Mittwoch, 15. Januar 2014

Freiheit - 100% oder gar nicht

von Tommy Casagrande
Manch einer meint sich lustig machen zu müssen über die konsequente Vertretung, dass Freiheit 100%ig sein muss. Auf diese undurchdachte Lustigmacherei will ich heute Bezug nehmen, da doch einem jeden mit ein bisschen Hausverstand und Systemanalytik bewusst sein muss, dass die Aushöhlung von Grundsätzen so lange kein Ende kennt, bis einem die daraus resultierenden Tatsachen nicht mehr gefallen. Die Begriffspaarung Freiheit und Unfreiheit zäumt man wie ein Pferd bei der Definition der Freiheit, und nicht der Definition der Unfreiheit auf. Erst liegt eine Definition der Freiheit vor und wenn diese Definition durchbrochen wird, lässt sich von Unfreiheit sprechen. Macht man es andersrum, wird es schwieriger. Wo beginnt die totale Unfreiheit? Gibt es nicht immer einen noch furchterregenderen Punkt in unseren Fantasien, den wir an den Anfang setzen können? Bei der Freiheit ist das anders, denn hier gibt es eine Konstante, die für jeden Menschen wahrnehmbar ist: Er selbst. 

Somit ist natürlich jeder, der nicht zu 100% er selbst sein darf/über sich selbst verfügen darf, auch nicht wirklich frei und jemand der dies als Freiheit bezeichnet, übt Verrat am Freiheitsbegriff. Der Begriff Freiheit duldet in seiner Definition keine Unfreiheit, andernfalls müsste man ein anderes Wort benutzen. Nur begreifen die wenigsten, dass Freiheit die Unfreiheit zu 100% ausschließt. Andernfalls stünden auch Pol Pot, Mao, Hitler und viele andere für Freiheit, denn gemessen an der konsequenten Einhaltung der Freiheit waren sie doch recht inkonsequent. Was ich damit sagen will: Wenn Freiheit nicht konsequent zu vertreten werden braucht, um dennoch als Mäntelchen in Anspruch genommen werden zu können, so gibt es keinen Menschen, der jemals gelebt hat, der nicht mit Fug und Recht hätte behaupten können, für Freiheit zu sein. Freiheit meint unter solchen Beugungen seiner Begrifflichkeit alles und nichts, jeden und niemanden und ist dann schlussendlich nur noch eine Worthülse, die ich beliebig mit allem füllen kann, was mir vorschwebt, denn konsequent dem Begriff zu dienen ist ja dann längst kein Kriterium mehr für seine Inanspruchnahme. 

Begriffe leben von ihrer Ausschließlichkeit ihres Sinnes. Diese Ausschließlichkeit schließt sein Gegenteil aus. Freiheit ist nicht Unfreiheit und Unfreiheit ist nicht Freiheit. 

Wenn man Freiheit für sich in Anspruch nehmen kann, auch wenn man diesen Begriff nicht zu 100% vertritt, dann kann man vielen anderen Menschen auf dieser Welt, inklusive Parteien, nicht den Vorwurf der Unfreiheit machen, da auch diese keine 100% Unfreiheit wünschen. Und worüber man dann eigentlich diskutiert, wenn man den Gegensatz einer freien Gesellschaft mit der einer unfreien Gesellschaft aufbaut, erschließt sich mir dann nicht. Es scheint dann nur ein Geplänkel über subjektive Geschmäcker zu sein. Das Wesen eines Grundsatzkonfliktes hat man damit ja zuvorderst eliminiert, weil Begriffe ja keine 100%ige Deckung brauchen, um benutzt werden zu können. 

Der Begriff der Freiheit definiert sich negativ als ein ,,in Ruhe gelassen werden vor der Gewalt anderer''. Er definiert sich aber nicht an der Vorstellung, dass es eine 100%ige Unfreiheit erst geben muss, damit es keine Freiheit mehr gibt. Der negative Freiheitsbegriff leitet sich aus dem Selbsteigentum eines jeden Menschen ab, nicht an der theoretischen Vorstellung einer 100%igen Unfreiheit, wie auch immer diese aussehen soll, um als solche dann erkannt und bewertet zu werden. 

Unfreiheit hingegen leitet sich aus der Gewalt ab, welche das Ausüben des Selbsteigentums eines Menschen verhindert. Insofern ist bereits 1% Gewalt exakt 1% zu viel an Unfreiheit und kann nicht als Ausdruck von Freiheit umgedeutet werden, nur weil es theoretisch noch schlimmer kommen kann (was es oft im Zuge einer derartigen Entwicklung wird, bei der Grundsätze ausgehöhlt und unterwandert werden, frei jeder rechtsphilosophischen Überlegung ob deren Legitimation).

Der Verrat an der Freiheit ist nicht Sozialismus, da Sozialismus freiwillig sich vergesellschaften lässt und damit im Einklang mit dem Freiheitsbegriff steht. Es kann erzwungener Sozialismus oder auch erzwungener Kapitalismus sein, der den Freiheitsbegriff verrät. Aber auch andere gesellschaftskonzeptionelle Ideen, so lange sie auf einer Idee einer erzwungenen Vergesellschaftung beruhen, sind gleichsam ein Verrat an der Freiheit. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer aus dem Freiheitsbegriff die Freiwilligkeit verbannt, der erst das Wesen der Freiheit verkörpert, der verrät die Freiheit. Und hierbei ist es unterschiedslos ob man es zu 1% oder zu 100% macht.
___________________ 
Foto (vor der Bearbeitung): primism.com 

1 Kommentar:

  1. Deshalb ist Freiheit (als negative Freiheit von allem, dem mensch nicht willentlich zustimmt) und Recht bzw. Staat wohl theoretisch unvereinbar. Selbst die klassisch-liberale Gesellschaft verlangt Anerkennung ihres Rechts und alle Freiheit ist nur innerhalb des jeweiligen rechtlichen Rahmens erlaubt/theoretisch beschrieben.
    Theoretische (also primäre, nicht sekundär und partiell gewährte) Freiheit ist also nur in Staatenlosigkeit zu praktizieren. Das hieße, wie im Text oben geschrieben, z.B. freiwillige sozialistische (z.B. Kibbuz, Kloster) oder besitzwirtschaftende (nicht Eigentum, da ohne Staat/Recht kein Eigentums-Rechtstitel) etc. Kommunen. Kommunitäres Leben und Freiheit wiederum haben aber ihre eigenen Schwierigkeiten, wohl vor allem praktischer Art. So sind z.B. Kommunen für ihre Erhaltung auf relativ engere Gemeinschaft und mehr inhaltlliche Solidarität/Homogenität (im Vergleich zu abstrakteren Staatsgesellschaften) angewiesen. Selbst wenn Kommunen eine Exit-Option haben, ist die inhaltliche Vorprägung der einzelnen Menschen durch die Sozialisation und strukturelle Integration in Kommunen eher noch stärker als in Gesellschaften. [Daher ist es vermutlich auch richtig, wenn Herbert Marcuse bei den Randgruppen und Rand-Individuen einer Gesellschaft (oder auch Gemeinschaft) ein höheres Abweichungspotenzial vermutet.]
    Thomas Hobbes sagte: Freiheit oder Recht. Vermutlich zurecht.

    AntwortenLöschen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *