Donnerstag, 2. Januar 2014

Über das selbstverständliche Verhängnis menschlicher Anpassungsfähigkeit

von Tommy Casagrande
Vieles was man mal durfte, ist mittlerweile durch den Brustton der Überzeugung verboten. So ist das mit gewaltmonopolistischen Strukturen. In Marokko küsst sich ein jugendliches Pärchen in einer Seitengasse und wird fotographiert. Nachdem das Foto anschließend auf Facebook gestellt wurde begann eine Hetzjagd auf die Jugendlichen. Sie mussten sich vor der Justiz verantworten, weil der Staat es verbietet und werden auf der Straße angespuckt und beschimpft.
Sobald hiesige Menschen derartige Zustände sehen, glauben sie weitaus toleranter zu sein, bemerken aber nicht, dass sie selbst schon viele Freiheiten, die natürlich sein sollten, aus Überzeugung ablehnen und die Macht dem Staat zusprechen Lebensumwelten zu planen und zu lenken. "Wir" sind noch nicht Marokko, aber auf einem guten Weg dorthin. Über die Zustände der Unfreiheit in anderen Ländern braucht man nicht zu klagen, wenn dieselben Tendenzen im eigenem Lande schleichend sich jenen annähern.
Der Mensch ist ein seltsames Wesen, leider manchmal viel zu sehr fähig sich anzupassen und sich zu gewöhnen. Bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren Menschen jüdischer Religion einfach Mitmenschen wie jeder andere auch. Kaum werden Gehirne indoktriniert, scheinen sich Nervenzellen neu zu verkapseln. Plötzlich mochte man keine jüdischen Menschen mehr. Als wäre man einer Gehirnwäsche unterzogen worden, ist die Welt von früher mit dem eigenem Bewusstsein untergegangen. Auf einmal gab es Menschen, die man zu Feinden machte, die zuvor Freunde waren.
Diese Entwicklungen sind furchterregend und doch überall zu sehen. In den 70ern durfte man viele Dinge noch, die heute verboten sind. In den 70ern waren die damaligen Freiheiten selbstverständlich und wurden als normal empfunden. Es störte sich keiner an der Freiheit. Im Zuge zunehmender Ideologisierung und Politisierung, die gleichsam mit Verstaatlichung einherging, wurde eine jede neue Unfreiheit als selbstverständlich akzeptiert. Nur gesellschaftliche Außenseiter und Randgruppen mokierten sich darüber. Dem Rest blieb das Hamsterrad aus Arbeit am regulierten Arbeitsmarkt (falls wer eine Arbeit fand) und dem durch Fiat Money angereizten Konsumwahn (um das Nachdenken nicht zuzulassen). Interessant wäre, welche Freiheiten wir heute noch als selbstverständlich empfinden, die morgen mit der gleichen Selbstverständlichkeit als unanständig empfunden werden. Und irgendwie will ich es gar nicht wissen.
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Foto: Frankfurter Rundschau

Kommentare:

  1. Auch wenn ich dem Artikel ansonsten zustimme, muss ich eine Sache etwas korrigieren: Die Nazis haben den Antisemitismus nicht erfunden. Der war auch vorher schon durchaus verbreitet.

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  2. WKV hat gesagt...

    Egal, was und wo man liest, ohne Nazi-Vergleich geht heute nichts. Anscheinend sind die libertären Macher dieses Blogs also auch sehr angepasst.

    Was denn konkreten Nazi-Vergleich angeht: Die Mehrheit der Deutschen hat die NSDAP nie gewählt. Im März 1933 waren es 43,9%, laut Wikipedia - es gab keine 5%-Hürde, die Stimmengewichtung im Parlament war also sehr genau. Selbst unter den NSDAP-Mitgliedern waren nicht alle Judenhasser. Die Mehrheit hat Hitler auch nicht zum Diktator gewählt, das waren gewählte Parlamentarier, die Hilter Blanko-Vollmachten ausgestellt haben (später nach Kriegsende in der BRD haben sich genau diese Leute gegen die direkte Demokratie ausgesprochen, weil ja das dumme Volk den Flaschen wählen könnte).

    Davon, dass die Mehrheit der Menschen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich besonders anpepasst und indoktriniert war kann überhaupt nicht die Rede sein, das ist allerhöchsten heute der Fall, wo es unendliche viele Medien gibt, die aber nahezu alle das Gleiche schreiben (weil sie zu wenigen großen Medienkonzernen gehören) und die Leute wählen in das, was die gleichgeschaltet Meinungsindustrie verbreitet.

    Bedauerlicherweise glaube ich, dass die gedankliche Gleichschaltung (Anpassung/Indoktrination) heute im Zeitalter der Massenmedien viel größer ist als sie es im Dritten Reich jemals war. Denn damals gabs kaum TV-Besitzer, selbst Radio hatten nur wenige und die haben am Tag nur wenige Stunden gesendet und es wusste auch jeder, dass es von der Regierung kam, heute gaukelt man Regierungsunabhänigkeit vor. Die Schule war für die meisten nach der achten Klasse vorbei. Heute achtet die Politik peinlichst drauf, dass ja niemand "falsches" Einfluss ausübt. Bei Erziehern beginnt es (in einem Kindergarten wurde die Ehefrau eines NPD-Lokalpolitikers rausgemobbt =Sippenhaft).........
    Ein schwuler Leher wird vorsorglich vom Schuldienst suspendiert, weil er spontan kurz eine Rede auf einer ProNRW-Demo gehalten hatte. Die Ausrichtung der Partei kannte er zu dem Zeitpunkt noch nicht. So könnte man die Liste endlos fortsetzen.

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