Dienstag, 11. März 2014

Das Elend des deutschen Liberalismus

Kämpfte für Freihandel: John Prince-Smith.
Foto: davidmhart.com
Eine historische Skizze (Teil 1)
von Peter Mokwa
Die europäische Geschichte und das europäische Denken sind, trotz aller Rückschläge, geprägt von Freiheit und Rationalismus. Griechische Philosophie, römisches Rechtsdenken, die naturrechtliche Scholastik des Mittelalters und der Renaissance sowie die Aufklärung sind ihre wesentlichen Stationen und Elemente. Der Liberalismus ist Zeitgenosse und Nachfolger der Aufklärung und die Quintessenz der europäischen Geschichte.


Die Aufklärung und die Whigs

Entgegen der weit verbreiteten Ansicht beginnt die Aufklärung nicht in Frankreich, sondern mit John Locke in England. Später zieht Schottland nach und wird Hochburg der Aufklärung. David Hume, Adam Smith, Adam Ferguson sind die prominentesten der schottischen Aufklärer und überragen ihre französischen Zeitgenossen um Einiges. Politisch war für die französischen Aufklärer England das Vorbild. Das galt vor allem für Montesquieu, aber auch für Voltaire und die anderen.

Noch weniger bekannt sind außerhalb Großbritanniens die Whigs. Die erste und letzte, größte und wirkmächtigste konsequent liberale Partei der Geschichte. Im Anschluss an die vierzigjährige Bürgerkriegs- und Revolutionsphase der englischen Geschichte regierten die Whigs das Land ein weiteres halbes Jahrhundert. Sie waren es, die das liberale England schufen und die Fundamente für die Industrialisierung legten. Über die Whigs schreibt Wikipedia durchaus zutreffend:

„Die Bezeichnung Whig wurde ursprünglich beleidigend von den politischen Gegnern gebraucht und bedeutet ‚Viehtreiber‘ (Whiggamore)“ und „Generell stand die Partei für politischen und wirtschaftlichen Liberalismus, vor allem für den Freihandel, ein starkes Parlament mit Widerstandsrecht im Sinne John Lockes, die Abschaffung der Sklaverei und religiöse Toleranz gegenüber den so genannten Dissenters (protestantischen Denominationen, die das episkopale System der Church of England ablehnten). 1832 setzte die liberale Regierung von Earl Grey die erste Parlamentsreform durch, die eine Ausweitung des Wahlrechts auf breitere Schichten der Bevölkerung und eine Neueinteilung der Wahlkreise anhand der Bevölkerungszahl vorsah, im Jahr darauf wurde die Sklaverei im gesamten Britischen Empire abgeschafft. Die Anhänger der Whigs fanden sich vornehmlich in fortschrittlichen und handelsorientierten Schichten des aufstrebenden Bürgertums.“[1]

Zweihundert Jahre nach der Epoche der Whigs bekannte der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek enthusiastisch „Ich bin ein Old Whig“ und definierte auf diese Weise den Liberalismus.[2]
Am englischen Vorbild orientierte sich dann die Amerikanische Revolution, und die Französische zu Beginn auch. Die amerikanischen Verfassungsdokumente, die Virginia Bill of Rights, die Unabhängigkeitserklärung der USA und die amerikanische Verfassung sind sozusagen geronnener Geist der Aufklärung und wichtige Manifeste des Liberalismus.


Die Romantik

Die Romantik führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen historischen Dammbruch herbei. Der Damm, den die europäische Zivilisation gegen den Irrationalismus errichtete und über Jahrhunderte aufrechterhielt, wurde auf Dauer beschädigt. Diese hauptsächlich deutsche Literatenbewegung verstand sich von Anbeginn als eine Antwort auf die Aufklärung. Mit ihrer Betonung des Emotionalen und Instinktiven im Gegensatz zum Vernunftdenken, war und ist die Romantik in der Tat nichts anderes als Gegenaufklärung[3]. Die Romantiker machten die Welt undurchsichtig und unkenntlich und ersetzten Wahrheit und objektives Wissen durch subjektives Meinen. Die Romantik war selbstverständlich nicht auf Deutschland beschränkt, hier feierte sie jedoch ihre größten Erfolge - in einem Land, das zwar mit dem großen Aufklärer Immanuel Kant aufwarten konnte und zeitweise den großen liberalen Staatsdenker Wilhelm von Humboldt an der Spitze der preußischen Reformbewegung sah, aber kaum von der Aufklärung erfasst wurde.

