Mittwoch, 19. Februar 2014

Schweizer Ultras: Einblick in die libertäre Kommune

Die Muttenzerkurve (FC Basel) geniesst in Ultrakreisen
hohes Ansehen. Bildquelle: kurzpass.ch 
von Jérémy Kaspar Grob
Was sich viele Anarchisten und Libertäre in ihren kühnsten Träumen vorstellen können, hat die Schweizer Ultra-Fanszene längst realisiert und dies äußerst erfolgreich. Die Fankurven sind auf dem Fundament interpersoneller Beziehungen aufgebaute Kommunen und forcieren einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn durch die freiwillige Gliederung in Fangruppen.

Die Schweizer Fankurven fallen insbesondere durch ihre Sprechchöre und kreativen Choreos auf. Ihr einheitliches Auftreten, orchestriert durch den Capo (Vorsänger), hinterlässt zwar den Eindruck einer straff geführten Sekte, in Tat und Wahrheit ist die „Kurve“ das Produkt radikal gelebter Freiheit gegen sämtliche Autoritäten und den systemkonformen Alltag. Die Fangruppen überzeugen gerade deshalb als äußerst solidarisches Kollektiv.

Choreographie der Anhänger des Grasshopper Club Zürich.
Bildquelle: davidicke.com
Wie wird man Teil dieser Kommune? Am Anfang steht der Club. Ultras werden nicht als Ultras geboren. Als eingefleischter Kurvengänger und Fan eines Clubs identifiziert man sich voll und ganz mit seinem ausgesuchten Fußballverein. Die Gründe für die Wahl des jeweiligen Clubs sind vielfältig. Viele sind von der Historie und der Tradition, dem Lokalkolorit oder wiederrum wegen der guten Mannschaft von ihrem Club überzeugt und deshalb bereit sich dem Kollektiv anzuschließen. Das Individuum bezahlt gerne einen Teil seines privaten Eigentums um sich an der Kurve mit einem Abo zu beteiligen. Die meisten belassen es beim Abo und dem Fanschal. Ein besonders harter Kern von ca. 2500 Schweizer Ultras (Fußball und Eishockey) gruppiert sich allerdings nicht nur im Stadion, um ihren Club zu unterstützen. Der Fan schließt sich freiwillig einer ausgesuchten Fangruppierung an, diese regelt den Alltag des Individuums, bietet Schutz und verpflichtet dazu dem Gemeinwohl der Gruppe zu dienen, jeder nach seinen Fähigkeiten.

Wer sich einer bereits bestehenden Fangruppierung anschließen möchte, kann nicht einfach einen Mitgliedertalon ausfüllen und sich als Mitglied erklären. Bestimmte Aufnahmekriterien müssen erfüllt werden. Diese variieren von Gruppe zu Gruppe äußerst stark. Grundsätzlich sind charakterliche oder körperliche Defizite aber kein Grund um nicht in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Das Leitbild und die „corporate identity“ von Gruppen sind ebenfalls äußerst vielfältig. Einige Gruppen betonen, dass der Kult um den Club und der Gruppe durch eine möglichst kreative Gestaltung der Choreos, Fahnen, Zaunfahnen und Sprechchöre zelebriert werden soll. Viele Gruppen gehen einen Schritt weiter und wollen den Kult durch pyrotechnisches Material, sowie Konfrontation mit verfeindeten Fanlagern, in einem sportlichen Rahmen organisieren. Dies mag zwar eine euphemistische Umschreibung für Hooliganismus sein, aber Hooliganismus ist aus libertärer Sicht keineswegs falsch. Die rivalisierenden Fangruppen bereiten sich monatelang in privaten Räumlichkeiten vor und trainieren diverse Kampfsportarten, danach organisieren sie ein „Date“ mit der verfeindeten Fangruppe und begegnen dieser auf dem Acker, um sich, gelinde formuliert, gesittet die Fresse zu polieren. Diese Betätigung wird in der Szene auch als „G- Sport“ bezeichnet, wobei das „G“ für Gewalttäter steht.

Choreo der Anhänger der Young Boys Bern.
Bildquelle: derbund.ch
Nach dem Fight folgt der Handshake und die beiden Gruppen ziehen von dannen. Innerhalb der Szene seien die Beteiligten bekannt. Diskretion sei das A und O. Als vor rund einem Jahr ein Video einer Auseinandersetzung zwischen Baslern und Zürchern auf Youtube kursierte, habe dies für Unmut gesorgt und die an diesen Fights partizipierenden Akteure seien deshalb noch vorsichtiger geworden. Wer auf Youtube die richtigen Suchwörter eingibt wird schnell fündig und kann ein 45 Sekunden langes Prügel-Video betrachten, aufgenommen irgendwo in der Pampa, nähe Basel.

