Montag, 19. Mai 2014

Was machen eigentlich ... meine Steuergroschen? Staatliche Hochschulen zahlen Wucherpreise für Fachzeitschriften

Wo sind sie nur, meine Steuergroschen?
von Gotthilf Steuerzahler
Liebe Leserinnen und Leser,
können Sie sich vorstellen, dass jemand mit hohem Aufwand ein wertvolles Produkt herstellt, es anschließend verschenkt, um es dann für viel Geld von dem Beschenkten wieder zurückzukaufen? Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder, jahrelang. Sie haben recht, solch ein Verhalten kann man sich nicht vorstellen, so dumm kann doch niemand sein.

Aber halt, in unserem aus Steuergeldern finanzierten Wissenschaftssystem läuft genau so ein Mechanismus ab: Man erstellt Texte, gibt sie umsonst an einen Verlag, von dem man sie dann für teures Geld in gedruckter Form wieder zurückkauft. Da steht natürlich die Frage im Raum, wie sich solch ein absurdes Verhalten entwickeln konnte. 

In den staatlichen Hochschulen forschen Tausende von Wissenschaftlern, von denen erwartet wird, dass sie die Ergebnisse ihrer Forschungstätigkeit veröffentlichen. Der Druck zum Publizieren ist groß, denn von den Veröffentlichungen hängt in der Wissenschaft der berufliche Erfolg – Karriere, Status, Einkommen – in hohem Maße ab.
Die Wissenschaftler schreiben also Aufsätze, schicken die Texte an eine renommierte Fachzeitschrift und hoffen, dass ihre Forschungsergebnisse möglichst bald veröffentlicht werden. Für ihre Manuskripte erhalten die Wissenschaftler nicht etwa ein Honorar, sondern müssen froh sein, wenn nicht noch einen Druckkostenzuschuss bezahlen müssen. Der Wissenschaftsverlag lässt die Qualität der eingereichten Manuskripte prüfen, und zwar von anderen Hochschulbediensteten, die für ihre Begutachtung ebenfalls kein Honorar erhalten. Eine Überarbeitung durch Verlagslektoren findet kaum noch statt, die Manuskripte müssen druckfertig eingesandt werden.

Fachzeitschriften kosten so viel wie ein Kleinwagen

Und dann druckt der Verlag die Texte und versendet sie an die Abonnenten der Fachzeitschriften. Das sind die Hochschulbibliotheken, die für viel Geld das erwerben, was ihre eigenen Wissenschaftler verfasst haben. Mit anderen Worten: Die Wissenschaftsverlage lassen sich das Drucken und Vertreiben ihrer Fachzeitschriften fürstlich bezahlen, obwohl sie dem Produkt kaum etwas Wertsteigerndes hinzufügen.

In den letzten Jahren hat überdies eine Preisexplosion im Bereich der wissenschaftlichen Zeitschriften stattgefunden. Die großen Wissenschaftsverlage haben erkannt, dass sie auf eine Goldader gestoßen sind und drehen deshalb gnadenlos an der Preisschraube. Bei vielen wissenschaftlichen Zeitschriften sind inzwischen Preissteigerungen von jährlich zehn Prozent üblich geworden. Bei einigen Zeitschriften aus dem Bereich der Naturwissenschaften könnte man sich für die Kosten eines Jahresabonnements einen schönen Kleinwagen kaufen. Die Hochschulbibliotheken reagieren auf diese Preisexplosion, indem sie weniger nachgefragte Zeitschriften abbestellen, um sich die teuren überhaupt noch leisten zu können. Inzwischen geht schon mehr als die Hälfte der Bibliotheksetats in die Beschaffung von Zeitschriften. Dem Vernehmen nach sollen die großen Verlage, die den Markt der wissenschaftlichen Zeitschriften beherrschen, traumhafte Umsatzrenditen erzielen.


Hochschulen sollten auf elektronische Zeitschriften ausweichen

Da fragt man sich doch, warum es sich die staatlichen Hochschulen seit Jahren gefallen lassen, dass sie beim Bezug von wissenschaftlichen Zeitschriften finanziell so über den Tisch gezogen werden, für Inhalte, die sie selbst geliefert haben. Nun, in den letzten Jahren hat sich Widerstand im Wissenschaftssystem formiert, ohne dass sich allerdings bisher viel geändert hat. Unter der Überschrift „Open Access“ gibt es Bestrebungen, wissenschaftliche Texte über das Internet zu verbreiten, ganz ohne Verlage. Leider haben sich elektronische Zeitschriften, die von den Wissenschaftlern selbst verantwortet werden, bisher nur in geringem Umfang durchgesetzt. Es fehlt vielfach an der technischen Infrastruktur, die von den Hochschulen bereitgestellt werden müsste. Auch dauert es lange, bis sich eine elektronische Zeitschrift in der Fachwelt durchsetzt und ein ähnliches Prestige genießt wie die traditionsreichen gedruckten Zeitschriften.

Da ist es für die Wissenschaftler doch viel bequemer, ihre Manuskripte weiterhin bei den renommierten Wissenschaftsverlagen einzureichen und sich wegen der Kostenexplosion im Bibliotheksbereich keine Gedanken zu machen. Deshalb, liebe Leserinnen und Leser, wird es noch lange dauern, bis die goldenen Zeiten bei den Wissenschaftsverlagen vorbei sind. Einstweilen genießen sie unverändert ihre Traum-Renditen, dank der Trägheit des Wissenschaftssystems und mit Hilfe unserer Steuergelder, sagt bekümmert


Ihr
Gotthilf Steuerzahler






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