Ohne den Einbruch irrationaler Ideen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und ohne die darauf folgende, das ganze Jahrhundert andauernde Überflutung des europäischen Geistes mit antiliberalen Gedanken sind die Niederlagen des Liberalismus im 19. Jahrhundert und die totalitären Massenbewegungen und totalitären politischen Systeme des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen.[4] Natürlich ist die Romantik nicht einfach mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts gleichzusetzen, viele frühe Romantiker waren Freiheitskämpfer und wären über so eine Gleichsetzung empört. Dennoch waren es die Romantiker, die die Schleusen öffneten, durch die kurz darauf Sozialismus und Nationalismus einströmten. Und aus diesen vergifteten Blumen ist Jahrzehnte später der Totalitarismus entstanden. Und in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind aus diesem romantischen Baum schließlich die Ökologiebewegung und die Grünen entsprossen[5].

Der deutsche Liberalismus in der Anfangsphase

Es waren aber nicht die Romantiker, die in Deutschland zunächst die öffentliche Meinung beherrschten. Die meisten von ihnen fand man auf der Seite der Metternichschen Reaktion. Ludwig von Mises, der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts beschrieb die politische Stimmung in Deutschland wie folgt:
„Im 18. Jahrhundert haben es die Deutschen nicht einmal zu lesbaren Übersetzungen der großen Engländer, Schotten und Franzosen gebracht. Was die deutsche idealistische Philosophie über gesellschaftliche Dinge zu sagen wusste, erscheint ärmlich, wenn man es mit dem zeitgenössischen englischen und französischen Schrifttum vergleicht. Doch die geistige Oberschicht des deutschen Volkes nahm die Lehren von Freiheit und Menschenrecht, die ihr vom Westen zugetragen wurden, mit Begeisterung auf. Die klassische deutsche Dichtung ist von diesen Ideen erfüllt, die großen deutschen Musiker liehen ihr Töne. Schillers Werk ist von Anfang bis zu Ende ein Hymnus auf diese Ideen. Jedes Wort, das er schrieb, war ein Stoß ins Herz des alten Deutschland, und jedes seiner Worte wurde von allen Deutschen, die Bücher lasen und Theater besuchten, mit begeistertem Beifall begrüßt … Die Romantiker, die Dichter der Befreiungskriege und Heinrich von Kleist blieben dem deutschen Volke ebenso fremd wie die Schriften der Publizisten, die die Staatseinrichtungen des Mittelalters zu neuem Leben erwecken wollten. Nicht dem Mittelalter wendete sich das Interesse des deutschen Publikums zu, sondern dem parlamentarischen Leben des Westens. Nicht die Werke der Romantiker wurden gelesen, sondern die Goethes und Schillers. Nicht die Stücke Kleists wurden gespielt, sondern die Schillers. Goethe und Schiller wurden dem deutschen Volke immer vertrauter; Schiller wurde zum großen Nationaldichter. In Schillers Freiheitsdichtung fand das deutsche Volk sein politisches Ideal. Die Feier von Schillers hundertstem Geburtstag war die eindrucksvolle politische Kundgebung des deutschen Volkes. In seiner Hingabe an die Ideen Schillers war das deutsche Volk damals einig.
Alle Versuche, das deutsche Volk dem Freiheitsgedanken abspenstig zu machen, scheiterten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann der Liberalismus auch auf deutschem Boden immer mehr Anhänger. Ungehört verhallten die Worte seiner Gegner. Vergebens hatte Metternichs Polizei gegen die liberale Flut gekämpft“[6]

Im Verlaufe der 30er und 40er Jahre gesellten sich jedoch zum Liberalismus andere Ideen, die zunehmend stärker wurden und die Ziele der antiabsolutistischen Bewegung verwirrten.


Der Nationalismus

Die romantischste aller neuen irrationalen Ideen war zweifelsohne der Nationalismus. Neben den Ideen Carlyles, der in das politische Denken den Persönlichkeitskult einführte[7], war er ein legitimes Kind der Romantik und Gegenaufklärung. Sehr bald schon führte er vor allem in Mittel- und Osteuropa zu unlösbaren Problemen. Die Idee des ethnisch homogenen Nationalstaates versprach zunächst Harmonie unter den Völkern, mündete aber in einer bis heute nicht abbrechenden Kette von Massenvertreibungen und Massenmorden. „Ethnische Säuberungen“ hat nicht Milosevic erfunden.


