Mittwoch, 16. Juli 2014

Deutschland, mach dich locker!

von Tomasz M. Froelich
Die deutsche Nationalmannschaft hat in den letzten Wochen nahezu alles richtig gemacht. Sie glänzte in sportlicher Hinsicht - der Lohn: die Weltmeisterschaft. Dabei spielte sie nicht nur gut, sondern auch fair. Ein seine unterlegenen Gegner tröstender Bastian Schweinsteiger wurde zum Sinnbild des Fair Play. Und auch außerhalb der Stadien verhielt sich das DFB-Team professionell: Nach dem fulminanten 7-1 gegen Brasilien bedankten sich Neuer & Co in deutscher und portugiesischer Sprache bei den Gastgebern für ihre Gastfreundschaft, besuchten zudem örtliche Schulen und hielten Kontakt zu den ansässigen Indianer-Stämmen. Das brachte dem DFB-Team im In- und Ausland große Sympathien.

Eigentlich ein Grund zur Freude, wären da nicht die notorischen Nörgler, die alle zwei Jahre zur Fußball-Welt- oder Europameisterschaft hervorkriechen: Fußballallergiker, häufig mit zwei linken Beinen zur Welt gekommen und deshalb mit einem natürlichen Groll gegen alles, was mit Ball und Leder zu tun hat; und Antideutsche mit linkem Hirn, bei denen sich im Laufe einer WM Minderwertigkeitskomplexe und Wut ansammeln, da sich keine Sau für deren Geschwafel, das sie selbst als hyperintellektuell erachten, interessiert.

Wie die Geier sehnten sich beide - Fußballallergiker und Antideutsche - ein schnelles Ausscheiden des DFB-Teams herbei, damit die WM-Euphorie, von der sie ausgeschlossen waren, endlich ihr Ende nimmt. Nun ja: Dumm gelaufen! Das DFB-Team legte sportlich und menschlich einen tadellosen Auftritt hin. 

Und dann das: Auf der Siegesfeier mit 500.000 Fans am Brandenburger Tor geben die neuen Weltmeister Weidenfeller, Mustafi, Schürrle, Klose, Götze und Kroos den ,,Gaucho-Tanz'' zum Besten: Die unterlegenen Argentinier veralbern sie mit buckligem Gang und Gesang - ,,Die Gauchos, die gehen so'' -, um daraufhin dann aufrecht zu gehen und ,,Die Deutschen, die gehen so'' zu singen. Fußball-Folklore halt, die man witzig finden kann, oder auch nicht. In jedem Fall sollte man da drüber stehen.

Den Fußballallergikern und Antideutschen ist das freilich egal. Sie wittern ihre große Chance, um die WM-Euphorie zu kippen. Der ,,Gaucho-Tanz'' sei eine ,,kriegergleiche Überhöhung des eigenen Selbst'', so die ,,taz''. ,,Spiegel Online'' ist über die ,,Verhöhnung'' empört und selbst die ,,FAZ'' schließt sich dieser Kritik an. Die BestmenschInnen bezeichnen den ,,Gaucho-Tanz'' sogar als rassistisch.

Dies zeigt nur, wie weltfremd die meinungsbildenden Medien in diesem Land sind. Niemand, der jemals einen Fußballplatz betreten hat, wird sich über diesen Singsang ernsthaft aufregen können. Er gehört zum Fußball fast genauso, wie das Amen in die Kirche. Wenn aber politisch korrekte und weichgespülte Journalisten, die offensichtlich noch nie einen Fußballplatz betreten haben, plötzlich über Fußball schreiben, kann nur Mist dabei rauskommen.

Die Argentinier stören sich jedenfalls nicht am ,,Gaucho-Tanz''. Sie haben während des Turniers selbst ordentlich ausgeteilt, feierten etwa das Ausscheiden ihres Erzrivalen Brasilien und die Verletzung des brasilianischen Starspielers Neymar. Wer austeilt muss auch einstecken können. Wie die Argentinier.