Eigentlich seien die Auseinandersetzungen nicht viel anders als im Boxring, bloß ohne Schiedsrichter und staatliche Überwachung. Keine Waffen und kein Treten von niedergestreckten Gegnern, dies sind die einzigen Regeln. Wer sich nicht daran hält, wird wohl auch keine Gegner mehr haben, da auf Foren wie „gepflegt-arrogant“ reger Austausch über den Verlauf von Fights abgehalten wird. Die Facebook Gruppe dieses Forum postet unter anderem am 25.11.13 folgendes: „Luzern – Im Anschlus an das Super League Match zwischen dem FCL und Sankt Gallen (3:1) kam es in der City zu einem Aufeinandertreffen der verfeindeten Mobs. Beide Seiten berichten von einem fairen Schlagabtausch!''

Choreo in der Kurve des FC Luzern.
Bildquelle: Luzerner Zeitung
Mitglieder solcher Gruppierungen werden nicht gezwungen an Kämpfen mitzumachen, außer dies war ein Aufnahmekriterium der Gruppe. Jeder trägt nach seinen Fähigkeiten zum Erfolg des Kollektivs bei. Viele Ultras können besonders gut malen und investieren einen großen Teil ihrer Freizeit damit, die Choreographien und Fahnen für das nächste Spiel zu gestalten oder pinseln in einer Nacht- und Nebelaktion ein Spruchband, um auf aktuelle Ereignisse während des nächsten Spieles aufmerksam zu machen. Wer sich mit Zahlen auskennt führt die Gruppenkasse, Juristen helfen den anderen Gruppenmitgliedern bei Rechtsfragen und die Profi-Boxer könnte man als den privaten Sicherheitsdienst der Gruppen betrachten. Das Schmuggeln von Pyro ins Stadion gehört für die einen zum Alltag, wie für andere das Organisieren von Auswärtsreisen. Von Faustrecht innerhalb der Gruppe kann man nicht sprechen. Wer sich gegenüber anderen Gruppenmitgliedern fair und freundlich verhält, braucht keine schallende Ohrfeige zu fürchten, versicherte mir ein Ultra des FC Luzern. Egal ob „gut gebaut, übergewichtig, behindert, gebildet oder strohdoof, was zählt ist die Identifikation mit dem Verein und unserer Gruppe“, so ein Ultra des FC Basel. Oft reicht es ein besonders guter Trinker zu sein, um Mitglied einer Fangruppe zu werden. Unter anderem reist auch ein Behinderter im Rollstuhl zu sämtlichen Spielen des Grasshopper-Club Zürich im Extrazug und wird von der Gemeinschaft unterstützt, um den Zug überhaupt besteigen zu können oder den Weg ins Stadion zu finden.

Die Fangruppen begleiten ihren Club überall hin, sei dies in Genf bei einem Spiel der Super League, einem Testspiel in Chiasso oder einem Trainingslager in der Türkei. Wo der Club, da sind die Fangruppen nicht weit. Dies erfordert eine reibungslose und effektiv geführte Organisation und ein enormes Engagement der Mitglieder.

Choreo in der Zürcher Südkurve (FC Zürich).
Bildquelle: btsv1895.de 
Die Fangruppen halten sich an die Prinzipien des Selbsteigentums. Im Extrazug oder im Car können Utensilien bedenkenlos während des Spiels liegen gelassen werden, da jeder das Eigentum des anderen respektiert. Egal ob Nahrung, Kleider, Bier oder sogar Wertsachen. Von anderen Individuen innerhalb der Gemeinschaft zu stehlen wird als grundsätzlich moralisch verwerflich angesehen. Wiederum sind die Spenden in der Choreokasse nach jedem Spiel prall gefühlt und wer sich kein Ticket für das Auswärtsspiel leisten kann, wird von der Gruppe unterstützt. Selbstverständlich sind Fußballfans keine braven Lämmer. Gewalt innerhalb der Kommune oder Konflikte mit der Polizei gibt es gelegentlich, aber praktisch nie, da niemand ein Gewaltmonopol besitzt und somit friedliche und diplomatische Lösungen angestrebt werden müssen, um Auseinandersetzungen zu verhindern.