Der neue Staatsglaube

Neben dem Liberalismus und zwei Abkömmlingen der französischen Aufklärung und Französischen Revolution, dem Republikanismus und der Idee der Demokratie, tauchten weitere neue Ideen auf.


Der Etatismus

Der Glaube an das Gottesgnadentum schwand, ja selbst der Glaube an Gott war erschüttert. Irgendetwas musste das entstandene Gefühlsvakuum füllen. Parallel zum neuen Glauben an die Herrlichkeit der eigenen Nation, entstand der Glaube an den Staat, an seine Unfehlbarkeit und Omnipotenz. Alle Attribute Gottes wurden nun auf ihn übertragen, er sollte alle menschlichen Probleme lösen. Der alte Aberglaube an die Heilsmacht des Monarchen wurde ersetzt durch den neuen Aberglauben an die Heilsmacht des neuen Staates. Die Nationalisten erwarteten von der Errichtung ethnisch homogener Nationalstaaten die Lösung aller Probleme; die Republikaner erwarteten dies von der Republik; vom allgemeinen Wahlrecht erwarteten die Demokraten politisch und sozial harmonische Verhältnisse. Die antiabsolutistischen Kräfte der bürgerlichen Revolution von 1830 und 1848 waren sich einig, dass die Ursachen aller sozialen und politischen Übel in der gottesbegnadeten Staatsform des Absolutismus zu suchen waren. Ihr politisches und ökonomisches Wissen reichte nicht aus um die Lösung woanders zu suchen als nur im Politischen. Konsequenterweise trachteten sie ausschließlich danach, das Ancien Régime durch eine neue Staatsform zu ersetzen, die alle sozialen, ökonomischen und sonstigen Probleme lösen würde.

Der neue Aberglaube, der Etatismus, tritt in zwei Varianten auf, dem Interventionismus bzw. Neomerkantilismus und dem Sozialismus.


Der Interventionismus oder der Neomerkantilismus

Kaum hatte die Aufklärung, die Amerikanische und Französische Revolution dem Absolutismus den Garaus gemacht, entstand erneut die absolutistische Wirtschaftslehre: der Merkantilismus. Natürlich in neuem Gewand, angeblich gestützt auf die neuesten Errungenschaften des menschlichen Geistes.

Der Neomerkantilismus stellt nicht das Privateigentum und den Markt in Frage, er will beide kontrollieren und reglementieren. Angeblich zum Wohle aller, in Wirklichkeit ist der Neomerkantilismus ein Agent diverser gesellschaftlicher Sonderinteressen und seine Maßnahmen und Eingriffe in den Markt führen stets zum Gegenteil dessen, was er ursprünglich zu erzielen beabsichtigte.[8]


Der Sozialismus

Mit den interventionistischen Ideen breitete sich der ebenfalls aus Frankreich und England kommende Sozialismus aus. Nur einige wenige Liberale und ausgerechnet die radikalen Sozialisten suchten die Lösung der sozialen Probleme in der Ökonomie. Es war Karl Marx, der in Deutschland die Theorien von Adam Smith und David Ricardo mit Nachdruck ins Spiel brachte. Natürlich nicht in deren Sinne, d.h. nicht im Sinne der Stärkung der freien Wirtschaft, der Stärkung der Märkte und der Autonomie der Gesellschaft gegenüber dem Staat und schon gar nicht im Sinne eines schlanken Staates, der Wilhelm von Humboldt vorschwebte. Den sollte bald darauf der Führer der deutschen Sozialisten, Ferdinand Lassalle, als „Nachtwächterstaat“ verleumden. Marx brauchte die bürgerliche liberale wissenschaftliche Ökonomie, um der bürgerlichen Gesellschaft, „dem Kapitalismus“, ein Ende zu setzen. Der Sozialismus wollte nicht nur den Staat umgestalten, er wollte die Gesellschaft umkrempeln; er wollte „das Übel an der Wurzel packen“, und das sind das Privateigentum und die Familie. Das wollte der Sozialismus, und er will es immer noch.


