Donnerstag, 22. Mai 2014

Über die Zerstörung der urbanen Stadt - meine Sicht

von Tommy Casagrande
Ich liebe Städte, ich liebe Urbanität. Mir gefallen die Straßenbilder asiatischer Städte, die voll sind von Leben, das sich draußen abspielt. Leuchtende Reklameschilder, die an den Häuserwänden angebracht sind, eine Vielzahl kleiner Läden, durch die sich stundenlang bummeln und flanieren lässt, Straßenzüge mit blühenden Märkten und das Treiben der Menschen, die sich dort tummeln. Bunt, eng und urban. So war es einst auch in den USA. Sogar in Europa war das einmal ausgeprägter. Doch es hat eine ideologische Wende stattgefunden. Zumindest geht sie mit diesem Phänomen einher, welches ich beschreiben möchte.
Einkaufszentren auf der grünen Wiese; große Bauprojekte mit steril-monotoner, emotionsarmer, rein auf Funktionalismus ausgerichteter Fassadengebung; Neubaugebiete, die zwar vollmundig vermarktet werden, in denen sich aber kein buntes, urbanes Leben entwickelt, wie man es aus gewachsenen Stadtvierteln kennt; die Filialisierung der Erdgeschosszonen bei gleichzeitigem Leerstand, Rückgang und Verfall von nicht filialisierten Läden;  die Verdrängung der Menschen aus dem Straßenbild hinein in die Konsumtempel; die funktionale Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit mit dem Einhergehen weiterer Anfahrtswege und all ihren damit verknüpften Infrastruktur-, Erhaltungs- und Mobilitätskosten, sowie dem optischen Erscheinungsbild von Schlafstädten auf der einen und lieblosen, austauschbaren Konsumschachteln auf der anderen Seite; die Cleanisierung des Straßenbildes, bei dem alles optisch Rustikale, Bunte, Schräge, Individuelle glattgebügelt und sterilisiert wird, wodurch aus ehemals charakteristischen Einkaufsstraßen letztlich austauschbare Straßenzüge werden, die zu weiterem Kahlschlag und Experimentieren einladen; die Ökologisierung des Straßenbildes durch anti-urbane Wiesenstreifen, die jedem urbanen Raumgefühl spotten - wo einst Baumalleen auf engen Gehwegen vor kleinen Geschäften gedacht wurden, darf man sich über grüne Wiesenstreifen "erfreuen", die zur Hundewiese gereichen, während dahinter ein monofunktionaler Bau das Erscheinungsbild nicht aufbessert; monofunktionale Gebäude, durch welche die Vermischung der einzelnen Funktionen gestört wird - reine Bürobauten, reine Wohnbauten, reine Konsumbauten wirken emotionslos und erwecken den Eindruck, es ginge nicht darum, der Stadt ein Lebensgefühl zu geben, sondern den Raum zu benutzen, um seine Gewinne optimal zu erwirtschaften; Asphaltwüsten in denen hauptsächlich Autokolonnen durchrollen, aber keine Aufenthaltsräume für fußgehende Menschen zu finden sind werden so geschaffen.

Aus meiner Sicht heraus würde es zur Zerstörung der Stadt als urbanen Lebensraum kommen, wenn diese Entwicklung alles unter sich begräbt. Heutzutage gibt es Bürgerinitiativen, die versuchen, Einfluss auf den Staat zu nehmen, um all diesen Wahnsinn zu beenden, doch der Glaube an den Staat ist hier das Problem. 

Die meisten Menschen sind unzufrieden mit dem Architekturstil, der "modern" genannt und ihnen vorgesetzt wird. Die meisten Menschen sind unzufrieden mit dem Städtebau, der ebenfalls "modern" genannt wird. Den meisten Menschen gefällt vieles nicht, was gebaut und ihnen als Umwelt verkauft und angeboten wird. Das ist ein gutes Indiz dafür, dass es keinen Markt für die Bedürfnisse dieser Menschen gibt. Es scheint also so zu sein, als wären viele Menschen der Unmöglichkeit ausgesetzt, etwas zu verändern, zu gestalten, zu erschaffen, das ihnen gefällt. All zu oft scheint es, als würden immer die selben stets das selbe entwerfen, planen und vorsetzen, was vielen wiederum nicht gefällt. Das führt zum ersten Problem, dem ich weitere Punkte anschließen werde, wie ich sie meine, erkannt zu haben.

1. Planwirtschaft funktioniert nicht. Das gilt auch für Architektur und Städtebau.

2. Lizenzierte Architektur, lizenzierter Städtebau führt dazu, dass nur wenige daran beteiligt sein können. Derart ist die Gefahr groß, dass architektonische oder städtebauliche Ideologien die Vorherrschaft über eine gewisse Zeit erlangen und anders geartete Geschmacksrichtungen keinerlei Abnehmer für ihre Ideen finden. 