Ein aufmerksamer Facebook-Nutzer fragte bei einem Argentinier nach, was seine Landsleute denn so vom ,,Gaucho-Tanz'' halten. Die Antwort:

,,Die Deutschen haben ein Lied für uns gemacht. Das bedeutet, dass sie uns als starke Gegner ansehen, ähnlich wie wir die Brasilianer. Wir singen doch selbst Lieder über alles mögliche. Wir empfinden das nicht als beleidigend, sondern als ausgelassen und witzig. Die Deutschen werden sonst als nicht besonders lustig und als etwas fantasielos wahrgenommen. Es fehlt ihnen an echter Leidenschaft. So gesehen wird es hier sicher vereinzelt als abwertend betrachtet. Aber es ist egal, weil wir halt verloren haben und das jetzt aushalten müssen. Es wird die Gelegenheit kommen, da wird es genau anders herum sein und wir werden Lieder über sie singen, die sie dann aushalten müssen. Es sind sie selbst, die sich - wohl aus kulturellen Gründen - als aggressiv betrachten. Vielleicht wegen ihrer historischen Bürde oder weil sie normalerweise sehr höflich und gefasst sind, der ,,Gaucho-Tanz'' hingegen eher etwas war, was wir Latinos normalerweise machen. Er war lustig. Wir lachen uns über alles schlapp: über alles und jeden und über uns selbst. Zusammengefasst: Da ist nichts Schlimmes dran. Das Einzige, was die Deutschen noch lernen müssen, ist mehr Spaß und Leidenschaft zu haben."

Die Spaßbremsen versuchen dagegen anzukämpfen. Erfreulich ist, dass es ihnen scheinbar nicht (mehr) gelingt. Die Menschen haben Spaß - trotz der Spaßbremsen. Gut so.

Kommentare:

  1. Es wird immer schnappatmiger, Sarrazin, Höhler, Henkel, Pirincci - die Schweigespirale läuft nicht mehr so rund wie ehedem. Kissler hat das Phänomen des Deutungshoheitsverlustes in der SZ sehr feinsinnig aufgespürt. Im übrigen bin ich als Libertärer nicht uneingeschränkt dafür dem Stammtisch die Lufthoheit zu überlassen. Aber wenn rechter Stammtisch und linker Elfenbeinturm gleich lange Spieße bekommen, dann könnte aus dem Gleichgewicht des Schreckens so etwas wie eine halbwegs liberale Gesellschaft erwachsen. Die kulturelle Hegemonie von 68 ff. gerät ins Wanken, Gaucho-Gate erweist sich gerade als Rohrkrepierer als Wetterleuchten für eine neue Zeit. Das Ende von Inferiorität und Leisetreterei, Genscherismus und Musterknabenmentalität als Staatsraison. Kein Rechtsruck, sondern eine längst überfällige Lockerungsübung, leichtfüßig und behende wie Super-Mario vor 3 Tagen. Die diskutierende Klasse schießt schon lange keine Tore mehr, aber seit 2 Jahren kassiert sie auch noch welche.

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  2. "Das Einzige, was die Deutschen noch lernen müssen, ist mehr Spaß und Leidenschaft zu haben."

    Glaub ich nicht, dass wir das noch lernen müssen. Kann man die paar Spaßbremsen nicht einfach ignorieren?
    Aber nein, da muss man extra vor lauter Selbstzweifel bei den Argentiniern auf Facebook nachfragen, was sie davon halten. Und schwups ist das Klischee des freudelosen Spießerdeutschen wieder bedient.
    Das einzige, was die Deutschen noch lernen müssen, ist, die Spaßbremsen einfach mal links liegen zu lassen.

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  3. Reichsfreiherr Fröhlich16. Juli 2014 um 17:48

    Menschen tagtäglich aufgrund ihres Geburtsortes seltsamen Kollektiven unterwerfen, sie im Namen ihres vermeintlichen "Volkes" kontrollieren, besteuern, verheizen - voll ok.
    Sich selbst diesem Kollektiv völlig unterordnen, "du bist nichts, dein "Land" alles", den "Gesetzen des Landes gehorchen", als dessen Teil man sich fühlen soll, sein Leben gegebenenfalls für diese Illusion hingeben - voll hip.
    Andere Menschen aufgrund dieser willkürlichen Kollektivordnung auch gegen ihren Willen unterscheiden, kontrollieren, einpferchen - womöglich unschön, aber gehört halt dazu.

    Einen billigen Witz auf Basis solcher Kollektivbegriffe reißen - Tabubruch!

    Im übrigen ist die Empörung selbst nationalistische als jedes Hohnlied es sein könnte: "Wir Deutschen", heißt es, seien "durch die Lehre der Geschichte über solche Geringschätzungen hinaus." Billige Heuchelei. Auch Respekt vor anderen "Nationen" ist Nationalismus, moralische Überheblichkeit widerlicher als jeder Spott.

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  4. Fußball interessiert mich schlichtweg nicht!

    Und jetzt?
    Muss ich da dann trotzdem gefühlsbesoffen durch die Straßen torkeln?

    Nach "wir sind Papst" und "wir sind Astronaut" nun "wir sind Weltmeister"?

    Wenn mich schon der sachliche Umstand nicht interessiert, soll es mich also interessieren, weil es schließlich "deutsch" ist? Mag sein, aber was nützt es Deutschland oder mir am Ende des Tages? Garnix, im Gegenteil. Die zufriedenen schwarz-rot-goldenen Schafe kann man nunmehr noch leichter scheren.
    Gruß, AD

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  5. ,,Fußball interessiert mich schlichtweg nicht!

    Und jetzt?
    Muss ich da dann trotzdem gefühlsbesoffen durch die Straßen torkeln?''


    Nein! Das fordert doch niemand!?


    ,,Wenn mich schon der sachliche Umstand nicht interessiert, soll es mich also interessieren, weil es schließlich "deutsch" ist? Mag sein, aber was nützt es Deutschland oder mir am Ende des Tages? Garnix, im Gegenteil. Die zufriedenen schwarz-rot-goldenen Schafe kann man nunmehr noch leichter scheren.''


    Der eine ist glücklich über den Titel, dem anderen ist es egal. Ist ja auch in Ordnung so. Und ob man die Schafe nun noch leichter scheren kann - geht das überhaupt?

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  6. Es war wohl eher eine Reaktion auf Ballotellis EM-Tor gegen Deutschland bzw. dessen aufrechter Haltung danach und dann wird gern unterschlagen, dass Boateng unter dem Jubel der Massen ruft "Ich bin Stolz ein Berliner zu sein". Weniger nationalistisch kann man sich kaum präsentieren, wenn man gerade die Fußball-WM gewonnen hat.

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  7. "Der mit dem Begriff „Gauchogate“ unstatthaft verniedlichte argentinierfeindliche, diskriminierende und ewiggestrige Tanz der deutschen Fußballnationalmannschaft auf der Berliner Fanmeile sollte für künftige Auftritte der unbelehrbaren Truppe Konsequenzen haben. Ich schlage vor, dass deutsche Siege fortan nicht mehr bejubelt, sondern mit Kranzniederlegungen im gegnerischen Strafraum geahndet werden. Statt mit sinnlosen Spielerdaten zu hantieren, sollten TV-Moderatoren nach deutschen Treffern das Publikum über die sozialen Probleme im Land des Konkurrenten informieren. Nach einer gewonnen Partie möge sich fortan jeder deutsche Akteur bei seinem Gegenspieler entschuldigen. Fällt ein deutscher Sieg mit mehr als zwei Toren Unterschied aus, soll der DFB Soforthilfen für die Opfer und ihre Angehörigen organisieren. Hat sich die deutsche Nationalmannschaft für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifiziert, durchläuft jeder Kicker ein Antidiskriminierungsprogramm. Ab dem Viertelfinale wird in allem TV- und Radiosendern jede zweite Stunde die Hymne des Gegners gespielt, im Halbfinale jede Stunde. Erreicht Deutschland das Finale, lernen die Kinder die Hymne des Endspielgegners an der Schule auswendig, Boateng, Khedira und Özil singen sie vor dem Finale im Stadion mit. Nach einem gewonnenen Turnier bildet die Bevölkerung auf den Straßen Lichterketten der Solidarität mit den Besiegten. Auf öffentlichen Plätzen und in den evangelischen Kirchen werden die Namen der unterlegenen Spieler verlesen. Die Fahnen vor offiziellen staatlichen Einrichtungen sind auf Halbmast zu setzen. Die Frauenfußballnationalmannschaft kann als Klagechor verwendet werden." - Michael Klonovsky

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