Die antiabsolutistische Bewegung

Man hat sich in Deutschland angewöhnt, alle antiabsolutistischen Kräfte der ersten Hälfte des 19. Jh. als liberal zu bezeichnen. Das entspricht nicht der historischen Realität. Liberal waren sie nur sehr bedingt, in einer spezifischen, eingeschränkt politischen Hinsicht. Einig waren sie sich nur in ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus, nicht aber über die Ziele und Methoden des Kampfes. Als Model schwebte anfänglich vielen die Französische Revolution vor. Mit dem Terror der Jakobiner war es mit der Revolutionsschwärmerei bald wieder zu Ende. Einige sympathisierten mit Napoleon, der Deutschland die bürgerliche Freiheit bringen sollte. Die anderen erblickten in ihm den Tyrannen und entdeckten ihr Herz fürs darbende und darniederliegende und mittlerweile romantisch verklärte deutsche Vaterland. Dieses nun von Metternich und von über dreißig absolutistischen Tyrannen gewürgte deutsche Vaterland galt es zu befreien und zu einigen.

„Freiheit und Einheit: wollte man das liberale Programm des ‚Vormärz‘, der Zeit von der französischen Julirevolution von 1830 bis zu den deutschen Märzrevolutionen von 1848, auf eine knappe Formel bringen, so wäre es dieses Begriffspaar“.[9] Aber schon in den 30er Jahren sahen einige Liberale die freiheitlichen Ziele durch den Nationalismus bedroht. Heinrich August Winkler schreibt:

„Rotteck, dem die badische Regierung wie allen Beamten die Reise nach Hambach untersagt hatte, sah die Freiheit durch das Drängen nach Einheit ernsthaft bedroht. Auf einem Fest badischer Liberaler in Badenweiler, wenige Wochen nach Hambach, stellte er seine Rangordnung der Ziele klar: ‚Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit. Ich will keine Einheit unter den Flügeln des preußischen oder des österreichischen Adlers, ich will keine unter einer etwa noch zu stärkenden Machtvollkommenheit des so wie gegenwärtig organisierten Bundestages, und ich will auch keine unter der Form einer allgemeinen Republik, weil der Weg, zu einer solchen zu gelangen, schauerlich, und der Erfolg oder die Frucht der Erreichung höchst ungewisser Eigenschaft erscheint … Ich will also keine in äußeren Formen scharf ausgeprägte Einheit Deutschlands. Ein Staatenbund ist, laut dem Zeugnis der Geschichte, zur Bewährung der Freiheit geeigneter als eine ungeteilte Masse eines großer Reiches.“[10]

Rotteck starb 1840. Die Fragen nach dem „wohin“ und nach dem „wie“ blieben.

Die Mehrheit bevorzugte natürlich radikale Methoden - auf der Theaterbühne. In der Praxis waren die meisten eher moderat und darauf aus, dem Absolutismus einige konstitutionelle Zugeständnisse abzuringen. Genauso untypisch für die antiabsolutistischen Kräfte war der badische Radikale wie der schwäbische Spießer.

Die diversen antiabsolutistischen Ideen verschmolzen in der Praxis zu einem unentwirrbaren Knäuel, oft auch in ein und demselben Kopf. So konnte man sich für die politische Freiheit einsetzen und zugleich Protektionist sein; Demokrat zu sein bedeutete nicht unbedingt Liberaler zu sein, oft waren Demokraten auch Sozialisten; Freihändler konnten sich durchaus für den preußischen Staat erwärmen. Selbst bei Karl Marx und Friedrich Engels, den „Vätern“ des angeblich wissenschaftlichen Sozialismus, findet man sichtbare liberale Spuren. Und niemand hat jemals die Ziele des Liberalismus besser definiert als Karl Marx: den Kampf solange fortzuführen, solange der Mensch ein geknechtetes und verächtliches Wesen sei. Wo der von den Sozialisten geführter Kampf endete, wissen wir.

Durchaus symptomatisch war auch die Tatsache, dass selbst in liberalen Kreisen die revolutionäre Schrift Wilhelm von Humboldts über „Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates“[11] und - wie bereits angemerkt - die Schriften britischer wie auch französischer Ökonomen unbekannt blieben. Marx und Engels kannten die Schriften des britischen Liberalismus - die deutschen Liberalen aber kannten nicht einmal das Buch des bis dahin bedeutendsten deutschen Liberalen. Von Anbeginn waren damit der antiabsolutistischen Bewegung aber auch dem deutschen Liberalismus die Stigmata der Rückständigkeit, Borniertheit und Verwirrung aufgedrückt.

