Dienstag, 20. Mai 2014

Fragen über die konkrete Umsetzbarkeit libertären Lebens

von Stefan Blankertz
Frage: ,,Wie ist es denn konkret umsetzbar, wenn ein Libertärer sich aus dem System herausnehmen und z.B. auf vertraglicher Basis die Dinge regeln wollte? Wie ist also eine konkrete Umsetzung möglich (und wie sieht sie aus), wenn man den Etatisten ihre Demokratie lässt, aber einige Personen könnten austreten und spielten da nicht mit?" 

Die Fragen nach der "konkreten Umsetzbarkeit" sind immer knifflig, denn, wie ich, Adorno folgend, behaupte, sie tendieren dazu, die Praxis die Theorie regieren zu lassen und damit auf das Bestehende festzunageln. Selbstredend kann ich als Literat mir einige Szenarien ausdenken. In einer Diskussion würde ich zunächst nach den Rahmenbedingungen fragen: Gesteht der Staat das Austrittsrecht zu? Wird es zu einem Grundrecht? Dann gibt es da eine Reihe von möglichen Antworten. Oder gibt es einen Kampf, eine Revolution? Das wären ganz andere Ausgangsbedingungen. 

Es ist auch ganz klar, dass ein Staat, der jedem Bürger ein Austrittsrecht zugesteht oder dem ein solches abgerungen wird, kein Staat im Sinne der anarchokapitalistischen Theorie mehr ist. Die frühere staatliche Organisation wird zu einer privatrechtlichen, nicht-monopolistischen Organisation. Das ist wie bei der Privatisierung der deutschen Post bezogen auf Telekommunikation: Das Monopol wurde aufgehoben, aber jeder Bürger konnte weiter Kunde der aus der Post hervorgegangenen Telekom bleiben, ohne dass er etwas spezielles unternehmen musste. Wenn der Staat so insgesamt verfahren würde, hieße das, dass alle, die nichts anderes entscheiden, weiter die bisherigen Steuern als Mitgliedsbeitrag abführen und dafür bestimmte Leistungen (Polizei, Schulen usw.) erhalten und in demokratischen Wahlen über die Leistung des Unternehmens abstimmen können. Inwiefern der Staat Austrittswilligen Teilangebote macht (du kannst aus dem Schulsystem austreten, aber den Polizeischutz weiter genießen) und wie er preislich damit verfährt, wäre dann seine freie Entscheidung. 

Wie gesagt, die Formulierung "wir lassen den Etatisten ihren Staat" ist in gewisser Weise ein propagandistischer Etikettenschwindel, denn es ist dann kein Staat mehr, wenn er das Austrittsrecht (ohne Standortwechsel) garantiert.

Kommentare:

  1. Diesen "Etickettenschwindel" nutze ich recht gern. Leider kommt aber oft, dass man ja heute schon jederzeit austreten könne. Man müsste nur auswandern...

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  2. Libertäres Leben ist (theoretisch) praktisch umsetzbar. Es ist Praxis pur, in dem Sinne, dass es keine formalen Institutionen kennt, die nicht durch Praxis (akute und jederzeit widerrufbare Zustimmung) getragen werden. Alles ist Prozess.
    Aber Recht entsteht darin und daraus nicht. Recht und Staat sind zusammen wie Freiheit und Nichtstaat.

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  3. Religiöser Geistheiler20. Mai 2014 um 17:04

    Deutschland braucht eine rechtskonservative, nicht-grüne Ökopolitik. Es ist gut, dass die AfD über 5 % bekommt.

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    1. Was Deutschland braucht, ist: KEINE Politik und KEINE Parteien.

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  4. dann gilt leider das Recht der Stärkeren. Ich vergleiche das immer mit Fußball, ohne Schieds- und Linienrichter würde jede Mannschaft versuchen, strittige Situationen für sich zu deuten und auszunutzen. Wer würde schon ein Tor zugeben, wo der Ball nur knapp hinter der Linie war. Niemand! Ohne Schlichtungsstelle ist das Zusammenleben nicht organisierbar. Wer sich etwas mit dem Eigenleben der Investmentbanker in London auseinandergesetzt hat kommt zu dem Schluss, das selbst friedliebende Familienväter mit hohem moralischen Anspruch von der Gier überwältigt wurden - zum Schaden der Allgemeinheit, und zwar nicht zu knapp. Wie sehen hier die Antworten aus?

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  5. An meinen Vorredner:
    Natürlich würde die Mannschaft das zugeben. Ist schon bei kleinen Kindern so, die im Hof Fußball spielen. Sollte eine Mannschaft nicht zugeben, dass sie ein Tor kassiert hat, würde sie schlicht und ergreifend keine Gegner mehr finden, gegen die sie spielen könnte. Das spricht sich nämlich schneller rum, als einem lieb ist.
    Außerdem ist ja in der Anarchie durchaus die Etablierung einer Privatrechtsgesellschaft denkbar.
    Im gegenwärtigen System kommt der Bankster deshalb zu seinem Reichtum, weil ihm dies durch die Verklüngelung zwischen Big Government und Big Business möglich gemacht wird.

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  6. nein, der Investmentbanker macht dies aus Gründen der Anonymität. Es sind technische, abstrakte Mechanismen im Spiel, die Betroffnen sind weit weg. Soziale Hemmungen spielen somit eine untergeordnete Rolle, direktes Feedback bleibt aus. Die Kundenbeziehung steht im Hintergrund, der eigene Vorteil und zu erwartenden Boni sind hier greifbarer. Big Gov and Big Bus, nene, das ist mir zu einfach. Big Bus gäbe es auch ohne Gov: wer bitte strebt kein Monopol oder eine marktbeherrschende Stellung durch Informationsasymetrie an? Ich bin selbst Unternehmer und weiß wovon ich spreche, sich täglich der Konkurrenz auszusetzen, kann ganz schön anstrengend sein. Ich wüßte zu gerne, wie sich das von selbst regulieren soll.

    Kleine Kinder machen das - Fußballer, die um Millionen spielen oder wo es um einen Pott mit Prestige geht, garantiert nicht.

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