Donnerstag, 5. Juni 2014

Kontrollsucht, Planwirtschaft - meine Sicht auf die ,,moderne" Stadt

von Tommy Casagrande
Betrachtet man sich die sogenannte ,,modern'' Stadt, so fällt auf, wie kontrolliert sie aussieht. Jedes Gebäude, jede Straße, jede Einkaufszone, sogar die Farben und letztlich noch vieles mehr. Es gibt ein anderes Wort für das, was wir an den ,,modernen" Städten sehen können: Planung. Kreativlosigkeit, Fantasielosigkeit, Kommerzialismus, Gleichheit, das Gefühl durch eine Maschine zu wandern, ein Raumschiff, bei dem es nur noch auf die Funktionen ankommt, die so gerne voneinander getrennt werden. Auch das verfolgt der Plan, wenn es nicht aus ihm heraus resultiert.

Es hat oft den Eindruck als seien alle Menschen nach gewissen planerischen Vorstellungen kanalisiert, gelenkt und in Wahrheit somit besser kontrolliert. Die Büromenschen fahren durch Korridor A, die Einkaufsmenschen durch Korridor B, die Wohnmenschen in Mietwohnungen benutzen Korridor C usw. Eine Stadt, durchzogen von Korridoren, um die Kontrolle zu bewerkstelligen. Eine Stadt als Ergebnis der Planung. Die Vorstellung einer quirligen, urbanen, quietschlebendigen, chaotischen, unkontrollierbaren, ungeplanten, spontanen, natürlich, individuell und frei gewachsenen Stadt, passé. Wie hoch Gebäude sein dürfen, wie viel Sonnenlicht auf die Straße fallen darf, wie viel Wind durch die Gebäudehöhen an den Balkonen vorbeiziehen soll, welches Stück Land für welche Nutzung vorgesehen ist, nichts davon entsteht durch freie Verträge. Alles ist behördlich geregelt, geplant und somit kontrolliert. 

Genau so sieht es dann auf der Welt auch aus. Die Menschen suchen immer wieder die natürlich gewachsenen, quirligen Orte auf, die nach und nach abgerissen werden, weil neue Planungen das vorsehen. Besonders in China. Aber natürlich auch im Rest der Welt. 

Es gäbe so vieles, an dem man sich stören könnte, wenn nicht Planämter und behördliche Gesetze bestimmten, wie die Stadt auszusehen und sich zu entwickeln hätte. Bunte Fassaden, jeder der will hinge eine Neon-Leuchtreklame auf seinem Gebäude hin, die Menschen würden den Straßenraum schmücken wie es ihnen passte, Märkte würden alles mögliche anbieten, bei Tag und bei Nacht. Das wäre einfach nur chaotisch, ungeplant und unkontrolliert. Schrecklich für viele. Darum lieber nur noch Straßen wo Autos durchfahren um von A nach B zu kommen, sogenannte Durchzugskorridore. 

Was die architektonische Vielfalt anbelangt, so fange ich da wohl besser gar nicht an. Wer sich für Neubauprojekte interessiert, merkt oft einen Unterschied zu dem Rest, den die Fantasie und die Vorstellungsgabe erlauben würde. Er merkt einen Unterschied zur verschnörkelten Verspieltheit mancher Hippie-Vorstellungen, oder derer, die früher gebaut und heute oft bewundert werden. Ich ertappe mich immer wieder bei der inneren Sehnsucht, die Neubauten verändern zu können und hätte die tiefe innere Gewissheit, dass es stets eine Verbesserung auch in den Augen vieler anderer Betrachter wäre. Aber Sterilität ist das Dogma. So als hätte man Angst davor, einer Fassade verschiedene Dimensionen und Facetten der geometrischen Figuren zu geben. Schon der Österreicher Albert Loos meinte, dass das Ornament ein Verbrechen gewesen sei. Dadurch hätte das deutsche Volk seine Moral verloren und staatlich erzwungenem Kollektivismus anstelle von Individualismus den Vorrang gegeben, bei dem gewisse Bevölkerungsgruppen das Nachsehen hatten, gelinde gesagt. 

Dass dies nun der Grund dafür sein soll, schmucklose Gebäude zu errichten halte ich für falsch. Mit Sicherheit handelt es sich hierbei um ein multifaktorielles Problem. Aber da dieses Loos-Zitat immer wieder aufgewärmt wird, muss man es als Unsinn abtun. Natürlich hat die Gestaltung der Umwelt keinen Einfluss auf moralische und ethische Überzeugungen. Menschen haben entweder moralische und ethische Überzeugungen, oder sie haben diese nicht. Dies sind jedoch Fragen, die sich auf den Verstand beziehen. Weder kann eine spezifische architektonische Umwelt einem Menschen moralische und ethische Überzeugungen geben, noch sie nehmen. 

Ich sehe die gebaute Umwelt, in der ich lebe, sehr kritisch. Ich sehe auch jene gebaute Umwelt sehr kritisch, in der ich nicht lebe und die sich weit entfernt von mir abspielt. Die gebaute Umwelt ist immer ein Produkt staatlicher Zwänge und der jeweiligen individuellen Freiheiten, die übrig bleiben. Und wenn sich dieses Verhältnis zuungunsten der individuellen Freiheit und zugunsten der behördlichen Planwirtschaft verschiebt, so ist erkennbar (jedenfalls für mich), dass die Städte lebloser, kontrollierter, weniger chaotisch, künstlicher aussehen. Und wenn man vielen Menschen zuhört, hört man eigentlich sehr oft, dass sie gegenüber ,,modernen" Bauten und Stadtbildern oft sehr kritisch sind. 

Soll sich jeder seine eigenen Gedanken darüber machen. Vielleicht habe ich helfen können, sich die gebaute Umwelt einmal ein wenig intensiver anzusehen.

1 Kommentar:

  1. In Minecraft kann man bauen wie man will. Man kann auch mitten in der Stadt eine Mine bauen. Kein Wunder dass so viele Leute in die Traumwelt flüchten...

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