschaftliche Leistungsfähigkeit recht leicht gemacht!

Ausufernde Bürokratie im Drittmittelbereich

Viel schwerer als die Fixierung auf den Mitteleinsatz und nicht auf die Forschungsergebnisse wiegt allerdings, dass das Drittmittelwesen enorme Kräfte bindet, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden könnten. Soweit es um Drittmittel aus öffentlichen Kassen geht – und das sind etwa drei Viertel des Drittmittelaufkommens –, hat sich ein äußerst aufwendiges Antrags-, Bewilligungs- und Abrechnungsverfahren entwickelt, das kaum noch zu verantworten ist. Die Hochschulen, unter dem Druck, das Drittmittelaufkommen zu steigern, stellen mehr und mehr entsprechende Anträge. Die Drittmittelgeber, zum Beispiel verschiedene Bundesministerien, sehen sich einer Flut von Anträgen gegenüber, die sie natürlich nicht alle positiv entscheiden können. Auf die Ablehnung von Anträgen reagieren die Hochschulen dann wieder in der Weise, dass sie ihre Akquisitionsbemühungen noch verstärken. Eine für alle Beteiligten im höchsten Maße kräftezehrende und letztlich unsinnige Entwicklung.

Es kommt zu inhaltlichen Einflussnahmen auf die Forschung

Eine weitere negative Entwicklung ist darin zu sehen, dass die Forscher ihre Anträge so formulieren, dass sie möglichst den Vorgaben des betreffenden Förderprogramms oder dem wissenschaftlichen „Mainstream“ entsprechen. Dadurch erhöhen sie ihre Chancen, bei der Drittmittelakquise zum Zuge zu kommen. Wissenschaftliche Durchbrüche sind bei einem solchen taktischen Vorgehen jedoch nicht unbedingt zu erwarten. Für wirklich originelle oder risikobehaftete Forschungsansätze, die einen echten Erkenntnisfortschritt erbringen könnten, werden dagegen häufig keine Anträge gestellt, sie bleiben auf der Strecke. Am schlimmsten ist allerdings, dass die fähigsten Wissenschaftler, nämlich die Professoren, durch den Druck zur Drittmittelakquise ihrem Kerngeschäft, nämlich der Forschung, weitgehend entzogen werden. Sie verwandeln sich vom Forscher zum Wissenschaftsmanager, der nur noch administrativ im Drittmittelgeschäft tätig ist. Die eigentliche Forschungsarbeit wird dann von Nachwuchskräften betrieben.

Die Hochschulen sollten selbst über die Forschungsgelder entscheiden

Da ja die meisten Drittmittel aus öffentlichen Kassen stammen, es sich also um Steuergelder handelt, frage ich mich, was die ganze Beantragungs- und Bewilligungsbürokratie überhaupt soll. Ach so, der Bund darf die Hochschulen der Länder nicht unmittelbar finanzieren, er darf ihnen nur Geld für einzelne Projekte geben. Wenn nur aus finanztechnischen Gründen Anträge geschrieben werden müssen, sollte hier ganz schnell für Abhilfe gesorgt werden. Das Verbot der direkten Hochschulfinanzierung durch den Bund müsste beseitigt werden, entsprechend große parlamentarische Mehrheiten stehen derzeit ja zur Verfügung. Es wäre doch so viel einfacher, den Hochschulen die entsprechenden Mittel direkt zukommen zu lassen. Dann könnten sie in eigener Regie entscheiden, welche Forschungsvorhaben in welchem Umfang mit Geld unterstützt werden sollten. Die Wissenschaft weiß schließlich besser als jeder Mittelgeber, welche Themen vorrangig angepackt werden sollten. Allerdings müssten sich die Hochschulen dann stärker um die Qualität und die Ergebnisse der Forschungsarbeit kümmern, um finanziell die richtigen Schwerpunkte setzen zu können.

Man mag sich gar nicht vorstellen, liebe Leserinnen und Leser, wie viel Arbeit und wie viele Steuergelder durch eine solche Reform gespart werden könnten und wie sehr die Wissenschaft davon profitieren würde. Darauf hofft unverdrossen


Ihr
Gotthilf Steuerzahler

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