Mit der Polizei wird bei internen und externen Konflikten grundsätzlich nicht kooperiert, da diese logischerweise die Spielregeln der Fangruppen torpedieren muss. Die Slogans „All cops are bastards“ oder „no justice no peace, fuck the police“ prangen auf T- Shirts, Fahnen oder finden sich sogar auf Tattoos wieder. Die fundamentale Ablehnung der Polizei und Polizisten begründen die meisten Ultras damit, dass die Polizei alles unternimmt, um ihre Strukturen zu zerschlagen. Als ich einen führenden Schweizer Ultra befragte, wieso auch er grundsätzlich Polizisten als schlechte Menschen sieht, entgegnete er aufbrausend und bestimmt: „Polizisten sind die Lackaffen des Staatsapparat und führen dämliche Gesetze aus, welche sie selber nicht befolgen wollen.“

Bestimmte Gruppen, vor allem altgediente und bewährte Gruppen, haben eine hegemoniale Ausstrahlung auf jüngere und unerfahrene Gruppen und werden praktisch nie angefeindet. Ihr Status, ihr Beitrag an die Kommune, sowie ihr Gewaltpotenzial werden von allen anderen Gruppen respektiert. Sie besitzen einen ähnlichen Status in der Kurve wie ich es USA oder Russland für die Welt zuschreiben würde. Die hegemoniale Gruppe ist allerdings auf die kleineren und jüngeren Gruppen angewiesen, da sonst größere Aufgaben innerhalb der Kommune nicht gemeistert werden können. Daher ist sogar eine friedliche Koexistenz zwischen verfeindeten Gruppen die Regel, dies kann man wiederum von Staaten nicht behaupten.

Choreographie von Fans des FC Sion.
Bildquelle: RhoneZeitung
Es existiert kein „Fangruppen Gründungsmonopol“. Wer eine Gruppe gründen will, kann dies selbstverständlich tun. Der Platz am Zaun für die Zaunfahnen der Gruppen wird nach dem simplen Naturrecht „der schnellere Vogel fängt den Wurm“ verteilt. Umso älter die Gruppe, umso eher hat sie einen Anspruch darauf, einen zentralen Platz am Zaun für ihre Zaunfahne zu haben. Die Kurve akzeptiert diese Regel. Der Zaun bietet Konfliktpotenzial und daher ist es einleuchtend, dass diejenige Gruppe, welche zuerst den Zaun kultiviert hat, die Mitte des Zaunes auch benützt. Da die altgedienten Gruppen aber von der Vielfalt und der voluntaristischen Arbeit anderer Gruppen mitprofitieren, lassen sich immer Kompromisse finden. Sogar bei kleinen Zäunen in Gästesektoren haben meistens alle Gruppen einen Platz für ihre Zaunfahne und sonst werden eigens kleinere Zaunfahnen gemalt. Das Präsentieren der Zaunfahne gilt als zentrales Element der Ultra-Kultur. Damit demonstriert die Gruppe ihre Präsenz und ihre bedingungslose Liebe zum Verein. 

Drogen werden in der Kurve toleriert, aber nicht von allen konsumiert. Einige Fangruppen exkludieren exzessiv konsumierende Mitglieder, da sie nicht mehr tragbar sind. Der Konsum von Drogen hält sich in Grenzen, schließlich will man sich nicht bei den Kollegen unbeliebt machen. Niemand würde aber auf den Gedanken kommen, Drogen generell zu verbieten und niemand könnte dies tun, da die Kurve von ihrer spontanen Vielfalt lebt, ohne Herrscher mit Gewaltmonopol. Die meisten Capos, welche über viele Jahre die Kurve dirigiert haben, geben mit dem Alter ihr „Mandat“ freiwillig ab, weil sie jüngeren und dynamischeren Ultras den Platz am Zaun überlassen wollen. Sesselkleber gibt es keine. Schließlich merken Capos bei fehlender Stimmung in der Kurve, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Der stimmgewaltigste, kreativste und unterhaltsamste Capo wird eigentlich durch den freien Markt bestimmt. Umso besser man die Meute animieren kann, umso schneller ist man auch am Megaphon und peitscht die Kurve an.

