Mittwoch, 13. November 2013

Hooligans in Uniform: Die Gefahr kommt vom Staat und für den Staat

Von der Polizei ermordet: Gabriele Sandri
von Felix O. Mozart
,,Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik!‘‘ Schön wär’s, werden sich die meisten Fußballfans denken, insbesondere die medial gescholtenen Ultras und Hooligans – zwei Subkulturen, durch die der Fußball zunehmend zum Politikum wird. Dass dem so ist, liegt weniger im Interesse der Ultras und der Hooligans, sondern vielmehr im Interesse des Staats, der mit diesen Subkulturen ein wohlkalkuliertes Spiel spielt, das seine eigene Macht stärken soll.

Zum Verständnis: Was sind Ultras und Hooligans?
Ultras sind fanatische, loyale und organisierte Anhänger, bei denen der Sport und Support ihres geliebten Vereins im Vordergrund steht. Ihre Verbundenheit zum Verein äußern sie häufig mit Choreographien, Fahnen und dem Abbrennen von Pyrotechnik. Mit Ultragruppierungen anderer Vereine kommt es gelegentlich zu Auseinandersetzungen. Ein weiteres wichtiges Anliegen der Ultras ist der Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, die sie unter anderem nationalen und internationalen Fußballverbänden ankreiden (DFB, UEFA, FIFA etc.).
Hooligans hingegen suchen die direkte körperliche Konfrontation mit den Hooligans anderer Vereine. Gewalt ist ihre Triebfeder und steht im Vordergrund.
Es ist offensichtlich, dass es sich bei den Ultras und Hooligans um zwei verschiedene Subkulturen handelt. Die Massenmedien sparen sich die Mühe, hier stärker zu differenzieren. Stattdessen werden beide Subkulturen, die neben der Verbundenheit zu ihrem jeweiligen Verein ein kritisches Verhältnis zum staatlichen Gewaltmonopol eint, pauschal kriminalisiert. Da die Massenmedien die Begriffe ,,Ultra" und ,,Hooligan" meist synonym verwenden, wird dem gewöhnlichen Fußballfan der Unterschied zwischen diesen beiden Subkulturen des Fußballs kaum auffallen. Beiden Subkulturen wird allgemeinhin eine Vorliebe für Gewalt attestiert, sodass sowohl den Ultras, als auch den Hooligans ein eher schlechter Ruf in der Gesellschaft vorauseilt.

Wo ist das Problem?
Anders als etwa beim Staat und seiner Polizei gibt es bei den Ultras und Hooligans einen Ehrenkodex: Hooligans greifen nur Hooligans anderer Vereine an. Das numerische Verhältnis der Gruppen zueinander sollte dabei in etwa ausgeglichen sein. Bei Ultras, die weniger die Gewalt suchen, ist das im Falle einer Konfrontation ähnlich.
Es gilt der rechtliche Grundsatz des römischen Juristen Ulpian: Volenti non fit iniuria - dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht. Stoßen zum Beispiel zwei Hooligangruppierungen aufeinander, so werden die Konsequenzen dieser Konfrontation beidseitig akzeptiert, sofern der Ehrenkodex nicht verletzt wurde (etwa durch den Einsatz von Waffen oder große numerische Überlegenheit von einer der beteiligten Gruppierungen, was - ohne es schönreden zu wollen - gelegentlich auch vorkommt). Es ist wie beim Boxen: Willigt der Boxer ein, einen Kampf zu absolvieren, so kann er seinen Gegner im Nachhinein nicht für Verletzungen, die im Laufe des Kampfes entstanden sind, belangen, es sei denn, sie wurden ihm auf eine nicht regelkonforme Art und Weise zugefügt. Ähnlich wie Boxer willigen auch Hooligans einer Konfrontation ein. Außenstehenden geschieht kein Unheil.
Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Warum ist es kein Problem, wenn sich zwei Boxer schlagen (und das sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wird), und warum ist es ein Problem, wenn Hooligans das tun? Wieso ist es toll, wenn man gezwungen wird für einen Boxkampf im Fernsehen den GEZ-Rundfunkbeitrag zu zahlen, und warum ist es schlimm, wenn sich ein paar Hooligans prügeln, ohne dabei wen zur Kasse zu bitten?