Alle Verbündeten des wirklichen Liberalismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollten sich bald als seine hasstriefenden Feinde erweisen. Das ist bis heute so geblieben.


Die Manchesterkapitalisten

Während in Deutschland in Schillers Dramen die Freiheit triumphierte, Beethoven die Orchester revolutionär donnern ließ und Jahns Vereine für die eigene Gesundheit und die des deutschen Vaterlands um die Wette turnten, schritten wiedermal die Engländer zur Tat.
Initiiert von zwei Unternehmern aus Manchester, Richard Cobden und John Brigth entstand in England eine breite Massenbewegung gegen Kornzölle, die Anti-Corn Law League. Wohl einmalig in der Geschichte vereinte die Manchester-Bewegung verschiedene gesellschaftliche Kräfte, um die die getreideproduzierenden Lords und Bauern vor Billigkonkurrenz vom Kontinent schützenden Zölle zu Fall zu bringen. Unternehmer und Gewerkschaften, Intellektuelle und Philanthropen wirkten zusammen, um das Los der armen Bevölkerungsschichten zu lindern. Nicht in sozialstaatlichen, d.h. neomerkantilistischen Maßnahmen erblickten sie die Lösung. Im Gegenteil, es war ja gerade der staatliche Protektionismus, der gezielt den Freihandel und damit billige, auch für Arme erschwingliche Lebensmittel verhinderte. Zu den Sympathisanten der Manchesterleute gehörte auch ein junger Deutscher aus Barmen, der die englische Filiale einer seinem Vater gehörenden Firma leitete - sein Name war Friedrich Engels.

Die Manchesterbewegung war keineswegs eine Ein-Punkt-Bewegung. Außer dem  Protektionismus bekämpfte sie die Sklaverei, den Kolonialismus und Imperialismus. Im amerikanischen Bürgerkrieg unterstützte Cobden mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Union. Und das gegen die wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens. Während die Union zum Protektionismus neigte, waren die Konföderierten, wegen ihrer Abhängigkeit von Baumwollexporten überzeugte Freihändler. Hier gaben jedoch nicht wirtschaftliche Interessen den Ausschlag, sondern die Abschaffung der Sklaverei durch Lincoln.

Noch vor der 48er Revolution auf dem Kontinent gärte es in England. 1840 wurden die Kornzölle abgeschafft, und die Folgen waren von welthistorischem Format. Der Manchesterkapitalismus bewirkte nicht nur, dass der Arme in England sich endlich ausreichend Brot kaufen konnte. Bald ging England zum weltweiten Freihandel über und die anderen Länder folgten. Der Sieg der Manchesterleute um Cobden und Bright leitete ein halbes Jahrhundert industriellen Wachstums ein, ein halbes Jahrhundert der Geldstabilität und Hebung des Lebensstandards, auch und vor allem bei den Industriearbeitern. Das haben die Konservativen und die Reaktionäre dem Liberalismus nie verziehen. Und die Sozialisten erst recht nicht. Auch das tragische Ende des Manchesterkapitalisten Cobden, der sein Vermögen für die Finanzierung der liberalen Reformbewegung ausgab, seine Gesundheit ruinierte und in bitterer Armut starb, hindert Reaktionäre und Linke bis heute nicht den Manchesterkapitalismus zu verleumden.


Die Revolution

Zweimal schafften es die antiabsolutistischen Kräfte in Deutschland aus den Redaktionsstuben, den Theatern und Konzertsälen heraus. Zuerst 1830 im Anschluss an die revolutionären Aufstände in Belgien, Frankreich und dem russischen Teil Polens, dann 1848. Wiederum als Fortsetzung der Revolution in Frankreich.

Die antiabsolutistische Bewegung und die liberalen Kräfte in Deutschland waren anfänglich nicht Repräsentanten des Bürgertums, das im Vergleich zu Westeuropa nicht besonders stark entwickelt war. Der frühe Liberalismus setzte sich vor allem aus Honoratioren und Professoren, aus Literaten und Advokaten zusammen und repräsentierte vor allem sich selbst, d.h. die deutsche Intelligenz. Diesen aufgeklärten und liberalen Kreisen gelang es um die Jahrhundertwende eine öffentliche Meinung zu schaffen, in der ihre Ideen dominierten.