Die Gruppen bestehen darauf, finanziell auf eigenen Füßen und in keinem Abhängigkeitsverhältnis mit der Vereinsleitung zu stehen, da sie möglichst autonom ihre Regeln definieren wollen, gerne machen sie aber ihren Einfluss auf die Clubführung geltend, indem sie Spiele boykottieren oder Fanartikel selber produzieren. Über Spenden und Mitgliederbeiträge beziehen Fangruppen ihr Kapital. Die Mittel müssen äußerst effizient eingesetzt werden, da die Kassiers später Rechenschaft abgegeben müssen gegenüber der ganzen Gruppe. Die Fanutensilien der Gruppen mit selbst kreierten Logos und Designs werden von den Mitgliedern selber bezahlt. Wer mehr Schals oder Pullovers will, zahlt mehr, wer allerdings gar nicht zahlen kann wird von anderen Mitgliedern ausgeholfen.

Kurve und Emanzipation?

Das Bild der Fankurven hat sich extrem gewandelt und verändert sich nach wie vor äußerst schnell. Jedes Jahr werden die Choreos imposanter, kreativer und umfangreicher. Der freie Markt lässt eine ungeheure innovative Kraft zu. Es gibt kein Urheberrecht für eine Choreographie. Gewisse Choreos ähneln den Choreos von anderen Gruppen, aber grundsätzlich legt man möglichst viel Wert darauf etwas „Eigenes“ zu kreieren, damit die Gruppe keinen schlechten Ruf bekommt und wegen der schwindenden Reputation Mitglieder verliert. In den 80er und 90er Jahren galten Fangruppen und Kurven als extrem rassistisch und homophob. Dieses Bild kann für die Schweiz gänzlich revidiert werden. Rassistische Sprüche werden zwar nicht geahndet, da jeder das Recht hat zu äußern, was man mit eigenem Mund auch äußern kann. Rassismus ist und bleibt eine kollektivistische Idee. Da niemand „herrscht“, kann auch niemand rassistische Regeln kollektivistisch implementieren, welche bestimmte Ethnien ausschließen würden. Homosexuelle werden in Fankurven nicht wirklich respektiert, aber toleriert. Ein krasses und ehrliches Abbild der Gesellschaft. Bei bestimmten Schweizer und internationalen Clubs mit einer multikulturellen und urbanen Fanszene werden aber mittlerweile sogar Choreographien und Banner gegen Homophobie an Spielen präsentiert. In der Schweiz haben YB und der FCZ sogar einen LGBT Fanclub. In bestimmten Ländern, wo Rassismus und Homophobie im realen Alltag noch spürbar sind, gehören rassistische und homophobe Choreographien auch zum Ultra- Repertoire. Unter anderem zeigten die Fans von Energie Cottbus bei einem Spiel gegen Dynamo Dresden einen Banner mit der Aufschrift „Juden“, wobei das ,,D'' die gleiche Schrift aufwies wie das Emblem von Dynamo. Frauen werden meistens nicht direkt in Ultra-Gruppierungen aufgenommen, genießen aber in den Kurven einen enormen Sonderstatus. Kampagnen gegen Gewalt an Frauen wären in Kurven genauso überflüssig wie Werbung für Bier. Wer es wagt Hand an einer Frau anzulegen oder besonders primitiv gegenüber Frauen und Freundinnen von Ultras zu sein, muss mit einer dicken Lippe rechnen. Der Mann fungiert noch als traditioneller und ehrenhafter Beschützer und die Frau nimmt eine beratende und vermittelnde Funktion ein. Sexistische Sprüche sind selbstverständlich an der Tagesordnung, diese bleiben aber Sprüche unter Männer, nicht mehr und nicht weniger. Man könnte fast annehmen, dass die Fankurven ein Indikator für den zivilisatorischen Stand der jeweiligen Gesellschaft sind.

Aufwändige Choreo der St. Gallener Ultras.
Bildquelle: fcsg.ch
Aus libertärer Perspektive würde ich behaupten, dass der wesentliche Unterschied von einer Ultra-Gruppe und dem Staat ist, dass homophobe oder rassistische Fangruppen kein territoriales Monopol mit Gewaltandrohung etablieren wollen und auch nicht können. Niemand muss sich einem rassistischen oder homophoben Kollektiv anschließen oder unterordnen. Die Schweizer Fankurven weisen nichtsdestotrotz ein hohes Maß an Vernunft, Kreativität und Solidarität auf und dies alles auf freiwilliger Basis ohne jeglichen Zwang. Rassismus und Homophobie werden immer seltener.

