Montag, 9. Dezember 2013

Habermanns Richtigstellung: Anarchismus

Prof. Gerd Habermann
von Prof. Gerd Habermann
Diesen Monat: Anarchismus
Es gibt einen ,,guten'', d. h. individualistischen und einen ,,schlechten'', d. h. kollektivistischen Anarchismus. Beim ersteren geht es darum, eine vollständige Privatrechtsordnung herzustellen, in der selbst Erzwingungsrechte zur Verteidigung von Leben und Eigentum in der Hand von privaten Individuen oder Firmen, etwa Versicherungsagenturen, liegt. Eine unter modernen Bedingungen kaum durchführbare Utopie, die gegenwärtig besonders von Murray N. Rothbard und Hans-Hermann Hoppe vertreten wird. Der ,,schlechte'' Anarchismus beginnt mit einer ,,Vergemeinschaftung'' des privaten Eigentums durch Kollektive, die zwar den Staat beseitigen, aber an seine Stelle nur die Willkür von nonzentralen Kollektiven, etwa Kommunen, setzt. Schon wegen dieser Feindschaft zu Privateigentum und Marktwirtschaft ist dieser Anarchismus utopisch im schlechten Sinn. Er ist dem Sozialismus verwandt:,,Sozialismus ohne Staat''. Hauptvertreter: Die russischen Theoretiker Kropotkin, Bakunin und Netschajeff.

Literaturtipp: Murray N. Rothbard: Ethik der Freiheit, St. Augustin 1999.
Diesen und weitere Begriffe finden Sie in Gerd Habermanns ,,polemischem Soziallexikon''.
_________________________ 
Prof. Dr. Gerd Habermann, Jahrgang 1945, ist Wirtschaftsphilosoph, Hochschullehrer und freier Publizist. Er ist seit 2003 Honorarprofessor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, Initiator und Mitgründer der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und der Friedrich-August von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft
Bei Freitum erscheint monatlich ,,Habermanns Richtigstellung''.

Kommentare:

  1. was ist denn das bitte für eine richtigstellung??
    zu einer richtigstellung gehören argumente :)

    AntwortenLöschen
  2. Der Text ist Habermanns polemischem Soziallexikon entnommen. Es ist anzunehmen, dass dort keine allzu tiefgehenden wissenschaftlichen Abhandlungen vorzufinden sind, sondern lediglich kurze Begriffserklärungen. Und die nimmt er auch mit dem Begriff der Anarchie vor: Anarchie als etwas weitgehend Verpöntes wird hier zum Teil in ein gutes Licht gerückt, Stichwort "guter" Anarchismus. Das ist für die meisten Menschen durchaus etwas Neues. Und es wird der Unterschied zum "schlechten" Anarchismus erwähnt. Zum Einstieg sicherlich nicht verkehrt.

    AntwortenLöschen
  3. Anarchie bedeutet Abwesenheit von Herrschaft, linke Anarchie kann es deshalb gar nicht geben.
    Ohne Herrschaft gibt es keine Umverteilung, keine Enteigung.
    Der "schlechte" Anarchismus von welchem Habermann spricht ist ein Widerspruch in sich.

    AntwortenLöschen
  4. @Molot: Mit dem "schlechten" Anarchismus, ist der sogenannte Kommunistische Anarchismus gemeint.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So ist es. Genauere Unterscheidungen verschiedener Arten des Anarchismus sind unter anderem bei Voltairine de Cleyre nachzulesen: kommunistischer Anarchismus vs sozialistischer Anarchismus vs individualistischer Anarchismus usw

      Löschen
  5. @FREITUM
    Dann erklären Sie mir doch bitte, wie das in der Praxis funktionieren könnte mit dem kommunistischen Anarchismus.
    Wer sollte denn den Einzelnen daran hindern, sein Eigentum einfach zu behalten?
    So ganz ohne Herrschaft?

    AntwortenLöschen
  6. Es kann in der Praxis nicht funktionieren. Das ändert nichts daran, dass es theoretische Schriften über einen kommunistischen Anarchismus gibt, die dafür eintreten das Privateigentum zu vergemeinschaften. Dass das in der Praxis nicht klappen kann, ist klar. Gemeineigentum schürt erst Konflikte.

    AntwortenLöschen
  7. Tendenziell hat Habermann recht, aber im Detail nicht. Zuerst eine Richtigstellung, der Herr Netschajeff war kein Theoretiker, wahrscheinlich kein Anarchist und auf jeden Fall kein wichtiger Theoretiker. Und wenn man über Anarchismus schreibt, muss man unbedingt bei Proudhon anfangen, der hat den Begriff nämlich in die politische Diskussion eingebracht. Und auch vor Rothbard gab es Eigentumsanrchisten, auf die er sich ja auch gestützt hat (z.B. Stirner, Tucker, Mackay). Es ist richtig, dass es im klassischen Anarchismus eine starke antikapitalistische Tendenz gab, allerdings beruhte die, ich ich meine zeigen zu können, auf einem Selbstmissverständnis. Rudolf Rocker, ein deutscher Anarchosyndikalist, hat im Exil in den USA erstaunt festgestellt, dass der klassische Liberalismus dem Anarchismus näher stünde als der Sozialismus. Sein Buch “Nationalismus und Kultur” hat dazu beigetragen, den Sozialdemokraten (New Dealer) Charles A. Beard zum (konservativen [aber nicht im Sinne von Hoppe & Co.]) Anarchisten zu machen. Es war ein Fehler, dass die Anarchisten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg mit den Sozialisten und Kommunisten und nicht mit den Liberalen sich verbündet haben, aber daran waren die Liberalen auch nicht unschuldig, denn sie kämpften für den status quo des Interventionismus, der für die Armut verantwortlich ist. Die ganz große Katastrophe für die anarchistische Theorie war aber dann nach den Niederlagen in der Ukraine und in Spanien sowie der Zäsur des Nationalsozialismus die Vermischung mit dem Marxismus während der Studentenrevolte der 1960er Jahre, namentlich die Bücher “Linksradikalismus” von Daniel Cohn-Bendit sowie von Daniel Guerin (Titel habe ich gerade nicht im Kopf), für die Anarchismus einfach “Militanz” bedeutete, während in der Theorie Marx als einzig diskutable Größe verhandelt wurde. Die heutigen “Anarchos” sind Kinder dieser Entwicklung. Sie haben mit Kropotkin nicht das geringste zu tun – das Verhältnis der “Anarchos” zum klassischen Anarchismus ist das Gleiche, das heutige amerikanische “Liberals” zum klassischen Liberalismus haben.

    AntwortenLöschen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *