Donnerstag, 12. Dezember 2013

Franziscus redemptor oder: Ist der Papst der bessere Unternehmer?

Papst Franziskus: der Antikapitalist.
von Dr. Peter J. Preusse
Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne...
Dass ich mich bis neulich auf Befragen selbst als „katholischen Atheisten“ stilisiert hatte, war, neben der Lust am Paradoxon und der Abwendung vom Gotteswahn vor allem ein Ausdruck der Opposition gegen das evangelische Milieu, das ich im Elternhaus erlebt hatte und das in seiner giftigen Reinkultur z. B. in Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander“ und in Otto Julius Bierbaums „Prinz Kuckuck“ beschrieben ist: Demonstrative Bescheidenheit, Sackleinen, nur ja kein Silberglanz, chronisch schlechtes Gewissen disziplinieren jede spontane sinnliche Lebenslust, wogegen das südländisch-katholische Milieu eher für die lebensfreundliche Kultur der armen Sünder steht, die zwar sonntags – vor dem Frühschoppen – beichten gehen, aber das wenigstens in einer möglichst barocken schmuck- und kunstvollen Kirche voller Sinnenschönheit und nicht ohne Weihrauch-Wirkung auf das Bedürfnis nach Festlichkeit, Stille, Wahrheit, und die die Woche in einer Art gesund balancierter Schizophrenie oder Doppelmoral zwischen dem höheren Menschen und dem wohlgenährten „Erdenrest, zu tragen peinlich“ zubringen.

Die Wut, die mich als Libertären beim flüchtigen Lesen – mehr kann ich meiner geschundenen Seele nicht zumuten – der antikapitalistischen Expektorationen des zeitgeistig gefeierten Papstes Franziskus überkommt, belastet diese gewisse Sympathie gegenüber dem Katholischen nun schwer: „Diese Wirtschaft tötet“ formuliert er fast unübertreffbar scharf in drei Worten, nur knapp abgeschlagen hinter der ultimativen Welterklärung amerikanischer Autogegner: „Speed kills.“ Es ist andernorts oft und erschöpfend herausgearbeitet, worin Irrtum und/oder Verlogenheit von moralinsaurer Kapitalismuskritik aus der etatistischen Ecke im Allgemeinen und von katholischer Soziallehre im Besonderen bestehen; hier mögen daher wenige Stichworte genügen: Erst der Kapitalismus, der kein „-ismus“ ist, sondern die Ordnung, die spontan entsteht, wenn Menschen per freiwilliger Übereinkunft statt per Ordre de Mufti die Arbeitsteilung, den Handel und den technischen Fortschritt organisieren, erst diese Gesellschafts- und Wirtschaftsform hat das immense Wachstum der Weltbevölkerung ermöglicht, erst die gewinnorientierte und verlustbedrohte Akkumulation von Produktionsmitteln schafft es zunehmend, diese Menschen satt zu bekommen und gesund zu erhalten, erst der Bedarf an Arbeitskraft schafft weniger initiativen Menschen die Freiheit der Wahl, die eigene enge Sozialstruktur verlassen und sich anderweitig orientieren zu können.



Neulich bei Mises’ History and Theory stolperte ich über das Wort „irredentists“, das mir als Zahnarzt natürlich gleich die schalkhafte Gedankenverbindung „Irre dentists“ eingab: Wie irre sind wir dentists, uns selbst durch den überragenden Erfolg unserer Prophylaxe und Frühbehandlung zunehmend überflüssig zu machen? Nachdem im Denunziantenstadl Wikipedia nur auf den z. B. italienischen Irredentismus verwiesen und das Wort von „terre irredente, unerlöste Gebiete“ erklärt wird, also eine Heim-ins-Reich-Ideologie, hilft das Lateinische weiter: Na klar, redemptor = der Erlöser, spukt da noch im Kopf herum, Gott oder Christus als Erlöser aus dem irdischen Jammertal, aktuell von Kolonialisten und Kapitalisten. Im Wörterbuch (Navigium) gibt es dann aber die grosse Überraschung: den Wortstamm des redemptors bildet das Verb emere = kaufen, nehmen, Beispiel parve / magno emere = billig / teuer kaufen. Emptor ist der Käufer, redemptio der 1. Loskauf, Rückkauf, 2. Bestechung, 3. Pachtung, 4. Befreiung, Erlösung und der redemptor selbst ist 1. Unternehmer, Pächter,  2. Erlöser, Befreier. Sieht ziemlich schlecht aus für den jenseitigen Erlöser, oder? Und wenn der katholischer Priester nach der Beichte sein „ego te absolvo“ spricht, dann hat das allgemeine Latein für absolvere 1. loslösen, befreien mit dem Beispiel aliquem cura familiari absolvere – jemanden aus finanziellen Schwierigkeiten befreien, 2. vollenden, erledigen, 3. darstellen mit dem Beispiel absolvere paucis verbis – mit wenigen Worten erzählen. Nur das Kirchenlatein kennt die Bedeutung des Freisprechens von Sünden. Und schliesslich der Hirte, der seine Schäflein rettet vor dem bösen Wolf: salvare heisst zuerst heilen, dann retten, erlösen, bewahren, erhalten.



