Montag, 17. März 2014

Wie die Libertäre Bewegung scheiterte

von Niklas Fröhlich
Die Libertäre Bewegung hatte klare Ziele: Der Staat müsse, wenn nicht ganz fort, dann zumindest aufs notwendigste beschränkt werden. Stattdessen solle, nach allen Gesetzen von Ökonomie und Ethik, nur die freie Zusammenarbeit, der freie Vertrag, der freie Handel blühen. Die Theorien waren klar und gemessen an ihrer Zeit weitgehend vollendet. Einzig an ihrer Umsetzung fehlte es noch schmerzlich - und über dieselbe war man überaus uneins.
Da gab es die einen,* die pragmatischen Radikalen: Sie hatten die Staatsgewalt als Übel und Feind der freien Assoziation erkannt - und forderten in stringenter Logik seine Abschaffung. Die Naturgesetze der Ökonomie, meinten sie, diktierten dies. Jedoch waren sie zugleich so realistisch zu erkennen, dass es nun einmal eine Staatlichkeit gab, mit der man auf das Ziel zuarbeiten musste. So wollten sie sich integrieren, um so viel ihres ökonomischen Programmes durchzusetzen, wie nur möglich.
Dann gab es andere, diese waren auch theoretisch pragmatisch: Der Staat, meinten sie, sei zwar ein Übel, aber vielleicht ein in Teilen notwendiges. Man sollte also, bevor man utopische Sprünge mache, erst einmal so viel Freiheit politisch umsetzen, wie irgend möglich. Die zwischenstaatlichen Beziehungen galt es durch Freihandel - die Diplomatie Gottes - zu befrieden, die Staatsmacht im Inneren demokratisch, transparent, dezentral und tolerant zu gestalten. Die sozialen Probleme in freier Zusammenarbeit und ohne Machtstaat zu lösen, ergo: einen liberalen Staat zu schaffen und zu wahren.
Dies war der dritten Fraktion zu mild und ließ sie letzterer immer wieder Inkonsequenz vorwerfen. Sie waren die Idealisten, die im Staat ein Übel sahen und kein Übel je für notwendig hielten. Sie dichteten naturalistisch-romantisch über den Fall des Staates, versuchten zu überzeugen und/oder zogen sich aus allem Politischen zurück. Der Staat sollte fallen - und das würde er, irgendwann. Bis dahin sollte man sich nicht in falschem Pragmatismus der politischen Lösung hingeben, sondern allein die Utopie fordern und fördern!

Wer bei all diesem Kampf zwischen Theorie und Praxis, Idealisten und Realisten an die Libertäre Bewegung des Jahres 2014 denkt - der irrt. Denn wie ging es aus mit den drei Strömungen? Man kann es kurz machen: 
Die ersten, die radikalen Pragmatiker, verhalfen den Konservativen zur Reichseinigung und versuchten so viel wirtschaftliche Freiheit durchzusetzen, wie nur irgendwie möglich. Sie glaubten, dass dies mittelfristig den Staat selbst schwächen und beseitigen würde - doch in Wahrheit schwächten sie sich nur selbst, bis ihre konservativen Koalitionspartner sie 1879 gnadenlos beseitigten. Sie hinterließen einen stärkeren Staat denn je.
Die zweiten, die in der Theorie pragmatischen, fanden in ihrem Ringen um den freiheitlichen Staat einiges Gehör und konnten den Machtgelüsten der konservativen und sozialistischen Reaktionäre eine immer wieder gelungene Opposition bieten. Mehr als eine widerstrebende Opposition jedoch wurden sie nie - und so führten sie bis in das frühe 20. Jahrhundert einen steten Rückzugskampf, wurden schließlich als historisch überkommen verdammt und/oder vergessen.
Die dritte Fraktion, die Idealisten - nun, die war eben idealistisch. Sie hinterließ uns große Traktate gegen den Staat, pathetische Dichtungen und große Verheißungen. Heute ist ihr scharfer Geist und heißer Idealismus fast völlig in den Wirren der folgenden Geschichte verhallt.

Ihr - der Idealisten - letzter großer Vertreter erlebte noch, wie das größte etatistische Massenschlachten der Geschichte im ersten Weltkrieg seinen Anfang nahm. Er starb, kurz bevor jenes Morden im zweiten gnadenlos fortgesetzt werden sollte.
Der Libertäre Widerstand gegen beide Kriege und die Höhepunkte des welthistorischen Etatismus war marginal und wirkungslos. Wenn es ihn überhaupt gab, verhallte er gänzlich still, während Staatsgewalt und menschliche Misshandlung ungezähmt brüllten. So fand die erste Welle des deutschen Libertarismus ihr Ende.

Geschichte ist fraglos zu komplex, um monokausale Schlüsse oder gar Handlungsanweisungen aus ihr zu ziehen. Aber zuweilen scheint sie einem seltsamen, aber rhythmisch tapsenden Versmaß zu folgen. Es gilt also, verehrte Freiheitsfreunde, den rechten Reim zu finden - und den Takt, ihn zu vermitteln.
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* Alle folgenden Gruppen haben jeweils einen herrlichen Archetypen, an den sich ihre Beschreibung anlehnt und der sich gewiss leicht erkennen lässt.

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