Montag, 13. Januar 2014

Ein moralischer Standard für alle

Sheldon Richman
von Sheldon Richman

Libertäre machen gerne den unsinnigen Fehler, zu glauben, dass sich ihre grundsätzlichen Prinzipien radikal von denen der meisten anderen Menschen unterscheiden. Denken Sie darüber nach, wie viel leichter es wäre, andere zu einem libertären Standpunkt zu bewegen, wenn wir erkennen würden, dass sie in wesentlichen Dingen bereits mit uns übereinstimmen.

Wovon ich rede? Es ist recht einfach: Libertäre glauben, dass die Initiierung von Gewalt falsch ist. Das tut auch die überwältigende Mehrheit Nicht-Libertärer. Sie glauben ebenfalls, dass es falsch ist, sich am Körper oder Eigentum anderer zu vergehen. Ich denke nicht, dass sie dies bloß unterlassen, weil sie die Konsequenzen fürchten (Vergeltung, Strafverfolgung, Geldstrafen, Freiheitsstrafen, Rückgang des Wirtschaftswachstums). Sie unterlassen es, weil sie spüren, dass es unanständig, falsch und ungerecht ist. In anderen Worten: Auch wenn sie es nie in der Form aussprechen, glauben sie, dass Individuen einen Selbstzweck haben und nicht einfach Mittel zu Zwecken anderer sind. Sie glauben an die Menschenwürde von Individuen. In der Folge nehmen sie moralische Eigenräume anderer wahr und erkennen diese an. (Das muss nicht heißen, dass sie darin konsistent sind, aber wenn dies nicht der Fall ist, fühlen sie sich zumindest gezwungen, dies vernünftig zu begründen.) 

Dies ist der Ausgangspunkt libertärer Philosophie, zumindest aus meiner Betrachtung heraus. (Ich bin kein berechnender Konsequentialist oder Utilitarist, aber ebenso wenig ein prinzipienversessener Deontologe. Deutlich wohler fühle ich mich mit der griechischen Herangehensweise zur Moral des Eudämonismus, der wie Roderick Long schreibt, „ausdrückt, dass Werte wie Vernunft und Nächstenliebe für die Ausgestaltung dessen wichtig sind, was Recht bedeutet, aber auch, dass - in wechselseitiger Korrektur - Recht entscheidend für die Ausgestaltung von Werten wie Vernunft und Nächstenliebe ist.“ Aus dieser Warte ist Recht, oder die Anerkennung von Rechten wie andere Werte ein internalistisches, oder selbstbegründendes Mittel (im Gegensatz zu einem instrumentellen Mittel) zum endgültigen Zweck allen Handelns, Gedeihens, oder des guten Lebens.

Libertäre unterscheiden sich darin von anderen, dass sie das Tun aller Menschen den selben moralischen Standards unterwerfen. Andere unterhalten einen Doppelstandard; den Leben-und-leben-lassen-Standard für "Privatpersonen" und einen anderen, völlig gegensätzlichen für Staatspersonal. Alles was wir tun müssen, ist es, den Leuten dies aufzuzeigen und alles wird gut. 

Okay, das ist vielleicht ein wenig vereinfacht. Aber wenn ich damit halbwegs richtig liege, werden Sie zugeben müssen, dass die Aufgabe der libertären Überzeugungsarbeit damit um einiges leichter zu händeln scheint. 

Sokrates ginge durch die Agora in Athen und wiese die Leute darauf hin, dass sie unwissentlich widersprüchliche Moralvorstellungen pflegen. Indem er sie mit bohrenden Fragen durchlöcherte, brächte er sie dazu, ihre Ansichten neu anzupassen bis sie miteinander im Einklang stünden und sie der erhabeneren Ansicht den Vorrang einräumten. (Mag das bedeuten, Agoraphobie ist als Furcht davor entstanden, im öffentlichen Raum von einem griechischen Philosophen blöd angequatscht zu werden?) Diese Harmonisierung ist auch als reflektives Gleichgewicht bekannt, obgleich Long die Aktivität betont; eher also eine reflektive Gleichgewichtsfindung denn ein Endzustand.

So verbleibt Libertären nur die Option, eine gewisse Reihe von Gedankenexperimenten zu durchzuspielen um andere für ihre Ansichten zu gewinnen. 

Zum Beispiel, wenn ich richtigerweise als bewaffneter Räuber erkannt würde, weil ich meine Nachbarn unter Gewaltandrohung dazu aufforderte, sie müssten mir einen gewissen Prozentsatz ihres Einkommens übergeben, damit ich daraus vielleicht die Hungrigen speisen, den Obdachlosen Wohnung gewähren und den Senioren eine Rente zahlen würde, wieso wird ein Staatsangestellter dann nicht genauso als ein solcher erkannt? Wenn ich nicht dazu berechtigt bin, Menschen irgendwelche Dinge aufzuzwingen, wie dies beispielsweise der Affordable Care Act, Gesundheitsreform, tut, weshalb sind es Barack Obama und die Kongressabgeordneten dann? Wenn ich Ihnen nicht unter Gewaltandrohung verbieten kann, Marihuana, Heroin oder Kokain zu konsumieren, wieso können dies dann Beauftragte der Drogenvollzugsbehörde schon?

Diese Beamten sind Menschen. Sie sind ein Mensch; ich bin ein Mensch. Deshalb sollten wir die gleichen Grundrechte genießen. Daher dürfen das, was Sie und ich nicht tun dürfen, auch die nicht tun. Die Last, diese Begründung zu entkräften liegt daher auf den Schultern derer, die den libertären Standpunkt ablehnen. 

Unzweifelhaft würden die meisten Nicht-Libertären nun entgegnen, jene Staatsangestellten seien doch in Einklang mit der Verfassung vom Volke gewählt worden, oder zumindest angestellt worden von denjenigen, die so gewählt wurden. Daher dürften sie tun, was Ihnen und mir verboten ist. Das ist allerdings keine hinreichende Begründung. Wenn Sie und ich kein Recht dazu haben, andere zu besteuern und zu regulieren, wie könnten wir dieses nicht-existente Recht durch Wahlen an jemand anderen delegieren? Das können wir ganz offensichtlich eben nicht. (Frédéric Bastiat führte diesen Punkt in Das Gesetz aus) 

Genau dies sehe ich als den Nabelpunkt der libertären Philosophie. Niemand hat das Recht, Menschen bloß als Mittel zu benutzen - egal wie edel die Zielsetzungen dazu sein mögen. Niemand. Die Folge davon ist, dass wenn Sie nach irgendjemandes Kooperation verlangen, denjenigen zur Erteilung seiner Zustimmung überzeugen müssen (so wie dadurch, dass Sie ihm einen beidseitig vorteilhaften Austausch anbieten) und nicht zwingen dürfen. Dieser Grundsatz muss auf jedes menschliche Verhalten angewendet werden.

An dieser Begründung dürften vor allem diejenigen Gefallen finden, die Gleichheit befürworten - denn was könnte ihr Ideal besser verkörpern als diese libertären Grundsätze, welche die fundamentalste Gleichheit aller Menschen begründen? Ich meine nicht Ergebnisgleichheit, Einkommensgleichheit, Chancengleichheit, Gleichheit an Freiheiten, oder die Gleichheit vor dem Gesetzgeber, sondern etwas viel grundlegenderes: Das, was Long die Gleichheit an Autorität nennt. Man findet sie auch bei John Locke (Zweite Abhandlung über die Regierung, Kapitel 2, §6

,,Und die Vernunft [lehrt uns], dass niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben und Besitz, seiner Gesundheit und Freiheit Schaden zufügen soll. [...] Und da sie alle mit den gleichen Fähigkeiten versehen wurden und alle zur Gemeinschaft der Natur gehören, so kann unter uns auch keine Rangordnung angenommen werden, die uns ermächtigt, einander zu vernichten, als wären wir einzig zum Nutzen des anderen geschaffen.  [...] [Es] sei denn, dass an einem Verbrecher Gerechtigkeit geübt werden soll“, fährt Locke fort; sonst solle niemand „das Leben eines anderen, oder was zur Erhaltung des Lebens dient: Freiheit, Gesundheit, Glieder oder Güter wegnehmen oder verringern.“ 

Long macht eine entscheidende Schlussfolgerung dieser Idee darin aus: „Die Locke'sche Gleichheit schließt nicht bloß die Gleichheit vor Gesetzgeber, Richter und der Polizei ein, sondern auch noch viel wesentlicher die Gleichheit mit Gesetzgebern, Richtern und Polizisten“ 

Ein moralischer Standard für alle, ohne Ausnahme, ohne Privilegierungen. Das ist ein geeignetes Plädoyer für die libertäre Philosophie. Die gute Nachricht ist, dass die meisten Menschen schon mehr als zur Hälfte dort angekommen sind.
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Foto: Western New England University

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