Mittwoch, 27. November 2013

Die Absurditäten des Etatismus im Alltag am Beispiel einer Zugfahrt

von Tommy Casagrande
Im letzten Waggon des Zuges gibt es eine Kinderecke mit einem Fernseher, wo rund um die Uhr Kinderserien laufen. Direkt daneben hat sich ein Mann hingesetzt und weiter hinten ein älteres Pärchen. Als die Fahrkartenkontrolleurin durchspazierte, fing der Mann an sich zu beklagen, dass der Fernseher zu laut sei und ob man ihn nicht leiser drehen könne. 
Er hat sich aber direkt neben diesen lauten Fernseher gesetzt. Der Zug war insgesamt nicht ausgelastet, sodass er auch den Waggon hätte wechseln können. Ein Kind saß währenddessen nicht vor dem Fernseher, aber bei jeder Station hätte eines einsteigen können. Die Kontrolleurin, die sich ihrerseits nicht auskannte mit der Technik ging weiter und bekam von der älteren Frau eines Pärchens die nächste Schelte zu hören. Der Fernseher würde Kinder taub machen, er sei zu laut und ob man ihn leiser drehen könne. Daraufhin kam ein wohl technisch kompetenterer Mann und drehte den Fernseher ab. Das ältere Pärchen hätte jedoch auch den Waggon problemlos mit ein paar Fußschritten wechseln können. Stattdessen wollte man den eigenen Willen durchsetzen. 
Das ältere Pärchen unterhielt sich in der Folge miteinander die nächsten 40 Minuten, ehe es den Zug verließ. In dieser Zeit dachte ich mir, dass aus dem selben Grunde, wie die ältere Frau sich am Fernseher störte, ich mich hätte an ihrem Gespräch stören können und auf Grundlage des selben Prinzips meinerseits fordern dürfen, dass sie miteinander leiser oder gar nicht sprechen. Die Ich-Bezogenheit unreflektierter Anspruchsforderungen führt dazu, dass viele Menschen den philosophischen Konflikt ihrer Handlungen und ihrer Durchsetzungswünsche gar nicht wahrnehmen. 

Warum setzen sich Menschen neben ein technisches Gerät, dessen Lautstärke sie eigentlich stört, obwohl sie in einem anderen Waggon genauso einen Sitzplatz finden würden? 
Zugleich konterkariert die ältere Frau ihr Bedürfnis nach Ruhe, indem sie das laute Fernsehgerät in der Folge darauf mit ihrer eigenen Stimme ersetzt. 

Was würde geschehen, wenn ein Mensch sich derartigen Alltagsforderungen entgegenstellt und sich explizit derartige Hintergrundgeräusche wünscht? Vielleicht sitzt jemand mit geschlossenen Augen im Zug und lässt sich durch den Ablauf der kindgerechten Handlungen sanft in den Schlaf wiegen? Wenn die ältere Frau fordert, das Fernsehgerät leiser zu drehen und ein anderer Fahrgast sich zu Wort meldet, dass er genau diese Lautstärke will - wem ist Recht zu sprechen? Soll man sich prügeln um der Wahrheit näher zu kommen?

Nur Eigentumsrechte sind fähig, der Gewalt durch die Begründung von Handlungen vorzubeugen. Doch hier kommt es bereits zu strukturellen Problemen.

Der Zug ist staatliches Monopol und ein Wettbewerb unter freiwilligen Anbietern existiert nicht. Weil der Zug staatliches Revier darstellt, ist er zudem öffentliches Eigentum. Zwar darf der Zugbetreiber die Regeln vorgeben, doch scheint dies in solchen Situationen nicht eindeutig zu sein, da die Menschen sehr wohl versuchen Einfluss auf die Auslegung und Interpretation der Regeln zu nehmen. Da es keinen tatsächlichen Eigentümer gibt, kommt es immer wieder zu Konflikten unter den Menschen, welche versuchen Einfluss auf die Regeln zu nehmen, um sie zu ihren Gunsten zu drehen. Das Problem ist, dass dadurch Konflikte geschürt werden und nur die Schockierung jener sanfteren Gemüter über die rüde Verhaltensweise der durchsetzungswilligen Mitmenschen verhindert eine gewalttätige Auseinandersetzung, zu der es jedoch permanent kommen kann aufgrund des Fehlens tatsächlicher Eigentumsverhältnisse.
Auch der Bezug zum Eigentum fehlt den Menschen, sodass sie derart unreflektiert sind und den Unterschied zwischen "meinem" und "deinem" nicht erkennen oder wahrnehmen. Doch was will man es den Menschen vorwerfen? Sie sind in Wahrheit arme Teufel, die auf etatistischen Strukturen sozialisiert wurden und die Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch, Recht und Unrecht, Ich und Du nicht zu erkennen vermögen. Denn würden die Menschen derartiges reflektieren, gäbe es im Alltag weitaus aufgeklärtere Verhaltensweisen im Bezug auf Konflikte, als es heutzutage der Fall ist.

Kommentare:

  1. Da braucht man gar nicht mit Etatismus etc. zu argumentieren. Tugenden wie Rücksichtnahme und Höflichkeit reichen aus. Das sind aber alte Tugenden, die man heute kaum mehr kennt. Von gestern.

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  2. Das erinnert mich an ein Erlebnis das ich vor ein paar Monaten hatte.

    Ich sass mit einem Freund im Warteraum eines Arztes, und wir unterhielten uns, in durchaus gedämpfter Lautstärke. Wir sprachen so über Gott und die Welt, über Politik und was wir so denken dazu.

    Nach einigen Minuten brach es aus einem anwesenden älteren Herren heraus: "Also SOWAS will ich mir nicht anhören, seien sie jetzt still!".
    Er bekam darauf hin einen schnippischen Kommentar und wir unterhielten uns während der restlichen Wartezeit darüber, wieviele der Misstände in unserer Gesellschaft darauf zurückzuführen sind, das Menschen die Wahrheit einfach nicht hören oder gar sehen wollen.

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