Samstag, 19. April 2014

Was machen eigentlich ... meine Steuergroschen? Der Staat und die Datenverarbeitung: Ein Trauerspiel

Wo sind sie nur, meine Steuergroschen?
von Gotthilf Steuerzahler
Liebe Leserinnen und Leser,

der Staatsapparat in Deutschland hat ein gebrochenes Verhältnis zur Datenverarbeitung: Man braucht sie, man arbeitet mit ihr, aber man kommt nicht gut zurecht mit ihr. Projekte zur Entwicklung und Einführung neuer Software legen immer wieder die Entscheidungs- und Kooperationsschwächen der öffentlichen Verwaltung bloß. Bei IT-Projekten der Polizei, der Justiz und der Finanzverwaltung, in welchen eine bundesweite Einheitlichkeit angestrebt wurde, sind diese Schwächen in der Vergangenheit besonders deutlich geworden.

Nun treten Probleme mit der IT selbstverständlich auch in der Privatwirtschaft auf. Dort müssen auftretende Schwierigkeiten aber schnell gelöst werden, sonst drohen finanzielle Verluste oder sogar der wirtschaftliche Untergang. Im Staatssektor besteht dieser existenzielle Druck nicht, mit der Folge, dass Probleme mit der Datenverarbeitung sich unendlich lange dahinschleppen.



Softwareentwicklung in der Finanzverwaltung ist ein Trauerspiel

Eines der größten staatlichen IT-Vorhaben, das nach langen Jahren des Siechtums schließlich abgebrochen wurde, war das Projekt FISCUS. Im Zuge dieses Projekts wollten Bund und Länder die Software-Unterstützung für die Finanzämter gemeinsam neu entwickeln, um sie dann in allen Bundesländern einheitlich einzusetzen. Gestartet wurde das Projekt FISCUS im Jahr 1992. Beendet wurde es im Jahr 2005, weil nach dreizehn Jahren Entwicklungsarbeit so gut wie keine einsatzfähigen Produkte für die Finanzämter fertiggestellt worden waren. Die Kosten des Projekts, das über Jahre hinweg erhebliche Programmierkapazitäten in der Finanzverwaltung band, betrugen annähernd 400 Millionen Euro!

Schon vor dem Jahr 2005 hatten einige Bundesländer die Geduld verloren, waren aus dem Projekt FISCUS ausgestiegen und hatten eigene Software-Lösungen entwickelt. Ausgehend von diesen Lösungen wurde nach dem Scheitern von FISCUS ein neuer Versuch gestartet, eine gemeinsame einheitliche Software für das Besteuerungsverfahren zu entwickeln. Im Juni 2005 beschloss die Finanzministerkonferenz das Vorhaben KONSENS. Ebenso wie bei FISCUS wird mit KONSENS das Ziel verfolgt, arbeitsteilig eine einheitliche Software für das Besteuerungsverfahren zu entwickeln, zu pflegen und einzusetzen. Das Vorhaben KONSENS scheint besser zu gelingen als FISCUS, jedoch sind auch hier nach fast zehn Jahren Entwicklungsarbeit die angestrebten Ziele bisher nur zum Teil erreicht worden.


Management-Wissen fehlt in der öffentlichen Verwaltung

Ursächlich für die lange Dauer von IT-Projekten der öffentlichen Verwaltung ist zum einen die Kompliziertheit der programmtechnisch umzusetzenden Vorgaben. Zum andern kranken die Projekte oft an der Vielzahl der zu beteiligenden Stellen und der daraus resultierenden zeitaufwändigen Abstimmungsprozesse. Vielfach werden auch die Organisationsstrukturen der Komplexität der Projekte nicht gerecht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es der öffentlichen Verwaltung regelmäßig an Management-Wissen fehlt, um anspruchsvolle IT-Projekte zum Erfolg zu führen. Durch die Länge der Entwicklungsarbeiten sind die Projekte technisch vielfach schon wieder veraltet, ehe sie zum Einsatz kommen, – wenn sie denn überhaupt fertiggestellt werden.

Mehr Markt und Verwaltungsreformen sind nötig

Die öffentliche Verwaltung kommt im Ergebnis nicht daran vorbei, Expertise zum Management komplexer IT-Projekte aufzubauen, wenn sie weiterhin IT-Projekte selbst durchführen will. Noch besser wäre es, verstärkt auf externes Wissen zuzugreifen, d.h. entsprechende Aufträge an kompetente Unternehmen zu vergeben oder sich marktgängige Software zuzulegen.

Was die Finanzverwaltung und deren IT-Vorhaben anbetrifft, sprechen die gemachten Erfahrungen sehr dafür, über eine einheitliche Bundesfinanzverwaltung nachzudenken. Letztlich resultieren viele Schwierigkeiten bei gemeinsamen IT-Projekten daraus, dass es einfach zu viele Bundesländer gibt, die ihre jeweiligen Besonderheiten programmtechnisch abgebildet sehen möchten. Auch wegen dieser Auswüchse des prinzipiell sinnvollen und wichtigen Föderalismus erscheint eine Reduzierung der Zahl der Bundesländer dringend geboten. Darauf, liebe Leserinnen und Leser, wartet seit Jahren

Ihr
Gotthilf Steuerzahler






Kommentare:

  1. Bin Softwareentwickler. Hab aber zum Glück nichts mit staatlicher Software zu tun.

    Ein Grund, warum staatliche Softwareprojekte ein solches Problem darstellen, ist meiner Meinung nach, dass sie sich nicht ordentlich objektorientiert programmieren lässt.

    Die Klassen bzw. Objekte in einem Softwareprojekt sollten sich möglichst nahe an den Subjekten und Gegenständen in der realen Welt orientieren.

    Bei staatlicher Software würde man zwangsläufig immer bei einem Gott-Objekt landen. http://de.wikipedia.org/wiki/Gottobjekt

    Gottobjekte sind richtig, richtig, gruselige und unwartbare Monster.

    Oder man hat dann ein vermaschtes Objektnetz, wo man dann praktisch nur die einzelnen Formulare oder Behörden modelliert.

    Beides ist nicht wirklich tragbar.

    Manchmal kann man schon fast dankbar sein, dass es dem Staat an Management-Know-How fehlt. Wär ja nicht auszudenken, wenn der Staat plötzlich effektiv rauben und überwachen würden...

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  2. Vielleicht ist es sogar so, dass verwirrte Staatsdenker ganz grundsätzlich keine Software modellieren können, weil man da einfach einen sauberen und ungeschönten Blick auf die Welt braucht. Die Staatsdenke ist da eher hinderlich als förderlich.

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