Salvare, heilen, das ist mein Job, in dem ich so erfolgreich bin, dass ich mich arbeitslos zu machen drohe: Die Wünsche der Patienten, die trotz allumfassender staatlicher Anmassungen in meiner Praxis zu zwei Dritteln selbst bezahlen und also auch Kunden sind, bestimmen, was läuft, und nicht mein Interesse, möglichst leicht möglichst viel Gewinn zu machen; meine Zeitpräferenz lässt mich heute diese Patienten mit erfolgreicher Zahnheilkunde zufriedenstellen, die ich daher morgen weniger werde behandeln müssen und können, weil der Grenznutzen der Befriedigung der Kundenbedürfnisse weit grösser ist als der des absichtlichen Vertrauensmissbrauchs zugunsten der Arbeitsbeschaffung für kommende Jahre: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, wobei im lateinischen Text für erlösen liberare = befreien, freisprechen steht und statt des Bösen an solchem, was auch pravum hiesse, hat der lateinische Text malum im Singular = Übel, Leid, Krankheit, Verbrechen (phys., geistig, moral.), nicht das pluralische mala, das neben Übel, Leiden, Unheil auch das Böse bedeuten kann.

Und redemptor, der Unternehmer, der nur dann Erfolg hat, wenn er seinen Kunden von seinen Mangelzuständen befreit,  und zwar möglichst billig, damit ihm noch andere Freiheiten der Existenzsicherung bleiben, Freiheiten der Subsistenz, der Bedürfnisbefriedigung, des Lustgewinns, der Sicherung, der Nächstenliebe, der Bildung, der Wohltätigkeit, des Kunstschaffens, der Wahrheitsfindung und eben auch des Irrtums, zum Beispiel des Irrtums des Konsumrausches.

Kommt daher der Hass der Kleriker auf den Kapital“ismus“? Ist es die Konkurrenz um die Befriedigung all dieser menschlichen Bedürfnisse, in der der Pontifex maximus sich dem kleinsten „Kapitalisten“ unterlegen sieht? Nichts treibt so giftige Blüten wie Bruderhass, nichts macht so blind wie Hass in emotionaler Abhängigkeit, nichts ist so abgründig wie Kains Verhältnis zu Abel, dessen Opferrauch aufsteigt, wie das Verhältnis von Palästinensern zu ihren jüdischen semitischen Brüdern, deren Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft blüht. Der christlich-gläubige Wegbereiter libertärer Gedanken im deutschsprachigen Raum, Roland Baader, hat die Formulierung geprägt, dass das staatlich emittierte, kontrollierte und zum Kriegsführen und Stimmenkaufen so unentbehrliche Papiergeld der „Brennstoff des Höllenfeuers“ ist, was Goethe mit Mephistos „Papiergespenst der Gulden“ im zweiten Teil des Faust so hellsichtig dargestellt hat. Wenn aber einer sich auskennt mit der Hölle, dann ist es Dante mit seiner Göttlichen Komödie, in deren tiefen unentrinnbaren Höllenkreisen zahlreiche Päpste schmoren: Franziskus heizt sein eigenes Höllenfeuer, was anginge, wenn es nicht unsere Erde mit verdörrte. Während der Vorgänger Benedikt mit seiner gewaltigen Strafpredigt im Deutschen Bundestag, der in (zu?) gemässigte Umgangsformen gehüllten Vertreibung der Schacherer aus dem Tempel, meine Sympathie zur Kirche als moralischer Instanz gefördert hatte, stehen die Zeichen unter redemptor Franziscus auf diremptio = Trennung.

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