Sehr früh schon aber trat das bereits erwähnte irrationale, nationalistische und etatistische Gedankengut hinzu. Alle einte das Bestreben, Deutschland zu vereinigen. Wie das künftige Deutschland auszusehen hatte, war aber auch 1848 nicht klar. Bald fiel auch die andere Gemeinsamkeit auf: Die Liberalen, Demokraten und Revolutionäre hatten immer noch keine Ahnung von Ökonomie; die Fortschritte, die auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Ökonomie, die in der Aufklärung in Schottland, später in England aber auch in Frankreich gemacht wurden, waren in Deutschland immer noch nicht angekommen. Als John Prince-Smith, der erste Vorkämpfer des Freihandels in Deutschland, den in Frankfurt versammelten Parlamentariern und Liberalen seine Freihandelspläne erläutern wollte, stellte er fest, dass die meisten Liberalen Protektionisten waren.

In Baden und Berlin brach schließlich die Revolution aus, die Berliner bauten Barrikaden und trieben die Truppen Friedrich Wilhelms IV., eines romantischen Psychopathen, aus der Stadt. Seine königliche Majestät von Gottes Gnaden wurde zum Hampelmann der Revolution degradiert. Inzwischen zerbrachen sich die in Frankfurt versammelten Honoratioren und Professoren die Köpfe über die künftige Verfassung Deutschlands. Nach schier endlosen Debatten kamen sie auf die ebenso romantische wie spießige Idee, dem gerade in Berlin entmachteten Hohenzollern die deutsche Kaiserkrone anzubieten. Und das, nachdem dieser die Preußische Nationalversammlung kaltgestellt hatte. Anstatt Truppen auszuheben, um die Revolution und das Parlament zu schützen, wollten die Frankfurter Schwätzer die aus Berlin vertriebenen preußischen Truppen in den Kampf gegen Dänemark schicken. Diese kehrten jedoch rasch ihre Bajonette und Kanonen in die andere Richtung und marschierten auf Frankfurt. Friedrich Wilhelm schwor Rache am Frankfurter Parlament zu nehmen, das die Frechheit besaß, ihm einen „imaginäre(n) Reif, gebacken aus Dreck und Letten“ anzubieten. Das erste deutsche Parlament kapitulierte, die meisten gingen nach Hause, der Rest floh nach Stuttgart, wo die noch übrig gebliebenen Parlamentarier von württembergischen Soldaten auseinandergejagt und verhaftet wurden.[12]

Bedingt war die Niederlage nicht nur durch die Stärke des preußischen Absolutismus, sondern auch durch die Unklarheit der Zielsetzung. Die antiabsolutistische Bewegung und die Liberalen waren sich hinsichtlich der Priorität in der doppelten Zielsetzung Freiheit und Einheit nicht einig. Die Mehrheit setzte auf die Vereinigung der Nation und die Schaffung eines deutschen Nationalstaates. Der war jedoch angesichts der Schwäche der Bewegung nur im Bunde mit dem einen oder dem anderen in Deutschland dominierenden absolutistischen Staat zu realisieren. Die einen waren für Österreich, die Mehrheit setzte auf das absolutistische Berlin. Eine radikale Minderheit von Liberalen, Demokraten und Sozialisten sah das gerade umgekehrt: Zuerst Freiheit und dann Einheit der Nation - diese kleine Gruppe hatte keine Chance. Zuerst die Nation, mit Hilfe Preußens, und dann irgendwann einmal die Freiheit, also Kampf gegen die alten Staaten und gleichzeitig Anbiederung an Preußen, das musste ebenso scheitern. Die bürgerliche Revolution in Deutschland ist an der Unfähigkeit gescheitert, klare freiheitliche Ziele zu setzen - in politischer und ökonomischer Hinsicht.