Konstruktion eines Problems
Die von Hooligans und teilweise von Ultras ausgeübte Gewalt erfolgt auf einer freiwilligen Basis - es gilt Ulpians' rechtlicher Grundsatz. Akte der Freiwilligkeit sollten nie ein Problem darstellen. Der Staat sieht das jedoch anders und nutzt gerade bei den Subkulturen der Ultras und Hooligans, die Teil des Massenphänomens Fußball sind und dem Staat und seinem Gewaltmonopol eher kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, die Gunst der Stunde:
Ultras und Hooligans werden durch den Staat – etwa mithilfe seiner Massenmedien – als gemeingefährlich dargestellt und zu einem Feindbild stilisiert. Für den Ottonormalbürger gelten Ultras und Hooligans fortan als Chaoten, gegen die man – oder besser: die staatliche Polizei – vorgehen muss. Die Polizisten, auch bekannt als ,,Hooligans in Uniform‘‘, ausgestattet mit Schlagstock und Pfefferspray, ihr Gewaltmonopol brutal ausnutzend,  die Ultras und Hooligans bewusst provozierend und die direkte Konfrontation mit ihnen suchend, schaffen es das ,,Gewaltpotential‘‘ der Ultras und Hooligans öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Schaffen es die Polizisten diese ,,rebellierenden‘‘ Fußballhorden zu bändigen, so liefert sich der Staat seine besten Argumente für mehr Überwachung, mehr Kontrolle und mehr Macht  im Sinne der ,,Sicherheit'' quasi selbst: Durch die strategisch raffinierte Konstruktion des Problems ,,Ultra‘‘ und ,,Hooligan‘‘ - das in Wirklichkeit keines ist -, schafft es der Staat öffentlichkeitswirksam die Subkulturen der Ultras und Hooligans als ,,böse‘‘ zu enttarnen und kämpft gegen sie an. Der Staat bekämpft also das ,,Böse‘‘ – das macht ihn scheinbar zu etwas Gutem, stärkt sein Ansehen und legitimiert seine Macht und Gewalt. Dass er das Böse ist, darauf müsste man mal kommen!
Wie böse er sein kann, zeigt etwa der Fall Gabriele Sandri: Sandri war ein junger Anhänger des italienischen Hauptstadtclubs Lazio Rom, dem übertriebene Polizeigewalt (ein tödlicher Schuss) das Leben gekostet hat. Ein trauriger Tiefpunkt der Polizeigewalt beim Fußball, aber bitterer Fußballalltag zugleich. Das weiß jeder, der sich ein sogenanntes ,,Risikospiel‘‘ in der Bundesliga mal näher angeschaut hat: Öffentlich wahrgenommen als deeskalierende Einsatzkräfte sind es zumeist die Polizisten, die durch gezielte Provokationen die Gewalt aufseiten der Ultras und Hooligans zum Eskalieren bringen. Die Konfrontationen der Ultras und Hooligans mit der Polizei sind oft gefährlicher als etwa zwischen Hooligans konkurrierender Vereine, ziehen häufig Außenstehende in Mitleidenschaft und basieren somit auch nicht auf einer freiwilligen Basis. Die von den Polizisten ausgehende übertriebene Gewalt ist leicht erklärbar: Polizisten können sich bei Fußballspielen gepflegt austoben, ohne dabei zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ein Widerstand vonseiten der Ultras und Hooligans birgt für Polizisten aufgrund ihrer materiellen Überlegenheit (Körperschutz, Waffen, Pfefferspray, Wasserwerfer etc.) nicht wirklich große Gefahren.
Finanziert werden solche Polizeieinsätze vom Steuerzahler, der diese ,,Dienste‘‘, wie etwa den Mord an Gabriele Sandri, mit Sicherheit nie nachfragen würde. Die Polizei hat beim Fußball nichts zu suchen. Sie wirkt kontraproduktiv und kostet Geld.

Das Argument mit den Krankenkassen
Ein häufiger Einwand gegen die hier niedergeschriebenen Ausführungen ist, dass die Gewaltaktivitäten der Ultras und Hooligans die Krankenkassen belasten, was auf Kosten des gewöhnlichen Beitragszahlers geht und daher nicht zu akzeptieren sei. Das klingt verständlich. Nur müsste man, dieser Argumentation folgend, alle Handlungen, die ein gesundheitliches Risiko bergen, verbieten, oder willkürlich eine Grenze ziehen, ab wann etwas zu riskant ist und ab wann nicht. Es ist anzunehmen, dass das tägliche Rauchen einer Schachtel Zigaretten über einen Zeitraum von 30 Jahren die Krankenkassen und die Gesundheit mehr belastet, als ein Hooliganfight im Wald. Soll man deswegen nun das Rauchen verbieten?
Der wirkliche Fehler liegt im Gesundheitssystem, das den Menschen keine Anreize schafft, gesund zu leben. ,,Die Kassen werden es ja eh zahlen‘‘, denken sich viele. Und weshalb sollte man dann mit dem Rauchen oder dem Raufen aufhören, wenn es einem Spaß macht? Ein privates Gesundheitssystem mit stärkerer finanzieller Selbstbeteiligung würde hingegen Anreize schaffen, um sorgsamer mit der eigenen Gesundheit umzugehen. Womöglich hätten wir dann ein geringeres ,,Problem‘‘ mit den Ultras und den Hooligans. Und wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm.

Kommentare:

  1. Grundsätzlich kann ich mit dem Gesagten übereinstimmen. Was mir in dieser Betrachtung fehlt, sind die Beschädigungen an fremdem Eigentum, zu denen es während solcher Auseinandersetzungen kommt. Ich denke da an Sitzmöbel, die geworfen und Schaufenster, die davon getroffen werden.

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  2. es gibt.aber auch ausgemachte orte das nennt man feld wald wiese. da gibt es keine sachschaden. ich frag mich warum es da nicht sogar um rufmord geht was die medien berichten

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  3. Kaputte Stühle oder dergleichen sollten natürlich ersetzt werden. Dass diese ohne Polizei nicht in dem Ausmaß fliegen würden, ist eine andere Geschichte.

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