3. Monofunktionale Gebäudetypen zollen ihren Tribut. Menschenleere Straßen, oftmals weitere Anfahrtswege und die Kosten für Infrastruktur, Erhaltung und Mobilität.

4. Die staatlichen Eingriffe in den Arbeitsmarkt und in das Geld sowie die Zertifizierung des Bildungswesens sorgen dafür, dass nicht jeder an jedem Ort sein Geschäft machen kann. Tausch und Austausch der Menschen wird reguliert, lizenziert, kontrolliert, zensiert. Auch die Besteuerung ist ein Bestandteil des Problems. Alles in allem werden Angebot und Nachfrage durch staatliche Eingriffe von einem Zustand, wie er sich staatenlos, im natürlichem Gleichgewicht, welches organisch und dynamisch wäre, entwickeln würde, entfernt. Derart verzerrt entsteht eine Tendenz der Filialisierung. Große Ketten leisten sich die mit zunehmender Staatstätigkeit einhergehenden Kosten, während kleine, individuelle Anbieter um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen und nicht selten verlieren. Auch die durch staatliche Eingriffe verursachte Abnahme des materiellen Wohlstandes in der Masse der Menschen führt zwingend zu einer Abnahme der Konsumgüter und damit zu einer Abnahme der Einkaufsmöglichkeiten, weil Angebot und Nachfrage aufeinander Bezug nehmen. In diesem Kontext betrachtet, kann ein Einkaufszentrum durchaus dazu führen, manche Einkaufsstraßen ausbluten zu lassen. Doch ist dabei das Einkaufszentrum nur ein Phänomen, eine Antwort auf die Entwicklungen, die durch staatliche Eingriffe vorangegangen sind. Es verbieten zu lassen wäre darum falsch. 

5. Die Ideologie des Funktionalismus, des Sterilismus, der getrennten Funktionen menschlicher Aktivitäten ist ein Problem, wenn sie in einem Kontext gelehrt und propagiert wird, in dem Alternativen nicht geduldet werden oder wo die Umsetzung einer Alternative nur dann zustande kommt, wenn sie selbst ideologisch nach jenem Thron strebt, der seinerseits Alternatives ausschließt, auf dem die gegenwärtige Ideologie thront. Wichtiger jedoch als die Ideologie erachte ich die ökonomischen und gesetzlichen Umstände, unter denen Menschen leben und handeln. Diese sind staatlich verzerrt und nicht frei. Aufgrund dieser individuellen Unfreiheit muss die Ursache für die Entwicklung der Entemotionalisierung der Städte in staatlichen Gesetzgebungen gesucht werden. 

Die Fragen sind: Welche staatlichen Eingriffe führen zu einer Filialisierung der Straßenbilder? Welche führen zu einer Abnahme individueller Gestaltungen des Straßenbildes? Welche führen zu einer Trennung des städtischen Lebens in getrennt funktionale Räume? Welche haben bewirkt, dass einst kleinteilige, heutzutage jedoch große Komplexe mit monotoner Fassade gebaut werden? Welche führten dazu, dass sich der heutige Baustil krampfhaft von dem unterscheidet, dem viele Menschen nachtrauern, wenn sie abgerissen werden? Oft sind es mehrere Antworten, die in Kombination auftreten. Dies muss bewusst sein. Es ist selten ein einziger Eingriff als Wirkung ursächlich. Oft ist es das Zusammenspiel verschiedener staatlicher Eingriffe, die derartige Phänomene hervorbringen. 

Wichtig: In einer auf Freiwilligkeit vergesellschafteten Stadt kann es durchaus eine Vorliebe für Einkaufszentren, sterile Gebäudetypen, monofunktionale Stadträume und filialisierte Straßenbilder geben. Allerdings habe ich noch niemanden kennengelernt, bei dem dies der Fall war. Sieht man sich die Reisemotive vieler Menschen an, so sind es immer wieder belebte Straßenszenen oder die unberührte Natur, die man aufsucht. Eine Vermischung von beidem führt nur bei wenigen zur Erregung. Doch auch ihnen sei es zugestanden. Jedoch zeigt sich an den Unkenrufen vieler Menschen, dass die Welt, wie sie gebaut wird und die Bedürfnisse, die in ihnen wohnen, auseinander driften. Das gilt für vieles andere im Leben genauso und ist stets ein Indiz für die Verstaatlichung der menschlichen Lebensbereiche. Angebot und Nachfrage werden nicht gedeckt. 

1 Kommentar:

  1. Religiöser Geistheiler23. Mai 2014 um 16:21

    Es muss eine Regionalisierung geben. Zudem kann das gesamte Wirtschaften in nur 30 Jahren 4-mal einfacher werden, u. a. durch 1-l-Autos. Bei der Europawahl wird die AfD über 5 % bekommen. Es wird eine rechtskonservative, nicht-grüne Ökopolitik etabliert.

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