Gescheitert ist die bürgerliche Revolution in Deutschland ebenso an ihrer Zersplitterung und Uneinigkeit. Die zeitweilige „Symbiose“ von liberalen, demokratischen, nationalen und sozialistischen Kräften zerbrach bereits zu Beginn der Revolution. Da trat zutage, was schon früher der Fall war: Die nationale Komponente des revolutionären Anliegens gewann über die freiheitliche die Oberhand und die Illusionen bezüglich der Reformierbarkeit des Absolutismus wurden stärker. Die dagegen aufbegehrenden liberalen und demokratischen Radikalen, die die Gemäßigten des Verrats bezichtigten, traten vergeblich gegen sie zum Kampf an. Aber so wie sich die Gemäßigten immer mehr dem preußischen Absolutismus beugten, so gerieten auch die liberal-demokratischen Radikalen in der Endphase in eine dubiose Gesellschaft mit den Sozialisten. Was wiederum die Gemäßigten noch stärker mäßigte und noch weiter in die Arme der absolutistischen Reaktion trieb, bis hin zur völligen Unterwerfung unter das Preußen der Hohenzollern. Die einen verbündeten sich mit der Berliner Reaktion, die anderen mit der Reaktion von Links. Bezeichnend für die Deutsche Revolution war ebenso die Tatsache, dass es während der Revolutionsmonate zwei Revolutionsparlamente gab, die Nationalversammlung in Frankfurt und die radikalere Preußische Nationalversammlung in Berlin. Das Revolutionsspektakel wurde auf mehreren Bühnen aufgeführt. Von Wien abgesehen, waren es anfänglich Baden und Berlin, dann Frankfurt, dann Sachsen und die Pfalz, zwischendurch immer wieder Baden und zum Schluss abermals Baden. Die Revolutionszentren agierten meistens gegeneinander, und selbst in Frankfurt kam es im Verfassungslager zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aus dem auf das frankfurter Debakel folgenden Kampfgetümmel in Sachsen, Baden und anderswo ging der Absolutismus als Sieger hervor.

Das Ende der Revolution fand im badischen Rastatt statt und war überaus heroisch. Das änderte aber an der Niederlage der Revolution, der Niederlage aller antiabsolutistischen Kräfte und insbesondere an der Niederlage des deutschen Liberalismus nichts. Viele Revolutionäre flohen ins Ausland; Friedrich Hecker ging schon 1848 nach Amerika, wurde Farmer und kämpfte im Amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Union; ebenso Carl Schurz, der es in Amerika sogar bis zum General und Innenminister der USA brachte.[13]

In Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Bühnen nicht mehr von Schiller und Beethoven beherrscht. Unter höllischem Getöse lies Kapellmeister Wagner darauf seine Germanen aufmarschieren.
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Bibliographische Nachbemerkung

Als beste Lektüre zur Ergänzung und Vertiefung des Themas empfehlen sich zwei hervorragende wie einzigartige Arbeiten:

Ralph Raico, Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus

Gerd Habermann, Der Wohlfahrtsstaat. Das Ende einer Illusion





[1]    Wikipedia, Artikel über die Whigs
[2]    Friedrich August von Hayek, Liberalismus, Tübingen 1979
[3]    Isaiah Berlin, Die Wurzeln der Romantik, Berlin 2004
[4]    Ernst Cassirer, Vom Mythos des Staates,Frankfurt 1985
[5]    Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007.
      Der Autor streitet zwar ab, dass die Nationalsozialisten in der Kontinuität der Romantik stehen, gibt es aber hinsichtlich der 68er Bewegung und den Grünen bereitwillig und stolzerfüllt zu.
[6]    Ludwig von Mises, Im Namen des Staates oder die Gefahren des Kollektivismus (mit einem Vorwort von Alfred Müller-Armack), Stuttgart 1978 S. 23f und 27f
[7]    Ernst Cassirer, Vom Mythos des Staates, Frankfurt 1985, S. 246ff
[8]    Ludwig von Mises, Kritik des Interventionismus. Untersuchungen zur Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsideologie der Gegenwart / Verstaatlichung des Kredits?, Darmstadt 1976
      Ludwig von Mises, Interventionism. An Economic Analysis, Indianapolis 2011, auch
      Interwencjonizm, Krakow 2005 (polnische Ausgabe)
      Ludwig von Mises, Vom Wert der besseren Ideen. Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik, München 2012
      Einige Artikel und Bücher von Mises und anderen liberalen Denkern gibt es im Internet kostenlos unter www. mises.de
[9]    Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Band 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000, S. 80
[10]  Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Band 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000, S. 83
      Siehe auch Wikipedia, Artikel über Karl von Rotteck
[11]  Wilhelm von Humboldt, Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates, Berlin 2011
[12]  Die wohl beste Darstellung der damaligen Ereignisse bietet
      Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Band 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000
[13]  Siehe die entsprechenden Artikel bei Wikipedia: „Forty-Eighters“, „Friedrich Hecker“ und „Carl Schurz“

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