Mediale Verzerrungen

Viele mögen noch die Bilder von der „Schande von Zürich“ vor Augen haben, wo vermummte FCZ-Ultras die Tartanbahn stürmen um den GC-Fansektor anzugreifen, nachdem diese geklaute Fahnen der ältesten Ultra-Gruppierung des FCZ („Boys Zürich“) präsentiert haben. Hierbei gilt festzuhalten, dass der „Pyro-Trottel“ (Blick)  nicht mal Mitglied dieser Gruppierung war. Das Verwenden von Waffen gilt nämlich unter den Schweizer Ultras grundsätzlich als verpönt. Als die FCZ-Gruppierung „Kreis 4“ Pyros auf Basler Familien im St. Jakob-Park warf, wurde diese Gruppe von den anderen Fangruppen aus der Kurve auf unbestimmte Zeit exkludiert.

Niemand hat die Absicht Fangruppen zu schikanieren?

Angetrieben durch die Hetze der Einheitsmedien und der Profilierungsneurose von Berufspolitikern macht sich der Schweizer Staat daran, die letzte libertäre Zelle des Landes im Keim zu ersticken. Das Hooligan-Konkordat droht die Fanszene nachhaltig zu zerstören. In Ägypten führten kampferprobte Ultra-Gruppierungen die Demonstrationen gegen das autokratische Regime von Mubarak an und formierten die unbewaffnete Bevölkerung, um gegen den Staat zu revoltieren. In der Schweiz will man gerade diese Gruppen mit einem perfiden Gesetz präventiv aus dem Verkehr ziehen. Das revidierte Hooligan-Konkordat lässt der Polizei Tür und Tor offen für willkürliche Maßnahmen, vor, während und nach den Spielen. 

Alkoholverbot, Intimkontrolle, Ausweispflicht, Deportationen zu den Spielen, Kombi- Ticket-Pflicht, Totalüberwachung oder Choreo- und Fahnenverbot bis hin zur Bewilligungspflicht für Fußballspiele, um nur einige Beispiele aufzuzählen, erinnern an die Methoden des Ministerium für Staatssicherheit der DDR, allgemein bekannt als „Stasi“. In der DDR wurden ebenfalls die systemkritischen Fangruppen staatlich unterdrückt. Einige Vereine (BFC Dynamo, Lokomotive Leipzig, Dynamo Dresden) besassen in der DDR einen Sonderstatus, weil sie die staatlichen Kaderschmieden der sozialistischen Diktatur waren. Die DDR wollte international mit Spitzenteams mithalten und pushte seine Vorzeigevereine mit dubiosen Mitteln. Spieler von nicht geförderten Vereinen wurden zwangstransferiert oder Schiedsrichter bestochen, damit die Systemclubs auch immer die Plätze für internationale Qualifikationsspiele erreichten. Fangruppen von anderen Clubs wurden von der Stasi regelrecht schikaniert und grundlos inhaftiert, weil Anti-DDR-Lieder im Stadion nicht ins Bild des einheitlichen Staates passten. Der Stasi-Club schlechthin und Serienmeister BFC Dynamo mit Ehrenvorsitzenden Erich Mielke (ehemals Stasi-Chef) galt als besonders verhasst. Selbst die BFC-Anhänger machten sich über teilweise eindeutige Fehlentscheide bei Spielen lustig und provozierten gegnerische Fans mit dem Lied: „Wer soll unser Führer sein? Erich Mielke, Erich Mielke“.

Die Fans von Vereinen wie Union Berlin, Hansa Rostock, Energie Cottbus, Carl-Zeiss Jena oder dem Chemnitzer FC goutierten dies alles natürlich nicht widerstandslos und sorgten regelmäßig für brutale Strassenschlachten mit der Polizei der verhassten DDR. Wenn bei Freistößen die gegnerische Mannschaft ihre Mauer aufstellte, skandierten die Fans von Union Berlin den legendären Schlachtruf „Die Mauer muss weg“. Fussball geht einher mit frei gelebten Emotionen, welche eine Gesellschaft beleben und auch widerstandsfähig gegen repressive Autoritäten machen. Genau diese Gruppen den Garaus zu machen wäre ein Armutszeugnis für ein angeblich freies Land. Auf einem Kleber der Ultras von GC steht sinnbildlich dafür: 

„D’emotionä frei lah entfaltä, d’kurve als freiruum erhaltä.“
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